Schwebheim

Warum Günther Birkle 1968 seine Schüler Zeitungen lesen ließ

Sie waren wohl mit die Ersten, die in den Genuss einer Medienerziehung kamen: Die Achtklässler der Friedenschule. Foto: Ursula Lux

"Das war so eine spleenige Idee von mir," sagt Günther Birkle. Er hatte 1968 als Junglehrer mit seiner Klasse an der Friedenschule ein kleines Projekt gestartet, bei dem er sich zusammen mit seinen Schülern den Themen Medienerziehung  und Mediennutzung widmete, hier insbesondere dem Zeitungslesen. 

Idee wurde in Berlin geboren  

Auf die Idee zu dem Projekt kam Birkle bei einer Berlinreise mit der Arbeitsgemeinschaft Junglehrer, deren Bezirksvorsitzender er war. Die jungen Pädagogen besuchten ein Presseseminar des Berliner Senats und in dessen Rahmen auch das Springer-Hochhaus. Birkles Interesse erwachte und er fragte nach einem kostenlosen Abo für seine Schüler. Dies sei ihm spontan zugesagt worden, erinnert sich der Pensionär.

Für 14 Tage bekam jeder seiner Schüler kostenlos die Bildzeitung. Mit dieser Zusage ging er dann ins Schweinfurter Tagblatt, Leiter Ludwig Wiener sei "ein bisschen zögerlicher gewesen" erinnert sich Birkle, aber schließlich habe auch er zugesagt, dass jeder Schüler im selben Zeitraum das Schweinfurter Tagblatt erhält. Jetzt ging es an die Arbeit. Die Medien sollten verglichen und bewertet werden.

Schon früh bereitete Günther Birkle seine Schüler auf die Medien vor. Wenn auch nicht mehr in so einem historischen Klassenzimmer wie hier in den Ortsgeschichtlichen Sammlungen. Foto: Ursula Lux

Birkle wollte die Buben an die Tagespresse heranführen, ihr Interesse für das politische Tagesgeschehen wecken und ihnen Wert und Aufgaben der regionalen Presse nahebringen. Seine Vorliebe galt eindeutig der Tageszeitung, nicht der Boulevardpresse.

Zeitungslektüre zum Beginn des Schultages

Zuhause lasen damals nur knapp 42 Prozent der Schüler die Zeitung, 35 Prozent schauten ab und zu einmal hinein, die restlichen 23 Prozent nahmen nie eine Zeitung zur Hand. Das änderte sich nun durch die Initiative des Junglehrers. Die tägliche Zeitungslektüre stand ab sofort am Beginn eines jeden Schultages. "Die Schüler arbeiteten hochmotiviert mit und wurden von den anderen Achtklässlern beneidet ob des Vergnügens mit zwei Zeitungen", erinnert sich der Pädagoge.

Was die Buben natürlich am meisten interessierte habe, sei der Sport gewesen, gefolgt von den lokalen Nachrichten, erzählt er. Herausgearbeitet wurde aber alles, von den Titeln und Überschriften über Politik, Kultur, Wirtschaft, Zeitgeschehen bis zu den Kommentaren und Meinungen. Ein bisschen Heimatkunde gab`s auch noch. Was ist Deutschland, Bayern, Franken, Schweinfurt und was aus aller Welt? Die Reiseberichte wurden studiert und auf der Landkarte nachgezeichnet.

Das Tagblatt war immer zuerst dran, dann kam die Bildzeitung. "Hochinteressant" fanden Schüler und Lehrer die Gegenüberstellung von Artikeln zum gleichen Thema. Und obwohl sich die Schüler am Ende der zweiwöchigen Medienphase für das Schweinfurter Tagblatt aussprachen, weiß Birkle: "Das haben sie nur mir zuliebe getan." Denn, so erklärt er weiter: Seine Schüler von damals seien fast alle aus Arbeiterfamilien gekommen, in denen eher die Bildzeitung als das Tagblatt zuhause lag.  Das Tagblatt verlangte von den Schülern vor allem kognitive Fähigkeiten, also man musste sich schlicht ein bisschen mehr anstrengen, um die Texte zu verstehen. "Bild hatte kürzere, schneller lesbare Texte, tolle sexy Bilder, was für Jungs in dem Alter wohl ein schlagendes Argument für die Zeitung war, mehr Sensationsmeldungen, mehr Rätsel und sie war billiger", so fasst Birkle die Pluspunkte der Bildzeitung für seine Schüler damals zusammen.

Besuch bei der Redaktion 

Trotzdem, für Lokales und den Sportteil griffen die Jungen nach wie vor zur Lokalzeitung. Und die wurde damals natürlich auch besucht. Die Schüler hätten die Idee gehabt, doch einmal zur Zeitung zu gehen und die Leute hinter dieser kennenzulernen, erinnert sich Birkle. Also ging er mit seiner Klasse ins Zeughaus, in dem das Schweinfurter Tagblatt damals untergebracht war (heute Schultesstraße). Und auch da hatten die Schüler natürlich ihre Favoriten. Fünf der 34 Buben ließen sich die Redaktion, die Nachrichtenauswahl und die Organisation des Hauses erklären. Die meisten aber zog es zur Druckmaschine – die Technik interessierte sie weit mehr (heute wird das Tagblatt allerdings nicht mehr in Schweinfurt, sondern in Würzburg gedruckt).

Die achte Klasse von Günther Birkle auf Besuch im Zeughaus, dem damaligen Tagblatt-Standort. Dieses Foto erschien am 19.7.1968 im Schweinfurter Tagblatt. Foto: Ursula Lux

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