Schweinfurt

Weder Tod noch Teufel beim Monsters of Rock

40 000 Heavy-Metal-Fans feiern 1988 auf der Schweinfurter Mainwiese Iron Maiden, Kiss und Co. Wie sich bundesweite Horrormeldungen im Nachhinein als Panikmache erweisen.
Superstars, riesige Bühne, Menschenmassen: Das Monsters-of-Rock-Festival übertraf 1988 alles bisher Dagewesene in Schweinfurt. Foto: Laszlo Ruppert

Der Teufel in der Provinz. Mit ihm die Spießgesellen der sieben Bands aus England, Schweden und den USA. Und 40000 Satansjünger. Hat man den führenden Medien der Republik glauben wollen, war Schweinfurt am 27. August 1988 die Hölle auf Erden. Sodom und Gomorra - Babel obendrein. Dabei gab's auf der Mainwiese lediglich ein Musik-Festival: Monsters of Rock. Das 32 Jahre später Kult-Status genießt: Weil die Bands so großartig waren, wie die Fans letztlich größtenteils friedlich.

So war's damals beim Monsters of Rock

"Moonchild“ – gleich ein Brett zu Beginn der Headliner-Show. Irgendwann „Wasted Years“ und „The Number of the Beast“. „Run to the Hills“ und „Two Minutes to Midnight“ als Zugaben. Es ist eine 120-minütige Iron-Maiden-Gala, der Höhepunkt eines grandiosen Festivals. Vergessen die Stunde David-Lee-Roth-Gedudel. Aber was erträgt man nicht alles für einen Platz in der ersten Reihe? An diesem 27. August einiges. 40 000 Metaller sind vielleicht doch etwas viel für das schmale Gelände am Main. Es sind aber weder Musik, noch Gedränge, die das eintägige Festival in die ARD-Tagesschau bringen.

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Mord und Totschlag! Alkohol- und Drogen-Exzesse! Am Vorabend sollen Horden langhaariger Rowdys marodierend durch die Schweinfurter Innenstadt gezogen sein und Brände gelegt haben. Tags darauf die Meldung: Tote in Schweinfurt. Iron Maiden erwägen kurzzeitig, ihren Auftritt abzusagen. Humbug, heute würde man sagen: Fake-News. Kolportierte Gerüchte schaffen es tatsächlich in die Nachrichten. Die Toten sind vom englischen Mutterfestival in Donington, als sieben Tage zuvor zwei Fans während des Auftritts von Guns 'n' Roses erdrückt worden waren, in die Berichterstattung gerutscht.

Trinkfreudig und in Feierlaune: Heavy-Metal-Fans vor dem Monsters-of-Rock-Festival in Schweinfurt. Foto: Karl-Heinz Körblein

Nachtlager in Vorgärten und Grünanlagen

Dabei haben "nur" einige hundert der rund 7000 frühzeitig angereisten Fans in der Nacht vor der Veranstaltung das offizielle Camping-Gelände gemieden, weil sie es, hätten sie es für einen Umtrunk in der Stadt verlassen, nicht mehr hätten betreten dürfen. Vier Mark für 0,4 Liter war ihnen einfach zu happig, deswegen ab zur Tanke oder zum gefüllten Kofferraum. Viele der bierseligen, mit Kutten und Nieten martialisch aussehenden Gestalten haben neben öffentlichen Grünanlagen auch Oberndorfer Vorgärten als Lager gewählt, nicht alle von den Eigentümern geduldet. Es ist in Hecken gepinkelt worden, ein paar Scheiben sind zu Bruch gegangen.

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Dass es das damit trotzdem fürs Monsters of Rock in Deutschland gewesen sein sollte, weiß am 27. August noch keiner. In den Jahren zuvor war der Deutschland-Ableger des britischen Megafestivals, das in Donington bis zu 100 000 Fans anlockte, auch in Nürnberg zu Gast. Die Entscheidung für die unterfränkische Industriestadt stellt sich als fatal heraus: Unter der Hand werden Zuschauerzahlen von an die 60 000 geschätzt, ein Ansturm vom Metal-Fans, mit dem offenbar keiner gerechnet hatte. Selbst die kurzerhand von 600 auf knapp 1000 aufgestockten Polizeikräfte nicht.

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Auch nicht am frühen Morgen. Die erst heute angereisten Fans, noch einmal Tausende, versorgen sich noch bei den Tankstellen mit Büchsen-Bier. Denn: Gaststätten haben, wie am Abend zuvor, überwiegend geschlossen. Der "Haxen-Bauer" am Hauptbahnhof ist eine löbliche Ausnahme. Ein damaliger SPD-Stadtrat erinnert heute noch gern an die Angst vor dem "Teufel in Gestalt des geilen Ziegenbocks" die seinerzeit in der Ratssitzungen von konservativen Kräften heraufbeschworen worden sei. Oberbürgermeister Kurt Petzold gibt dem Monsters of Rock trotzdem seinen Segen.

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Die Karte kostet 44 Deutsche Mark, happig zu der Zeit. Aber es gibt noch nicht tausende Bands und dutzende Festivals, das Monsters of Rock ist etwas besonderes. Da lassen sich Treat als Opener ebenso verschmerzen, wie Great White zwischen den Thrash-Heroen Testament (die für Megadeth einspringen) und Anthrax. Schließlich spielen danach Kiss. Kiss! In Schweinfurt! 1988 sind die vier Herrschaften längst nicht die sich nur noch schwer in ihren schwindelerregend hohen Plateustiefel haltenden Altherren-Rocker, nein, da knallen Gene Simmons und Co. den 40 000 eine sagenhafte Show in bestem US-Format um die Ohren. 

Ein langer Schlauch: Die Mainwiese entpuppte sich als wenig geeignetes Gelände für ein Festival mit 40000 Fans. Foto: Hans Rost

Ein bisschen Chaos nach dem Festival

Und kaum ist ein paar Stündchen später Iron Maidens Finale „Santuary“ verklungen, sieht man erste Ungeduldige, die die rutschige Böschung hoch zur Straße dem offiziellen Ausgang vorziehen, reihenweise selbige wieder herunter purzeln. Schon ein bisschen Chaos. Aber auch keine Panik: Denn die Heavy-Rocker sind weitaus besonnener unterwegs, als es die Tagesschau zeitgleich noch glauben machen will.

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Die 80er: "Monsters of Rock"

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Kollegen erinnern sich an das Monsters of Rock
Karl-Heinz Körblein: Die 7-Uhr-Nachrichten von Bayern 3 lenkten am 27. August 1988 die Aufmerksamkeit des gesamten Sendegebietes auf Schweinfurt.  In der „Bild am Sonntag“ stand tags drauf lesen: „25 000 Rocker belagern Schweinfurt“ Am Sonntagmorgen konnte ich Oberbürgermeister Kurt Petzold und den Ordnungsreferenten Werner Bonengel übernächtigt antreffen. Vom Medienecho waren beide entsetzt. Die CSU warf der Stadt grobe Fahrlässigkeit vor. Veranstalter Argo zeigte sich aber mit dem Zusammenspiel von Behörden, Polizei und Sanitätern zufrieden.
Hannes Helferich: Das Festival spaltete die Stadt. Die einen warnten vor Menschen, die „solche Musik hören“. Die andere Seite war begeistert, dass „endlich mal was los ist“. Randale? Damit war bei so vielen Menschen gerechnet worden. Aber die meisten der 40 000 waren friedlich, gingen – von Kiss, Iron Maiden und Co. zugedröhnt – zufrieden nach Hause. Wenngleich: Schweinfurt blieb lange gespalten. Bis in den Stadtrat hinein flogen die Fetzen. Mein Fazit dennoch: Monsters – unvergessliche Riesennummer.

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