SCHWEINFURT

Warum wir uns keine Kriege leisten können

Dr. Wolfgang Briegel ist der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am ... Foto: Leopoldina/Oertel

Möglichst schnell, möglichst effizient soll in Deutschland entschieden werden, wem man Asyl gewährt und wem nicht. Ein Verfahren, das nach Ansicht von Dr. Wolfgang Briegel, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Leopoldina Schweinfurt, „kein Zuckerschlecken ist“. Mehr noch: Aus Sicht von Therapeuten sei die Vorgehensweise „sehr fragwürdig“. Wer hier ankommt, muss, überspitzt gesagt, sofort alles erzählen, was ihm passiert ist, um glaubwürdig einen Grund liefern zu können, warum er oder sie ein Recht auf Asyl hat. Oder eben nicht.

Doch so einfach, wie es klingt, ist die Sache nicht, sagt Briegel. Mal ganz abgesehen von den Verständigungsproblemen. Viele, die hier stranden, sind traumatisiert. Laut einer Studie hatten 2008, also noch vor der großen Flüchtlingswelle, 40 Prozent der Asylsuchenden eine posttraumatische Belastungsstörung. Der seelische Offenbarungseid auf Knopfdruck ist das letzte, was diese Menschen brauchen. Denn: ein Trauma muss verarbeitet werden, und vieles ist mit Scham besetzt. Wer will einem Fremden schon sofort erzählen, dass er gefoltert wurde, dass Mitbürger ihn verfolgt, terrorisiert haben?

Das klingt, auch für Laien, logisch. Was überrascht, sind die Details, die Briegel über das Thema Traumatisierung und deren Folgen bei einem Vortrag für die Ehrenamtsakademie der Diakonie in Schweinfurt liefert. Ein Trauma hat viele Auswirkungen. Auch solche, die zunächst nicht so wirken. Wie zum Beispiel, dass manche seltsam distanziert und unbeteiligt von dem Horror erzählen, der ihnen widerfahren ist. Aber ist er das wirklich? Kann man so unbeteiligt, so gefühlskalt bleiben, wenn man von Blut, Terror, der ständigen Angst um das eigene Leben berichtet? Der Laie zweifelt, vielleicht auch mancher Beamte, der Psychologe nicht.

Denn genau diese Reaktion, dieses Abgestumpftsein, ist eines von vielen Symptomen, die traumatisierte Menschen zeigen. Neben Albträumen oder Flashbacks, bei denen Gerüche oder Geräusche die traumatisierende Situation wieder live erleben lassen, Ängsten, Schlafproblemen oder auch aggressivem Verhalten.

„Man muss den Menschen Zeit lassen und Geduld haben“

Eine Frau im Publikum kennt diese Trauma-Folgen. Der junge Flüchtling, den ihre Familie aufgenommen hat, wacht jede Nacht schreiend auf. Er kam allein nach Deutschland. Seine Eltern starben auf der Flucht. Heute macht er eine Berufsausbildung, geht zur Therapie. Wie lange es dauern wird, bis es ihm hilft, auch Briegel kann das nicht sagen. Nur eines: Man muss den Menschen Zeit lassen, sie bestimmen das Tempo, den Zeitpunkt, wann es gut ist, zu reden.

Eine Ärztin, die in der Gemeinschaftsunterkunft Geldersheim ehrenamtlich Sprechstunden anbietet, kennt die körperlichen Folgen der Traumatisierung wie Bluthochdruck, steigende Herzfrequenz oder Schmerzen von vielen, die in der GU leben. In zusammengewürfelten Gemeinschaften, auf engem Raum. Auch diese Situation ist belastend, sagt sie. Andere, viele davon ehrenamtliche Helfer, stimmen kopfnickend zu.

„Manche Rahmenbedingungen hier sind sogar traumatisierungsfördernd“

„Manche Rahmenbedingungen in Deutschland sind sogar traumatisierungsfördernd“, sagt Briegel. Auch, dass Flüchtlinge teilweise jahrelang in Unterkünften leben müssen. Wie man es besser machen könnte? Die Frage lässt den Fachmann etwas ratlos zurück. Auch er hat den Stein des Weisen nicht parat. Zu jeder Anhörung und Befragung einen Psychologen dazu zu holen, wäre nicht machbar. Doch sensibel, das könnte man an entscheidender Stelle schon werden. Schließlich, so Briegel, gibt es ja einen Grund, warum Menschen ihre Heimat verlassen, die Flucht auf sich nehmen.

Ob ein Mensch nun traumatisiert ist oder nicht, sagt nichts darüber aus, wer mehr oder weniger Schrecken erfahren hat. Die gleiche Situation, so Briegel, kann auf zwei Menschen unterschiedlich wirken. Je nach Lebensgeschichte und sozialem Rückhalt. Es gab Menschen, die haben allein die Fernsehbilder von 9-11 traumatisiert. Und andere, die einen Terroranschlag, den sie selbst erlebt hatten, ohne seelische Folgen verkrafteten.

Wenn das Trauma Generationen prägt

Die Wahrscheinlichkeit, dass Flüchtlinge eine postraumatische Belastungsstörung entwickeln, ist zehnfach höher als bei der normalen Bevölkerung, sagt Briegel. „Eigentlich können wir uns Kriege gar nicht leisten, denn diese Belastungen ziehen sich über Generationen hinweg.“ Die Folgen des Traumas, das Schweigen, Aggressionen, die Verzweiflung und Ängste – sie leben in den Familien weiter. „Das Gute“, sagt Briegel, ist, dass nur jedes dritte Kind, das ein traumatisches Ereignis erlebt, auch eine posttraumatische Belastungsstörung erleidet. Kinder, so scheint es, sind stärker.

Wie man aus Sicht eines Psychologen mit traumatisierten Flüchtlingen umgehen sollte? Respekt haben, „schließlich sind diese Menschen Überlebende“, die man nicht als Opfer behandeln sollte; verstehen, wenn Flüchtlinge misstrauisch und zurückhaltend sind; ihnen Zeit geben – und so viel Normalität wie möglich. Schule, Arbeit, Freizeitaktivitäten. Briegel wünscht sich Zentren, in denen Fachleute, die es in den Reihen der Flüchtlinge gibt, als Therapeuten anderen Flüchtlingen helfen. „Denn das“, sagt Briegel, „können wir Deutschen oft nicht so gut.“

Krankenhaus in Ost-Ghuta
Viele, die in Deutschland Asyl suchen, haben Szenen wie diese selbst erlebt. Das Grauen des Krieges, wie dem in Syrien, ... Foto: Anas Alkharboutli/DPA

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