NIEDERWERRN

Von einem, der überlebte

Niederwerrn, wo es am jüdischsten war: Vera Nagel, John Verda und Lisa Goodman (von links) wandern auf den Spuren der Familie Gutmann durch den Altort, wo – wie hier neben der Dorfkirche – manchmal noch immer ein Hauch von „Shtetl“ herrscht.
Niederwerrn, wo es am jüdischsten war: Vera Nagel, John Verda und Lisa Goodman (von links) wandern auf den Spuren der Familie Gutmann durch den Altort, wo – wie hier neben der Dorfkirche – manchmal noch immer ein Hauch von „Shtetl“ herrscht. Foto: Uwe Eichler

„Wenigstens saßen die Frauen oben“ – Bettina Bärmann sieht die einstige Trennung nach Geschlechtern in der Niederwerrner Synagoge positiv: Der Frauenbereich befand sich einst auf einer Empore, heute ist in dem ehemaligen jüdischen Gotteshaus die Gemeindebibliothek untergebracht. Die zweite Bürgermeisterin führt, in Urlaubsvertretung, Lisa Goodman und deren Ehemann John Verda durch den Altort. Die gebürtige New Yorkerin, die heute als Geschäftsfrau in Kalifornien arbeitet, ist Urenkelin des Viehhändlers Max „Markus“ Gutmann. Der Sohn Aaron Gutmanns lebte von 1852 bis 1921 an der Wern.

1877 heiratete er die Händlertochter Jette Nordschild (1853 - 1882): Ebenfalls ein prominenter Familien-Name im einstmals „jüdischen“ Niederwerrn. Wo im 19. Jahrhundert bis zu 40 Prozent der Bevölkerung mosaischen Glaubens waren, und der Distriktrabbiner seinen Sitz hatte. Einige arbeiteten als Schmuser, „Hausierer“, die als reisende Kleinwarenhändler aber eine wichtige soziale Bedeutung hatten: Unter anderem arrangierten sie Ehen zwischen den Ortschaften, weiß Bärmann, deswegen auch das jiddische Wort „verschmusen“. John Verda nickt: „to schmooze“, das Wort für raffiniert werben gibt es auch noch im Amerikanischen.

„Normal“ seien die Beziehungen zwischen Juden und Christen im damaligen Franken gewesen, betont Bärmann; vor der Diktatur des „Dritten Reichs“ waren die Volksgruppen auf dem Land aufeinander angewiesen. Die Niederwerrner Geschäftsfrau, die aus Kleineibstadt stammt, hat noch am Vortag ihren Vater dazu befragt. Der übernahm als vertrauenswürdiger Nichtjude Arbeiten, die gläubigen Juden am Sabbat verboten waren, etwa das Lichtanzünden.

Ihrer Ahnenreihe nach ist Lisa Goodman jedenfalls Niederwerrnerin durch und durch: „Das geht zurück bis ins 18. Jahrhundert.“ Bis zu Mendel Baruch Gutmann (1769 bis 1852). Die Historikerin und Dolmetscherin Vera Nagel aus Bad Soden am Taunus, die Lisa Goodman begleitet, kennt die Familiengeschichte.

Der Rundgang beginnt im blumengeschmückten alten Rathaus: Einst war hier die jüdische Konfessionsschule, die „Judenschule“, dort untergebracht – mit Wohnung des Lehrers und einem Ritualbad. 1878 wurde sie neu eingerichtet, galt lange als schönstes Haus im Dorf. Noch 1933 gab es hier zwei Schüler. Im Gang befindet sich ein Stein mit dem Flügel-Wappen der Freiherren von Münster, die bereits in der Renaissance jüdisches „Know How“ rund um ihr Schloss ansiedelten und die Juden als frühe Wirtschafts- und Finanzexperten buchstäblich unter ihre Fittiche nahmen. Sicher nicht ohne Eigennutz.

Spurensuche

Im Altort, rund um die heute verschwundene Residenz der Schutzherren, der Wiesenburg, und ihrer Patronatskirche, finden sich viele ehemalige jüdische Wohnhäuser auf dem alten Katasterplan der Gemeinde: Ein Meier Gutmann lebte in der heutigen Schweinfurter Straße 32, Siegmund Gutmann in der Schweinfurter Straße 57, Arnold Gutmann unter der Hausnummer 50 , Baruch Gutmann am Unterbrunnen 5, Salomon Gutmann wohnte in der Zimmergasse 9, gleich neben der Dorfkirche. Drei Gutmanns stehen auf dem Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, der Gefreite Sally Nordschild hat 1915 das Leben für seine deutsche Heimat gelassen.

Die einstige Synagoge findet sich unter der Hausnummer Schweinfurter Straße 23. Ihre Entstehung im Jahr 1786 soll romantisch gewesen sein: Der aus Niederwerrn stammende Händler Löb Kent saß im Amsterdamer Hafen, „wettete“ seine letzten drei Gulden auf die Rückkehr eines überfälligen, deswegen versteigerten Ostindienfahrers: Die „Johanna Elisabeth“ traf im Hafen ein, der spätere Londoner Bankier stiftete vom Verkauf der Fracht seiner Heimatgemeinde eine große Synagoge.

Das Gotteshaus wie die verbliebene Gemeinde endeten grausam. Beim Novemberprogrom 1938 wurde das Mobiliar einschließlich der Thorarollen und Gebetbücher von den Nazis angezündet, nur die umstehende Wohnbebauung bewahrte das geschändete Bauwerk vor dem Niederbrennen. Die letzten neun jüdischen Niederwerrner wurden 1942 ins Ghetto Izbica nach Polen oder ins KZ Theresienstadt verschleppt. Auch die alteingesessene Familie Gutmann blieb vom Wahnsinn der NS-Vernichtungspolitik nicht verschont. Ein Sohn Max Gutmanns, Nathan, der zuletzt als Schuhwarenhändler in München gelebt hatte, erhielt Berufsverbot, wurde im November 1941 mit Ehefrau Berta und Tochter Inge ins litauische Kaunas deportiert, die Familie dort ermordet. Sämtliche Versuche des gebürtigen Niederwerrners zu emigrieren scheiterten. Allein sein Sohn Heinz konnte sich, mit zwölf Jahren, an Bord der „Manhattan“ nach New York retten: Der Vater von Lisa Goodman, der jetzt als Harry Goodman in Boston, Massachusetts, lebt.

Der Rundgang endet in der Zeilstraße 2, gleich neben dem neuen Jugendtreff, wo Max Gutmann mit seiner zweiten Frau, Philippine Frankenheimer, und zahlreichen Nachkommen gewohnt hat. Das kleine Haus hat die Jahrzehnte wohl so überstanden, wie es schon zu Gutmanns Zeiten aussah. Am Nachmittag fährt der Besuch aus Amerika dann weiter zum jüdischen Friedhof nach Obbach, um die dort begrabenen Familienmitglieder zu ehren.

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