Schweinfurt

Wie ein Flüchtling Hotelfachmann wurde: Der steinige Weg eines jungen Afghanen

Golagha Farhad Rostami hat eine emotionale Achterbahnfahrt hinter sich. Der 28-Jährige macht eine Ausbildung zum Hotelfachmann. Der Weg dahin war lang und schwierig.
Golagha Farhad Rostami hat es geschafft: Der junge Afghane (im Bild mit Serviceleiterin Carina Fell) macht eine Ausbildung zum Hotelfachmann in Burkardus-Wohnpark Bad Kissingen und hat sich so für die nächsten fünf Jahre ein Bleiberecht in Deutschland gesichert. Foto: Anand Anders

"Auf dem Papier liest es sich so schön, aber in der Praxis ist es ein mühes Ringen." Uwe Kraus, der Leiter der Sozialen Dienste bei der Diakonie in Schweinfurt, spricht von der "ESF-Integrationsrichtlinie Bund Handlungsschwerpunkt Integration von Asylbewerberinnen, Asylbewerbern und Flüchtlingen". Schon das Namensungetüm lässt erahnen, dass hier was Komplexes dahintersteckt. Dabei geht es "nur" darum, Asylbewerber, Geflüchtete  oder Geduldete in Arbeit oder Ausbildung zu bringen und so ein Bleiberecht zu erwirken.

Bei Golagha Farhad Rostami war das "eine lange, schwierige Geburt", sagt Kraus. Der 28-jährige Afghane hat am 1. September eine Ausbildung zum Hotelfachmann im Burkardus-Wohnpark in Bad Kissingen begonnen. Laura Geiling und Heike John von der Flüchtlings- und Integrationsberatung der Diakonie Schweinfurt haben ihn beim Behördenmarathon begleitet, durch den Bürokratie-Dschungel gelotst und alle Fallstricke dabei aus dem Weg geräumt. "Er ist ein Paradebeispiel, wie es funktionieren kann", sagt Uwe Kraus. Deshalb will die Diakonie seine Geschichte öffentlich machen.

Er kann wieder lächeln: Golagha Farhad Rostami hat hat alle bürokratischen Hürden überwunden, mit Hilfe seiner Betreuerinnen bei der Asylsozialberatung der Diakonie in Schweinfurt. Dafür ist er dankbar. Foto: Anand Anders

Blick zurück: Golagha Farhad Rostami ist Ende 2015 aus Herat, der zweitgrößten Stadt Afghanistans, geflüchtet. 45 Tage war er unterwegs, bis er in der damaligen Erstaufnahmeeinrichtung der Regierung von Unterfranken in den Ledward Barracks in Schweinfurt ankam. Während seines Asylverfahrens wohnte er zunächst in der Gemeinschaftsunterkunft in Geldersheim, besuchte die Berufsschule, machte seinen Mittelschulabschluss und fand Arbeit bei der Metallbaufirma Madinger in Euerbach. Dort arbeitete er auch weiter, als er in eine andere Unterkunft ins 70 Kilometer entfernte Ebern umziehen musste, fuhr täglich zwei Stunden mit Zug und Bus zur Arbeit und wieder zurück. Parallel lief sein Asylverfahren. 

Golagha Farhad Rostami brauchte einen Pass. Das war die größte Schwierigkeit.

Im Groben läuft das so ab: Registrierung, Anhörung, Prüfung, Entscheidung. Bekommt ein Geflüchteter am Ende einen negativen Asylbescheid, wird er aufgefordert, binnen 30 Tagen das Land zu verlassen. Dagegen kann er Berufung einlegen. Er erhält dann für die Dauer des Verfahrens eine sogenannte Aufenthaltsgestattung. Verliert er vor Gericht, kann er in die zweite Instanz vor das Oberverwaltungsgericht gehen. Wird auch diese Klage verloren, ist er ausreisepflichtig. Bei Golagha Farhad Rostami war im April 2019 dieser Punkt erreicht. Ihm wurde sofort die Arbeitserlaubnis entzogen. Für ihn gab es jetzt nur noch eine Möglichkeit, nicht abgeschoben zu werden: die Ausbildungsduldung nach der "3 plus 2"-Regelung. Das heißt: Kann ein Ausreisepflichtiger eine Lehrstelle vorweisen, erhält er eine dreijährige Duldung und anschließend für zwei Jahre eine Aufenthaltserlaubnis. Für fünf Jahre ist er dann erst einmal in Sicherheit.

Für Golagha Farhad Rostami zählte jetzt jeder Tag: Er brauchte eine Lehrstelle, die fand er relativ schnell im Burkardus-Wohnpark in Bad Kissingen. Und er brauchte einen Reisepass, um geduldet zu werden. "Das war die größte Schwierigkeit", sagt Laura Geiling. Denn beide Voraussetzungen müssen erfüllt sein, noch bevor die Ausländerbehörde eine "aufenthaltsbeendende Maßnahme" einleitet. Also selbst zur Passbeschaffung auffordert, was in der Regel  kurze Zeit nach Ablehnung des Asylantrags erfolgt. Es musste daher schnell gehandelt werden. Einen Reisepass hatte Golagha Farhad Rostami nicht. "Das haben in Afghanistan die wenigsten Menschen", sagt er. Viele besäßen nicht einmal eine Geburtsurkunde. Der 28-Jährige musste aufs Konsulat nach München, Antragsformulare für einen Geburtsnachweis holen, diese nach Afghanistan schicken, dort von verschiedenen Ministerien beglaubigen lassen, von einer "vertrauenswürdigen Person" wieder zurückschicken lassen und damit letztlich in der afghanischen Botschaft in Bonn seinen Reisepass erstellen lassen. 

"Viele geben auf, halten den psychischen Stress nicht aus."
Asylsozialberaterin Heike John

Schon in Deutschland wäre ein solcher Behördenmarathon eine Herausforderung. Wenn dann noch die Mithilfe von Ministerien und Anwälten in einem Kriegsgebiet erforderlich ist, gleicht es einer Herkulesaufgabe. "Viele geben auf, halten den psychischen Stress nicht aus", sagt Heike John. Golagha Farhad Rostami hat durchgehalten. Auch, weil ihm die beiden Asylsozialberaterinnen der Diakonie immer wieder Mut gemacht und bei sämtlichen Behördenformalitäten unterstützt haben. "Uns hat nach jedem Termin der Kopf gebrummt", erzählt Laura Geiling. Der emotionale Druck für ihren Schützling sei enorm hoch gewesen, weil immer das Damoklesschwert über ihm hing: "Klappt es oder klappt es nicht." Sprich: Sind alle Papiere da, bevor die Ausländerbehörde tätig wird.

Der Konsul persönlich unterschrieb die Papiere

Ein Freund in Würzburg vermittelte dem 28-Jährigen den Kontakt zu einem Anwalt in seiner Heimatstadt Herat, der die Papiere organisierte. Aus Sorge, sie könnten auf dem Postweg verschwinden, übergab dieser sie einem Freund, der sie mit nach Holland nahm und erst von dort nach Schweinfurt verschickte. Jetzt musste Golagha Farhad Rostami damit "nur noch" ins Konsulat nach Bonn und den Reisepass holen. Doch hier türmte sich das größte Hindernis auf. Die afghanischen Beamten wollten ihn nicht in die Botschaft lassen. Da sah der junge Mann nur eine Chance: Er schmuggelte sich in eine Gruppe Botschaftsmitarbeiter, was nicht auffiel, weil er extra für diesen "wichtigen Tag" einen Anzug angezogen hatte. Einmal drin, kämpfte er sich vor bis ins Büro des Konsuls, der ihn anhörte und "etwas auf ein Blatt Papier schrieb", das ihm alle Türen zu seinem Reisepass öffnete.

Golagha Farhad Rostami konnte aber längst noch nicht aufatmen. Wieder zurück in Schweinfurt, wartete eine weitere Aufgabe: Er brauchte noch das B1-Sprachzertifikat. Mit seinem Mittelschulabschluss besaß er zwar das B1-Niveau, aber eben nicht das Zertifikat. Dafür war nochmal ein Test notwendig. Auch das schaffte der 28-Jährige, so dass er nach fünf Monaten emotionaler Achterbahnfahrt gerade rechtzeitig am Ziel angekommen war.

"Es müssen ganz viele Leute mitwirken, damit dies überhaupt gelingen kann", sagt Heike John. Golagha Farhad Rostami hatte das große Glück, solche Menschen gefunden zu haben. Dafür ist er "unendlich dankbar". Denn es geht um nichts weniger, als um sein ganzes Leben.

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