Geldersheim

Wie Spielen die Seele von Flüchtlingskindern kuriert

"Willkommenskultur durch Spiel", ein Modellprojekt des Bundesfamilienministeriums, gibt es auch am Schweinfurter Ankerzentrum. Einmal in der Woche fährt ein Spielmobil für die Flüchtlingskinder vor. Foto: Anand Anders

Auf den ersten Blick wirken sie unbeschwert, unbekümmert, unbesorgt: die kleinen Mädchen mit den Rastazöpfen und die Jungs mit ihren High-Fade-Haarschnitten, die fröhlich vor dem Kinderhaus im Ankerzentrum herumtoben. Aber Bernd Bullnheimer weiß: "Jedes dieser Kinder ist traumatisiert." Seit Mitte Juni kommt der Coach und Geschäftsführer der Firma Main Connect jeden Montagnachmittag mit seinem Spielmobil in die Schweinfurter Flüchtlingsunterkunft und packt jede Menge Spielsachen aus: Pedalos, Laufräder, Hüpfbälle, Bauklötze, Gruppen-, Wissens- und Kartenspiele. Manchmal hat er sogar noch einen Anhänger dabei, für große Sachen. Beispielsweise um eine mehrere Meter lange Murmelbahn mit Holzständern oder eine Wasserbaustelle aus Abflussrohren zu bauen. "Für die Kinder ist das Spielmobil ein Highlight", sagt Barbara Finzel, die Leiterin des Kinderhauses.  

"Willkommenskultur durch Spiel" heißt das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderte Projekt, das 2016 startete und ursprünglich nur bis 2018 laufen sollte, dann aber noch einmal um zwei Jahre bis 2020 verlängert wurde. Ziel des Projektes ist es, "Flüchtlingskinder an ihrem Wohnort aufzusuchen und sie durch kindgerechte Angebote für eine aktive Teilnahme an den spielerischen Bildungs- und Integrationsmaßnahmen zu gewinnen", heißt es auf der Web-Site des Bundesministeriums. Rund 350 Spielmobile gibt es bundesweit. Ein Drittel sucht die Erstaufnahmeeinrichtungen auf, ein Drittel die Gemeinschaftsunterkünfte, und die restlichen machen Spielveranstaltungen auf öffentlichen Plätzen. Das Spielen soll das Miteinander und zugleich den Spracherwerb fördern.

Jonglage mit bunten Tüchern: Bernd Bullnheimer begeistert die Kinder mit seinem Spielangebot. Foto: Anand Anders

Roja hat anfänglich gar nicht geredet, erinnert sich Bernd Bullnheimer. Mittlerweile spricht das elfjährige Mädchen aus Aserbaidschan so gut Deutsch, dass sie beim "Dobble", ein beliebtes Reaktionsspiel, meist die Nase vorn hat. Bernd Bullnheimer legt zwei Karten mit Tierbildern auf, und die Kinder müssen das gleiche Tier auf beiden Karten suchen: Löwe, Ente, Schaf, Käfer, Hahn, Frosch – Roja kennt sie alle. Nur beim Pinguin muss sie nachdenken, ist ja auch kein einfaches Wort.

"Die Kinder haben ganz viel Liebe, und sie brauchen ganz viel Liebe"
Bernd Bullnheimer, Geschäftsführer Main Connect GmbH

"Spielen hilft den Kindern, sich zu entfalten und Grenzen zu überwinden", sagt Bernd Bullnheimer. Egal welches Alter, welche Herkunft oder welche Einschränkung ein Kind habe, beim Spielen erlebe es ein positives Miteinander. Das Wichtigste aber sei, den Kindern das Gefühl zu geben, an einem sicheren Ort zu sein. "Sie brauchen geschützte Freiräume, ganz besonders die Kinder in Flüchtlingsunterkünften."

Ein rollender Spielplatz: Bernd Bullnheimer lädt jede Menge Spielsachen aus. Foto: Anand Anders

Bis zu 20 Kinder kommen regelmäßig montags zum Spielnachmittag. Wenn Bullnheimer mit seinem rollenden Spielplatz vorfährt, können sie es kaum erwarten, bis die Spielsachen ausgeladen sind. Zuerst dürfen sie sich mit den Pedalos austoben. Das sind auf Rädern gelagerte Trittbretter, die Gleichgewicht, Reaktionsvermögen und koordinative Fähigkeiten trainieren. Denn viele Flüchtlingskinder haben motorische Defizite, hat Bullnheimer bemerkt. Und weil die Motorik mit der Seele einhergeht, so Erzieherin Barbara Finzel, "kuriert das auch die Seele".

Auf der Freifläche vor dem Kinderhaus im Ankerzentrum dürfen sich die Kinder austoben. Foto: Anand Anders

Bullnheimer hat die Pedalos in den verschiedensten Größen und Varianten dabei. Sogar ein Sitzpedalo, auf dem zwei Kinder Platz nehmen können. Paul und Peter schnappen sich das gleich. Die siebenjährigen Zwillingsbrüder sind mit ihren Eltern und der kleinen Schwester Tiffany aus Nigeria geflüchtet, haben eine lange Reise hinter sich und sind immer noch nicht angekommen. Geflüchtete aus Nigeria haben eine schlechte Bleibeperspektive. "Viele sind seit Jahren auf der Flucht", weiß Erzieherin Barbara Finzel. Manche waren schon im eigenen Land auf der Flucht. Sie haben einiges verpasst. Ihnen fehle nicht nur Kindergarten- und Schulzeit, ihnen fehle das "Kind sein".  

Alle Namen der Kinder stehen im Tagebuch. Foto: Anand Anders
Fotos erinnern an außergewöhnliche Spielaktionen. Foto: Anand Anders

Nach dem Austoben geht's an die Tische. Der zehnjährige Saviour will malen, Davido beim Murmelspiel mitmachen. Dafür ist der Vierjährige aber noch zu klein. Eine ehrenamtliche Helferin vom Kinderhaus setzt ihn aufs Wackelbrett und wird mit einem Lachen belohnt. "Die Kinder haben ganz viel Liebe, und sie brauchen ganz viel Liebe", sagt Bernd Bullnheimer. Von jedem Besuch im Ankerzentrum führt er Tagebuch. Da werden alle Namen der Kinder hineingeschrieben. Wer will, darf ein Smiley dazu malen. Auch Fotos werden gemacht und zur Erinnerung eingeklebt. Zum Beispiel von der überdimensionalen Murmelbahn oder der Wasserbaustelle. "Das hat den Kindern riesigen Spaß gemacht." Bei allem Spaß werden die Kinder aber auch immer wieder von ihrem Schicksal eingeholt. Beispielsweise wenn der beste Freund plötzlich weg ist, weil er "Transfer" hat. So nennen es die Kinder im Ankerzentrum, wenn jemand abgeschoben wird. "Das macht ihnen Angst und verunsichert sie", sagt Barbara Finzel. So ist sie froh um jede Unterstützung bei der nicht einfachen Beziehungsarbeit mit den Flüchtlingskindern.

Bullnheimer ist spät eingestiegen in das Projekt. Seine Firma Main Connect wurde 2016 erst gegründet. Die Idee dahinter: Menschen beim Spielen zusammenbringen. Das Spielmobil ist vielerorts im Einsatz, zum Beispiel für pädagogische Spielaktionen in Schulen und Kindergärten oder für Motivationstraining bei Unternehmen oder für Spielveranstaltungen bei Vereinen, Firmen und Festen. Seit Mitte des Jahres nun auch für die Flüchtlingskinder im Ankerzentrum. Doch wie lange noch? 2020 endet das Projekt, dann gibt es keine finanzielle Unterstützung mehr vom Bundesministerium. Barbara Finzel möchte das Angebot in jedem Fall erhalten. Es werden deshalb neue Fördertöpfe gesucht.

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