Schwemmelsbach

Wenn das Kreuz vom Kirchturm schwebt

Mit dem Arbeitskorb ging es für zwei Mitarbeiter der Dachdeckerfirma auf den 36 Meter hohen Kirchturm in Schwemmelsbach.
Mit dem Arbeitskorb ging es für zwei Mitarbeiter der Dachdeckerfirma auf den 36 Meter hohen Kirchturm in Schwemmelsbach. Foto: Dominik Zeißner

Dem genauen Beobachter ist es schon länger aufgefallen, dass das Kirchturmkreuz hoch oben auf der Schwemmelsbacher Turmspitze etwas schief hängt. Um diesen Mängel zu beheben und eventuelle weitere ernsthafte Schäden zu vermeiden, wurde ein Arnsteiner Fachunternehmen beauftragt, das Kreuz abzunehmen. Der zu Zeiten von Fürstbischof Julius Echter gebaute Turm stammt aus dem Jahr 1612 und ist damit über ein Jahrhundert älter, als das St. Cyriakus-Gotteshaus selbst, welches 1738 unter den Plänen von Balthasar Neumann erstand.

Das drei Meter lange Kreuz mit stattlichem Gewicht ist im "Anflug".
Das drei Meter lange Kreuz mit stattlichem Gewicht ist im "Anflug". Foto: Dominik Zeißner

Ohne Zweifel war es ein historischer Moment im örtlichen Friedhof, als morgens die Arbeiten los gingen und sich zwei kompetente Dachdecker zu der 36 Meter hohen Kirchturmspitze in schwindelerregender Höhe mit Hilfe eines Kranes aufmachten. Zuletzt wurde das knapp drei Meter lange Kreuz mit einem stattlichen Gewicht und die sich darunter befindende Kugel, die einen Durchmesser von etwa 60 Zentimetern hat, im Jahr 1990 heruntergenommen, kurz nach der Wiedervereinigung Deutschlands.

Davon zeugen an diesem Tag auch Schriftstücke und Zeitungen, die Kirchenpfleger Josef Sauer aus einer Hülse, die in der Kugel lagert, entnommen hat. Wahre Schätze, die einem Historiker ein Funkeln in die Augen zaubern lässt, entnimmt Sauer. In den Unterlagen befinden sich auch Dorfchroniken, die jedes Mal, wenn die Kugel vom Turm genommen wird, ergänzt werden.

Unter anderem stammt eine Abschrift vom ältesten Exemplar aus dem Jahr 1850, als Bayern noch eine Monarchie war und einen König hatte. Neben all den Dokumenten findet der Kirchenpfleger Banknoten in Millionenhöhe, wenn auch nur in Reichsmark. Ebenso liegt ein "Herz-Marien-Groschen" und ein geweihtes "Valentinus-Kreuzchen" bei, wobei Letzteres, "zur Abwehr allen Unglückes vom hiesigen Orte, wie der ganzen Pfarrei dienen soll", so die Denkschrift von 1850.  

Kirchenpfleger Josef Sauer hatte die Ehre, die Metallhülse mit den historischen Dokumenten zu öffnen. Neben einigen Niederschriften waren auch Reichsmark in Millionenhöhe enthalten.
Kirchenpfleger Josef Sauer hatte die Ehre, die Metallhülse mit den historischen Dokumenten zu öffnen. Neben einigen Niederschriften waren auch Reichsmark in Millionenhöhe enthalten. Foto: Dominik Zeißner

Kreuz und Kugeln werden nun restauriert und neu vergoldet

Kreuz, Kugel und Wetterfahne kommen nun in die Werkstatt.
Kreuz, Kugel und Wetterfahne kommen nun in die Werkstatt. Foto: Dominik Zeißner

Nun kommt das Kirchturmkreuz sowie die Kugel zur fachgerechten Restaurierung. Das Eisenkreuz wird sandgestrahlt, ausgebessert und die sich daran befindlichen fünf kleinen Kugeln neu vergoldet. Neu vergoldet werden in diesem Zug auch die Kupfer-Kugel sowie die Wetterfahne. Eine Hausaufgabe haben nun die Schwemmelsbacher. Sie werden, bis Kreuz und Kugel in ein paar Wochen wieder an ihrem Bestimmungsort gehievt werden, die letzten drei Jahrzehnte ihrer Dorfgeschichte nachforschen müssen und zu Papier bringen.

Hierzu wurde aber schon ein Arbeitskreis ins Leben gerufen. Im Moment sieht der Echter-Turm etwas "nackt" aus, da an der Spitze die bloße hölzerne Helmstange in den blauen Frühlingshimmel ragt. Dieser Anblick wird aber demnächst der Vergangenheit angehören, wenn die Sonne dann mit ihrer Kraft das neue Gold anstrahlt.

Die regionale Presse darf natürlich als Zeitzeuge nicht fehlen. In der Hülse befand sich auch eine Ausgabe des Schweinfurter Tagblatts vom 4. Oktober 1990 zum damaligen Preis von 1 DM.
Die regionale Presse darf natürlich als Zeitzeuge nicht fehlen. In der Hülse befand sich auch eine Ausgabe des Schweinfurter Tagblatts vom 4. Oktober 1990 zum damaligen Preis von 1 DM. Foto: Dominik Zeißner

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