EBRACH

Wenn im Knast Gaunerlieder erklingen

Konzert: Ausnahmsweise nicht, um aus seinen Büchern zu lesen, sondern um alte Seemanns-, Ganoven- und Gulaglieder aus seiner Heimat zu den Klängen seiner Gitarre zu singen, war der Schriftsteller Oleg Jurjew in die JVA Ebrach gekommen.
Konzert: Ausnahmsweise nicht, um aus seinen Büchern zu lesen, sondern um alte Seemanns-, Ganoven- und Gulaglieder aus seiner Heimat zu den Klängen seiner Gitarre zu singen, war der Schriftsteller Oleg Jurjew in die JVA Ebrach gekommen. Foto: Norbert Vollmann

Oleg Alexandrowitsch Jurjew kennt sich aus im Milieu der kleinen und großen Gauner. Vor Kriminellen, die ihm nach dem Leben trachten, flieht so die Hauptfigur seines aktuellen Romans „Die russische Fracht“ im Hafen von Petersburg auf ein ukrainisches Frachtschiff. Doch die Schriftstellerei ist nur die eine Seite des in Russland geborenen und seit 1991 in Deutschland lebenden Autoren. Der Sohn eines Violinisten beherrscht zudem ein großes Repertoire an alten russischen Seemanns-, Ganoven- und Gulagliedern. So ist er an diesem Winterabend nicht mit seinen Büchern, sondern einer Auswahl dieser Lieder und seiner Gitarre in Bayerns größtes Jugendgefängnis nach Ebrach gekommen, um hier vor jugendlichen Straftätern zu singen und zu spielen, statt zu lesen.

Gebannte Blicke

Die gebannt auf den bärtigen, vorne am Tisch sitzenden Mann gerichteten Blicke zeigen es: Oleg Jurjew gelingt es, sein nicht alltägliches Publikum trotz der fremden Sprache mit den doch sehr melancholischen Liedern gefangen zu nehmen. Es sind die Ansprache, die Musik und der ständige Blickkontakt mit den jungen Männern, die bei dem kleinen Konzert dafür sorgen werden, dass er buchstäblich ankommen wird. Zupass kommt ihm die hervorragende Akustik der restaurierten früheren klösterlichen Sommerbibliothek der Zisterzienser. Sie braucht keinen Verstärker und Lautsprecher und ist wie geschaffen für Lesungen oder auch Konzerte dieser Art.

Auch die Befürchtung, dass sich seine geerbte, aus der Kälte kommende 90 Jahre alte Gitarre ob des Temperaturunterschieds im gut geheizten Raum als launisch erweisen würde, sprich möglichen Stimmungsschwankungen unterworfen sein könnte, erweist sich als weitgehend unbegründet. Nur hin und wieder muss die eine oder andere Saite kurz nachjustiert werden.

Die original russische siebensaitige Gitarre hat nicht nur eine Saite mehr als die klassische europäische Konzertgitarre. Sie ist auch anders gestimmt und wird anders gespielt. So erzählt der Schriftsteller und Lyriker weniger von sich und den von ihm ausgewählten Liedern, sondern singt vor allem aus alten russischen Zeiten und Tagen der 1920er und 30er Jahre als der Zeit, in der die meisten der Stücke entstanden.

Die Idee, alte Seemanns- und Matrosenlieder zu singen, war geboren worden, als sein im Suhrkamp-Verlag erschienener Roman auch als Hörbuch herausgegeben wurde und zur Vorstellung eine längere Lese- und Konzertreihe angesagt war. Die Balladen handeln vom Bau der Baikal-Amur-Eisenbahn, von einem Gefangenentransport in die berüchtigten russischen Straf- und Gefangenenlager, an dessen Ende das Schiff fast im Hafen von Magadan versunken wäre, von einem jungen Mann, der seine Freundin mit einem anderen erwischt, beide im Affekt umbringt und am Ende selbst hingerichtet wird, der jungen Frau, die ihren Verehrer bitter enttäuscht, weil sie ihm zu erkennen gibt, dass sie ihn nicht liebt, oder von der Frau, deren Freund für immer geht, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen.

Schwere Zeiten und die Liebe

Es sind Lieder aus schwerer Zeit und natürlich von der Liebe. Und Oleg Alexandrowitsch Jurjew versteht es, mit seiner ausdrucksstarken Stimme der schwer- und fast wehmütigen russischen Seele jener Zeit Leben einzuhauchen. Kräftiger Applaus belohnt seinen Auftritt.

Es war die dritte Veranstaltung innerhalb von zwei Monaten für Strafgefangene in Ebrach, die über die Villa Concordia in Bamberg zustande gekommen war. Seit längerem regt das Internationale Künstlerhaus vor allem Lesungen in der JVA an. Dies so erfolgreich, dass selbst Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass dort im Dezember 2010 zu Gast war. Dieses Engagement war in seiner kurzen Ansprache zu Beginn des Auftritts von JVA-Leiter Gerhard Weigand im Beisein von Künstlerhaus-Direktorin Nora-Eugenie Gomringer herausgestellt worden. Danach hatte JVA-Lehrer Jörg Hinney den jungen Straftätern sowie ehrenamtlichen JVA-Mitarbeitern den musikalischen Gast kurz vorgestellt.

Neben zahlreichen Auszeichnungen und Aufenthaltsstipendien wie den Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil war Oleg Jurjew 2013 mit dem Stipendium der Villa Concordia ausgezeichnet worden, wo er noch bis März 2014 arbeitet. Über diese Schiene war jetzt sein Konzert in der Jugendstrafanstalt in Ebrach zustande gekommen.

Oleg Alexandrowitsch Jurjew

Der Schriftsteller und Lyriker wurde 1959 in Leningrad geboren. 1991 übersiedelte er mit seiner Frau, einer Lyrikerin und Prosaautorin, und dem 1988 geborenen Sohn nach Deutschland, um sich den Einschränkungen für Autoren in der Sowjetunion zu entziehen, wie er selbst sagt. Seitdem lebt Jurjew in Frankfurt am Main. „Eine zweite Sprache und eine zweite Kultur sind wie ein zweites Leben“, so seine Erfahrung und sein Credo, wie er bei seinem Auftritt in der JVA Ebrach wissen ließ. Auf Deutsch und Russisch sind Lyrik und Hörspiele, Romane, Theaterstücke und Essays von ihm erschienen. Erhabenes und Alltägliches spiegelt sich in seinen Texten. Seine Sprache transportiert Witz und Verzweiflung.

Dieser Tage kommt sein neuer Roman auf den Markt. Er trägt den Titel „Halbinsel Judatin“. Text: novo

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