GEROLZHOFEN

Widerstand war nie einheitlich ausgerichtet

Der erste Widerstand gegen die vom bayerischen Innenminister Bruno Merk geplante Landkreisreform formierte sich im Januar 1971. Jetzt waren Autos im Landkreis unterwegs mit dem Plakat „Geo muss bleiben“. Das Landratsamt gab sie kostenlos ab.

Ende Januar 1971 trafen sich auf breiter Basis Vertreter aus Gewerbe, Kommunalpolitik und Beamtenschaft zur Gründung einer Aktionsgemeinschaft „Erhaltet unsern Landkreis“. Man argumentierte mit einer bürgernahen Verwaltung und dem traditionell guten Verhältnis von Beamtenschaft und Bevölkerung im Landkreis Gerolzhofen. Die Gebietsreform würde den ohnehin schon strukturschwachen Raum noch weiter veröden lassen und zu einer Landflucht führen.

Landrat Ernst Kastner (CSU) kritisierte die hektische Vorbereitung der Reform durch die Staatsregierung hinter verschlossener Tür. Dieses Vorgehen erwecke beim Bürger Misstrauen. Als Kardinalforderung formulierte Kastner eine Verbesserung, Verbilligung und Vereinfachung der Verwaltung.

Ein Leserbrief des Dingolshäusers Alex Sendner im „Steigerwald-Bote“ brachte aber schon in der Frühphase des Widerstands zum Ausdruck, was dem Landkreis Gerolzhofen wohl letztendlich das Genick brach: die fehlende Homogenität und die zentrifugale Rivalität der drei Kreiszentren Gerolzhofen, Volkach und Wiesentheid. Sendner: „Von nachbarlichen Beziehungen oder Zusammengehörigkeitsgefühl kann doch wohl kaum die Rede sein. Der Raum Volkach hat seinen eigenen „Landrat“ Stühler (gemeint war der stellvertretende Landrat); bei festlichen Anlässen ist selten eine Stadt in der anderen durch Abordnungen vertreten.“ In der Tat gehörte bis zum Ende des Landkreises Gerolzhofen Volkach zum Finanzamt und Arbeitsamt Würzburg. Der Distrikt Wiesentheid wehrte sich dagegen, dass das Amtsgericht Gerolzhofen für diese Gemeinden zuständig wird. Man wollte unbedingt nach Kitzingen.

Auch wenn der große politische Zusammenhalt im Landkreis nicht zu erkennen war, gab es doch landkreisweiten Widerstand gegen die Gebietsreform. Resolutionen kamen im Frühjahr 1971 beispielsweise vom Bayerischen Landessportverband Kreis Gerolzhofen (BLSV) oder vom Bauernverband. Die Bauernschaft zeigte sich sehr beunruhigt durch die Pläne in München, die ungeahnte Folgen für die Landwirtschaft haben könnten. In der landwirtschaftlichen Gesamterzeugung lag der Kreis Gerolzhofen bayernweit an 10. Stelle. 897 Hektar Rebfläche bedeuteten ein Drittel des Bestands im Freistaat.

Es gab bereits einen richtungsweisenden Maschinenring Gerolzhofen und die Bauern nahmen die damals in der Landwirtschaft noch weitgehend unbekannte Buchführung auf sich, um besser wirtschaften zu können. Auch durch die Auflösung des Landwirtschaftsamts und der Landwirtschaftsschule sahen sich die Bauern in ihrer Entwicklung benachteiligt. Dazu kamen die Interessen von Schul- und Pfarrverbänden, die ebenfalls nicht zerschnitten werden wollten. Immerhin: Die Bürgermeister aus 71 der 77 Landkreisgemeinden fassten Anfang April 1971 eine Resolution mit dem Ziel, den Landkreis zu erhalten und zu stärken. Sie argumentierten dabei auch mit dem vorbildlich ausgebauten Straßennetz, das mit rund 200 Kilometern Kreisstraßen das fünftgrößte in Bayern war. Mit der Gebietsreform werde eine jahrzehntelange Aufbauarbeit nach dem Krieg zerschlagen. Die CSU-Vertreter in den Parlamenten setzten sich zumindest per Lippenbekenntnis für ein Weiterbestehen des Landkreises Gerolzhofen ein. Landtagsabgeordnete waren damals Albert Meyer und die Lindacherin Maria Wiederer, im Bundestag saß für die CSU Dr. Max Schulze-Vorberg. Sie übten zum Teil offene Kritik an ihrer eigenen Partei in München. Die SPD dagegen opponierte nicht gegen die Reform. Sie legte im so genannten Rothemund-Plan sogar ein noch viel radikaleres Reformkonzept vor. Danach sollten die Landkreise und Regierungsbezirke ganz abgeschafft und durch Planungsregionen ersetzt werden.

Alles in allem drang es aber in diesen Tagen bis zu Minister Merk persönlich vor, dass es im Kreis Gerolzhofen unterschiedliche Orientierungen gibt und der Widerstand gegen die Reform nicht einheitlich ausgerichtet ist, ja in den früheren Distrikten Volkach und Wiesentheid sogar unterlaufen wurde. Dieser Umstand erleichterte in München natürlich die Lösung der „Akte Gerolzhofen“.

In der nächsten Folge unserer Serie berichten wir über die ersten konkreten Entwürfe der Staatsregierung, die eine völlige Zerstückelung des Landkreises vorsahen. Daneben kursierte eine Vielzahl von teils kuriosen Entwürfen für die Landkreisreform.

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