SCHWEINFURT

Was macht die Zeit mit uns? Eine Ausstellung wirft Fragen auf

dddd

Was macht die Zeit mit den Dingen, und was macht sie mit uns? Warum schleicht sie manchmal und dann wieder rast sie dahin? Lässt sie sich anhalten? Was sind Erinnerungen: gespeicherte Bilder, Gefühle oder vergangene Zeit? Hat die Zeit ein Ende? Was bleibt von uns, wenn wir nicht mehr da sind? Kinder und Philosophen suchen nach Antworten auf diese Fragen, Künstler wie Christoph Brech stellen solche Fragen – sich selbst und dem Betrachter – ohne den Anspruch, auch Antworten zu geben. Das muss die Kunst auch nicht.

Christoph Brech ist vor kurzem 50 Jahre alt geworden, er ist sehr erfolgreich, lebt in München, zeitweise in Rom und in Kanada. Schweinfurt war für ihn nicht mehr als die Geburtsstadt in seinem Pass – bis er 2012 die Triennale für zeitgenössische Kunst gewann und mit ihr eine große Ausstellung, die jetzt eröffnet wurde und an drei Orten stattfindet: in der Großen Halle der Kunsthalle, im Salong des Kunstvereins und in der Evangelischen Kirche St. Johannis. Ihr Titel „It's about time“ passt in seiner doppelten Bedeutung. Es war an der Zeit für die Rückkehr nach Schweinfurt und für die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, und es geht um Zeit, um Brechs persönliche, um geschichtliche, aber auch um gesellschaftliche und technische Veränderungen.

Wie stellt man Zeit dar? Brechs Ideenreichtum scheint fast unerschöpflich, Genregrenzen interessieren ihn nicht. Nehmen wir „Nr. 5 / cis-moll“. Brech filmte Mariss Jansons, als er das Rondo aus Mahlers fünfter Sinfonie dirigierte und wandelte die Aktion der Hände in Linien um. Nicht nur die Zeit, auch die Bewegung und die Musik sind auf diesem kleinen Blatt sichtbar. Und damit sind die drei großen Themen in seinem Werk genannt.

Am deutlichsten wird das in den Videofilmen. Es sind überraschende Momentaufnahmen der Wirklichkeit. Christoph Brech inszeniert nicht, es gibt keine Handlung, seine Kamera bleibt immer an der gleichen Stelle: auf einer Düne am Meer in Wales zur blauen Abendstunde; im Herbst in Rom, wenn sich Millionen von Staren in riesigen Formationen zur Weiterreise in den Süden treffen; an einem eisigen Wintertag am Ufer des St. Lorenzstroms in Kanada, wo ein Eisbrecher langsam den Weg freimacht.

Oder – und das ist der poetischste Film – auf dem Campo Verano, dem alten Friedhof in Rom. Hier entdeckte Christoph Brech Porträts längst Verstorbener auf Emailleplaketten. Ein gewisser Filippo Severati hatte sie zu Lebzeiten nach Fotografien in einem bestimmten Schema gemalt. Die Augen sind immer an der gleichen Stelle. Deswegen konnte Brech die 19 Porträts von Männern, Frauen und Kindern so überblenden, dass sie sich kaum merklich in eine andere Person verwandeln. Ihn faszinierte, dass aus Fotografie Malerei entstand, die er nun in das Medium Film übersetzte, ohne dass das Malerische verloren geht.

In den Filmen scheint die Zeit verlangsamt oder stehen geblieben. Die Musik erschließt sich dem Betrachter nicht immer sofort. Da hilft der große, sehr schön gestaltete Katalog zur Ausstellung oder der Audioguide, auf dem der Künstler selbst die Geschichten zu den Exponaten erzählt. Das ist vor allem bei den Installationen hilfreich. Denn: Was macht ein 40 Jahre altes Käfer Cabriolet in dieser Ausstellung?

Zuerst einmal ist es der Künstler selbst, der sein Auto zum Kunstwerk auf Zeit erklärt. Er hat den Oldtimer kürzlich über Land von München nach Schweinfurt gefahren, unterwegs alle Ortsschilder fotografiert und zeigt sie nun auf einem kleinen Navi-Bildschirm, während im Radio eine Sendung aus dem Jahr läuft, in dem der Käfer vom Band rollte.

Mit der Installation „Emma und Andreas“ (Foto oben) erzählt Christoph Brech die Geschichte seiner Großeltern. In einem großen Kreis medizinischer Fachbücher steht ein zerschlissener Sessel, der sich langsam im Kreis dreht. Dr. Andreas Brech war Chefarzt und Chirurg im Krankenhaus St. Josef, Emma Brech war der Mittelpunkt der Familie und ganz in der traditionellen Frauenrolle dieser Zeit. Die Bücher sind nach vorne geöffnet, symbolisieren das Wirken des Großvaters nach außen. Heute braucht niemand mehr diese alten Bücher, sie sind so veraltet wie die Röntgenbilder, die Christoph Brech in einem langen vertikalen Band an der Wand befestigen ließ. Es sind Bilder vom Brustkorb, gespendet von Schweinfurter Bürgern für diese Ausstellung. Jede Lunge ist anders, jedes Bild also auch eine Art Porträt. Über das Videoporträt eines Sängers, das in St. Johannis hängt und die Fotografien im Salong des Kunstvereins werden wir noch berichten.

Diese Ausstellung ist eine Art Standortbestimmung. So formulierte es Anton Nesselrath, Leiter der Vatikanischen Museen, der zur Eröffnung nach Schweinfurt gereist war und eine kluge Einführung in das Werk von Christoph Brech gab. Sie ist auch eine sehr persönliche, manchmal intime, oft sehr humorvolle Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln und dem Alter.

„It's about time“: Bis 9. September.

Porträt mit Glas: Christoph Brech. Foto: Anand Anders
Kunst auf Zeit: Der Käfer. Foto: Winterhalter

Schlagworte

  • Katharina Winterhalter
  • Evangelische Kirche
  • Fotografien
  • Frauenrolle
  • Kunstvereine
  • Künstlerinnen und Künstler
  • Philosophen
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!