SCHWEINFURT

Warum Eva Szepesi ihr Schweigen brach

Eva Szepesi berichtete als Zeitzeugin im Bayernkolleg von ihrem Leben im Konzentrationslager Auschwitz. Foto: Ursula Lux

50 Jahre hat sie geschwiegen, das Entsetzen hatte ihr buchstäblich die Stimme verschlagen. Nie mehr wollte die Jüdin Eva Szepesi von ihrer Flucht vor den Nazis und den Monaten im Konzentrationslager Auschwitz reden. 1995 aber, angesichts eines Besuchs in Auschwitz, zu dem ihre Töchter sie drängten, brach sie ihr Schweigen.

Sie schreibt und spricht über die Hölle, die sie als Zwölfjährige erlebt hat. „Es ist meine Pflicht, meiner Mutter, meinem Bruder und allen, die es nicht überlebt haben, eine Stimme zu geben“, sagt sie heute.

Szepesi weiß, dass die Menschen aus der Geschichte nichts lernen, sich aber sehr wohl von persönlichen Zeugnissen beeindrucken lassen. Im Rahmen der Reihe „Zeitzeugen berichten“ hatte das Bayernkolleg sie eingeladen, genau diese Betroffenheit und ein Gespür für die daraus wachsende Verantwortung im Hier und Heute zu wecken.

Im Saal hätte man eine Stecknadel fallen hören können, als Szepesi beginnt, aus ihrem Buch „Ein Mädchen auf der Flucht“ zu lesen und ihr Schicksal zu erzählen. Man merkt ihr an, dass die Erinnerungen belastend sind. „Es ist schon anstrengend, denn die ganzen Emotionen kommen wieder hoch“ erklärt sie, aber die Jungen sollen wissen, was damals geschehen ist, „verstehen können sie das sowieso nicht, es ist unmöglich, das zu verstehen“.

Eva wächst in Budapest auf. Bis zu ihrem achten Lebensjahr verbringt sie eine glückliche Kindheit, dann wird schlagartig alles anders. Ihre Spielkameraden beschimpfen sie plötzlich als „Saujüdin“, keiner will mehr mit ihr spielen. Sie ist zehn, als der Vater zum Arbeitsdienst nach Weißrussland muss, ein Jahr später wird er als vermisst gemeldet. Sie ist elf, als die Nazis Ungarn besetzen, ab jetzt muss sie den gelben Judenstern tragen. Die Mutter versucht, sie in Sicherheit zu bringen, schickt sie mit der Tante in die Slowakei. Sie verspricht, mit dem keinen Bruder nachzukommen. Eva Szepesi wird beide nie wiedersehen.

Die Tante übergibt sie in der Slowakei an einen Rabbi, der an eine Familie, die an zwei ältere Damen. Stationen, in denen es ihr eigentlich gut ging, aber „ich konnte das nicht genießen, weil ich ja immer auf ein Lebenszeichen meiner Mutter wartete, sie hatte es doch versprochen“, erzählt die gebürtige Ungarin. Mitte September 1944, in der Nacht, kommt die SS, jetzt heißt es, das Wichtigste packen und ins Sammellager. Von dort aus gehört sie zum letzten Transport, der ins Konzentrationslager geht. Sie sitzt im Viehwaggon, ängstlich, apathisch und von quälendem Hunger geplagt, die Luft ist „zum Ersticken“.

„Es ist meine Pflicht, meiner Mutter, meinem Bruder und allen, die es nicht überlebt haben, eine Stimme zu geben.“
Eva Szepesi über ihre Motivation, ein Buch zu schreiben

Aber das sollte noch nicht das Schlimmste sein. In Auschwitz werden sie von SS-Männern mit Hunden und Lederpeitschen empfangen, alles Persönliche wird ihnen abgenommen, sie müssen sich nackt ausziehen. Eine Aufseherin tritt die blaue Jacke, die die Mutter ihr gestrickt hat, mit Füßen. Dann kommt „das Schlimmste“: Mit einer Schere schneidet ihr eine Aufseherin die geliebten Zöpfe ab und wirft sie auf einen Haufen von Haaren. „Es war, als hätten sie mir meinen letzten Schutz genommen“, erinnert sich die Überlebende.

In einem unbeobachteten Moment raunt ihr eine Aufseherin zu: „Du bist 16!“ Die Zwölfjährige ist so verwirrt, dass sie die Behauptung bei der Registrierung wiederholt. Erst viel später erfährt sie, dass ihr das das Leben gerettet hat, denn die Kinder, die nicht arbeiten konnten, kamen gleich ins Gas. Die Neuzugänge bekommen Holzpantinen und gestreifte Häftlingskleidung und werden tätowiert. Ab sofort war ich nur noch A26877, erzählt Szepesi. Das Grauen des Lagers ergreift auch von den Zuhörern Besitz.

Schnell lernt das Mädchen damals die Überlebensstrategie des Lagers: „Mund halten und nie auffallen.“ Die Aufseherin habe ihr ja das Leben gerettet, stellt eine Zuhörerin fest und eine andere will wissen, ob sich die Gefangenen untereinander geholfen hätten. Für beide gelte, es gibt solche und solche. Auch in der Hölle gibt es Menschen, die sich einen Rest Gutes bewahrt haben, und andere, die zu Tieren werden, stellt die Auschwitzüberlebende fest.

Als die SS im Januar 1945 die letzten Häftlinge auf Todesmärchen in den Westen treibt, bleibt das Mädchen zurück, sie ist halb tot. Sie erinnert sich: „Irgendwann kam eine helfende Hand und fütterte mich mit Schnee.“ Als sie ein zweites Mal aus der Bewusstlosigkeit erwacht „leuchtet ein roter Stern über mir“. Ein russischer Soldat bringt sie ins Lazarett, wo sie wieder zu Kräften kommen kann.

Den bewegenden Worten von Szepesi schließt sich eine aufschlussreiche Fragerunde an. „Wollten Sie die Tätowierung nie entfernen lassen?“, will ein Schüler wissen. „Nein, sie gehört zu mir und sie ist nicht meine Schande“, antwortet Szepesi.

Warum sei sie ausgerechnet in Deutschland, dem Land der Täter sesshaft geworden, fragt jemand. Das war Schicksal, antwortet die 84-Jährige. Ihr Mann sei beruflich für zwei Jahre nach Frankfurt gegangen. Dann aber kam der Volksaufstand in Ungarn und ein blutiges Ende durch den Einmarsch der Sowjetarmee und das Einsetzen einer pro-sowjetischen Regierung. Die Familie beschloss, in Deutschland zu bleiben. Heute ist die gebürtige Ungarin froh, denn „der Antisemitismus in Ungarn ist viel schlimmer als hier“.

Den Jugendlichen legt sie ans Herz, „mutig dagegen aufzutreten, wenn jemand ausgegrenzt wird, denn so etwas darf nie wieder passieren.“

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