Werneck

Warum bei Hans Driesel Fastnacht mehr als Täterä ist

Der Schweinfurter Kulturschaffende hat über Jahrzehnte literarische und künstlerische Kostbarkeiten zum Thema Fastnacht gesammelt. Warum vieles "museumsreif" ist.
Hans Driesel mit einer Larve der schwäbisch-alemannischen Fastnacht.   Foto: Anand Anders

Ein Arlecchino in Öl blickt sanftmütig aus seinem Bilderrahmen auf den Betrachter. Daneben verbiegt sich die Figur eines Moriskentänzers, gegenüber warten zwei kunstvoll geschnitzte Schemen aus dem alemannischen Raum darauf, dass sie von Maskenläufern zur Fastnacht getragen werden. Hans Driesel umgibt sich in seiner Wohnung in Werneck mit den Stücken einer feinen Privatsammlung - nicht nur zur fünften Jahreszeit. Weil den Kulturschaffenden, Literaten und seit 60 Jahren aktiven Karnevalist aus Schweinfurt Hintergründe und Kulturgeschichte der Fastnacht faszinieren. Und weil für ihn dieses Ereignis viel mehr ist als Pappnasen und Täterä.

Zahlreiche Masken, Gemälde, bibliophile Kostbarkeiten, Grafiken und seltene Faksimile nennt Hans Driesel sein eigen. Seit er 1958 zunächst bei der DJK in Schweinfurt in die Bütt stieg und dann zur "Schwarzen Elf" stieß, deren Sitzungspräsident er 26 Jahre lang war, sammelt er auch zum Thema Fasching.

"Die Wurzeln der Fastnacht, vor allem der fränkischen, haben mich immer beschäftigt", sagt der 80-Jährige, der als Hans Sachs von 1987 bis 1991 auch bei "Fastnacht in Franken" mitwirkte. Literarisch interessiert ist der frühere Direktor und heutige künstlerische Leiter des Deutschen Fastnachtsmuseums in Kitzingen sowieso. Im Laufe der Jahre erstand er sich bei vielen Gelegenheiten, bei Antiquitätenhändlern oder auf Auktionen Literatur, Grafiken und sonstige Utensilien zur Historie des Karnevals - und eignete sich damit auch ein breites Wissen an.

Hans Driesel erklärt seine Sammlung. Foto: Anand Anders

"Ursprünglich ist Fastnacht, die Nacht vor dem Fasten, ein christliches Schwellenfest zwischen den Freuden des Lebens und der Fastenzeit vor Ostern", erklärt Driesel. Theologisch begründet sei auch der Narrenbegriff. "Der Mensch ist mit der Torheit der Erbsünde belastet, mit ihr kam der Tod in die Welt". Deshalb werde der Tod in der Bildenden Kunst oft mit der Narrenkappe dargestellt.

"Die Humanisten haben den Begriff dann aufgedröselt", sagt Driesel und nimmt seine Ausgabe vom  "Lob der Torheit" von Erasmus von Rotterdam her. Narrheit, das sind bei dem Zeitgenossen Luthers Eigenschaften wie Ehrgeiz, Ruhmsucht und Eitelkeit. Und menschliche Schwächen schlechthin. Aber sie haben Erasmus zufolge auch positive Seiten: Sie halten die Welt in Gang. Für die damalige Zeit gewagte Thesen, die der große Humanist einer fiktiven Person in den Mund legt -  der "Stultitia", der Narrheit. Ein literarischer Kunstgriff für den Fall einer Anklage durch die Inquisition.

"Grausam aus heutiger Sicht" sagt Driesel zur damaligen Haltung, körperlich oder geistig Behinderte zu "armen Narren" oder "natürlichen Narren" zu erklären. Aus theologischer Sicht waren sie keine Kinder Gottes, der doch den Menschen nach seinem Ebenbild schuf. Ein Behinderter, so die Vorstellung, könne folglich kein Ebenbild Gottes sein.

Und dann gab es noch den "künstlichen Narren", einen Menschen, der einen Behinderten nachahmte, um ein Publikum zu unterhalten: der Schalksnarr. Ihm verwandt ist der Hofnarr, nicht nur als Unterhalter am Fürstenhof, sondern oft auch als Vertrauter seines Herrn und durch das Amt der Wahrheit verpflichtet in einer Welt der Schmarotzer.

"Die Freiheit des Narren-Wortes war in Zeiten von Diktatur beziehungsweise des Feudalismus immer wieder gefährdet", sagt Driesel und zeigt ein Dekret Friedrichs des Großen, in dem dieser verfügt, die Ausgaben für den beamteten Hofnarren zu streichen.

"Leider verkümmert die politische Rede in Zeiten der Demokratie", meint der Kenner, "gute politische Reden sind selten geworden". Immerhin werde beispielsweise beim BR-Quotenbringer "Fastnacht in Franken" die Polit-Prominenz auch mal härter angefasst. Das nähmen die Betroffenen aber gerne hin, schließlich würden sie von einem Millionenpublikum gesehen.

Aus seinem großen Fundus zieht Driesel bunte, handkolorierte Illustrationen hervor, ein Faksimile des Nürnberger Schembartlaufens. "Das waren hier in Franken die ersten organisierten Fastnachtsumzüge", weiß er von dem 1449 erstmals erwähnten Straßenkarneval. In bunten Kostümen und mit "Schemen", dem mittelhochdeutschen Wort für Masken, feierten zunächst die Nürnberger Metzgerzunft, später auch junge Patrizier in den Straßen. Die Gewänder wurden, wie die Bilder zeigen, immer prachtvoller, und auch der Spott über gesellschaftliche Zustände immer deutlicher.

Driesel blättert in seinem Schembartbuch zu einer Doppelseite, die ein gemaltes Narrenschiff, den zentralen Zugwagen von 1539, zeigt. Ein Darsteller des damals bekannten lutherischen Stadtpredigers Andreas Osiander ist darauf umgeben von Teufeln. "Er hatte gegen die Fastnacht gepredigt und sich deshalb den Unwillen der Feiernden zugezogen". Eine Türkenflagge flattert zudem am Schiffsmast, Zeichen für den Antichrist. Diese Kritik an der Geistlichkeit war selbst den Nürnberger Stadtvätern zu viel, so dass das Schembartlaufen verboten wurde.

"Solche Verbote sind die wichtigste Informationsquelle über die Fastnacht, eines der ältesten Volksfeste", weiß Driesel, der auch Mitglied im Präsidium des Bundes deutscher Karneval (BdK) war und heute noch im Kulturbeirat mitwirkt.

Die satirische Darstellung des unfreiwilligen Hofnarren von Friedrich Wilhelm I. Foto: Anand Anders

Zum Thema "Narrenschiff" bringt der Schweinfurter noch eine Kostbarkeit aus seinem Arbeitszimmer: Vom gleichnamigen Buch von 1494, einer höchst erfolgreichen Moralsatire mit Illustrationen des jungen Albrecht Dürer, besitzt er aus einer lateinischen Ausgabe von 1532 ein Blatt. Darauf ist auf der Kanzel ein "die Wahrheit verschweigender Narr" abgebildet.

Besonders angetan ist der Sammler von seinen Fastnachtsmasken, darunter alemannische Larven: Kunstvolle, nach klassischem Vorbild geschnitzte und gefasste Schemen aus Villingen nimmt er liebevoll in die Hand. "Das ist Lindenholz, drei Jahre gelagert und aus einem Block geschnitzt." 16 Arbeitsgänge sind nötig, um die künstlerische Arbeit fertigzustellen. Allein ein sechsfacher Kreidegrund und fünf Farbschichten geben dem Gesicht sein Aussehen. "Aus Rosshaar", meint der 80-Jährige zum angedeuteten Haarkranz, eine Persiflage auf die Perücken des Barock.

Natürlich gehört zum Karneval auch das Theaterspiel, etwa die lebensvollen Fastnachtsspiele eines Hans Sachs im mittelalterlichen Nürnberg, der zu den Begründern der deutschsprachigen Komödie zählt. Driesel selbst trat mit seiner "Hans Sachs-Theater-Gruppe" auf vielen Bühnen auf. Ein Schmuckstück seiner Sammlung ist für ihn daher auch ein originaler Hans-Sachs-Band von 1612, das "Sehr herzliche und schöne wahrhaftige Gedicht".

Figur eines Moriskentänzers, der das Liebeswerben persifliert. Foto: Anand Anders

Nicht zu vergessen: die Commedia dell‘ Arte, die italienischen Liebes- und Verwechslungskomödien aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Dabei konnten die Schauspieler, erstmals auch Frauen, Gesellschaftskritik üben und dabei die Position der unteren Schichten einnehmen, ohne gleich mit Zensurmaßnahmen rechnen zu müssen. Driesel legt eine Vielzahl historischer Illustrationen der Figuren vor, vom "Arlecchino" über "Colombine" bis zum "Dottore" und dem "Capitano".

Eine seiner Lieblingsgrafiken, vom zeitgenössischen Künstlers Andreas Paul Weber, hat im Wohnzimmer einen Ehrenplatz. Sie zeigt einen ratlosen König und seinen Narren, die bekümmert nebeneinander hergehen. "Wie sagen wir's dem Volke?", lautet der Titel der handsignierten Lithografie.

Ehrenplatz: "Wie sagen wir's dem Volke" von Andreas Paul Weber. Foto: Anand Anders
Galerie bei Hans Driesel: im Vordergrund "Karneval" von Martin Wollmer. Foto: Anand Anders

Gar nicht lustig erscheint in Driesels Lesezimmer indes das Gemälde "Karneval" von Martin Wollmer, einem Maler des abstrakten Expressionismus. Nur ein roter Luftballon spricht für Fröhlichkeit, ansonsten blicken die Menschen eher traurig in die Welt. Viele Stücke seiner Sammlung hat Hans Driesel übrigens schon nach Kitzingen, an das Deutsche Fastnachtsmuseum gegeben. Damit auch andere Interessierte und Faschingsfreunde die vielen Facetten dieser fünften Jahreszeit kennenlernen.

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