SCHWEINFURT

Wie „faule Parasiten“ das Wirtschaftswunder ermöglichten

Beliebt waren sie nicht und willkommen erst recht nicht, die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu Millionen in den Westen flohen. Für die einheimische Bevölkerung waren sie in erster Linie „faule Parasiten“, die mit obrigkeitlicher Duldung scheinbar auf Kosten der Einheimischen lebten.

Parallelen zu der Flüchtlingsproblematik heute drängen sich auf. Seit einer Woche ist Schweinfurt Zufluchts- und Ankunftsort für Flüchtlinge. Über die Einrichtung des Erstaufnahmelagers habe man beinahe ein anderes wichtiges Thema aus den Augen verloren, meinte Oberbürgermeister Sebastian Remelé: 70 Jahre Kriegsende und die größte Vertreibung in der deutschen Geschichte.

Dieses Themas nahm sich Prof. Dr. Matthias Stickler, Professor für neuere und neueste Geschichte an der Universität Würzburg, nun an. Auf Einladung der Volkshochschule, des Historischen Vereins, von Stadtarchiv und Kulturamt sprach er in der Rathausdiele über „Vertriebenenintegration in Unterfranken nach 1945. Anmerkungen zu einem wenig beachteten Thema“.

Parallelen zwischen damals und heute seien „so richtig wie falsch“, hatte bereits Remelé betont. Zwar kämen Flüchtlinge nie freiwillig, aber 1945 war doch einiges anders. Sie sprachen die deutsche Sprache, hatten dieselbe Kultur und kamen in ein zerstörtes Land. Heute kommen die Flüchtlinge aus anderen Kulturen in ein reiches Land.

Eine Bestandsaufnahme

Sticklers „Anmerkungen“ zu diesem Thema waren eine umfangreiche und sehr interessante Bestandsaufnahme zur Situation nach 1945 und deren Folgen. Weil die großen Städte weitgehend zerstört waren, wurden die Vertriebenen überwiegend auf dem Land, dort häufig auf Bauernhöfen, aber auch in eigens eingerichteten Sammellagern untergebracht. Eines dieser Sammellager beispielsweise war die Plassenburg in Kulmbach.

Dokumente der Geschichte: Eine Mitgliedskarte der Interessenvertretung, zu sehen war sie im Rahmen einer Ausstellung. Foto: Edgar Kolb

Der ohnehin oft zerstörte Wohnraum musste nun also auch noch mit den Vertriebenen geteilt werden, die die Einheimischen meist unter Zwang zugewiesen bekamen. Man kann sich unschwer vorstellen, dass dies zu Reibereien führte, die Flüchtlinge waren Fremdkörper im überkommenen bäuerlichen Sozialmilieu.

Nicht nur die Bevölkerung, auch die Politik war nicht gerade glücklich über diese „Zuwanderung“. So predigte der in Heidenfeld geborene Münchner Kardinal Michael von Faulhaber noch Ende der 1949er Jahre, die Besatzungsmächte sollten die Vertrieben mitnehmen und sprach dabei aus, was allgemeines und politisches Denken war. Erst ab 1947 setzte sich in Bayern allmählich die Überzeugung durch, dass man die Vertriebenen wohl nicht mehr loswerden würde und deshalb ihre Eingliederung ins Werk gesetzt werden müsste. Auch hatte die Politik inzwischen entdeckt, dass diese Millionen Menschen ja Deutsche und damit wahlberechtigt waren.

Oberste Priorität in der Bayerischen Integrationspolitik hatte zunächst die berufliche Eingliederung der Vertriebenen. Dies war nicht einfach, denn die meisten von ihnen waren in strukturschwachen Gebieten untergebracht worden und mussten weit fahren, um arbeiten zu können. So kam es oft zum sozialen Abstieg, die Vertriebenen hatten im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung eine höhere Arbeitslosenquote und wesentlich niedrigere Einkommen. Dies änderte sich erst in den 1970er Jahren.

Noch 1953 galten von 165 000 Vertriebenen in Unterfranken 25 Prozent als sozial deklassiert. Die Hälfte war so weit eingegliedert, dass sie zwar über Berufseinkommen verfügte, ihr gesellschaftlicher Status aber niedriger war als vor der Vertreibung. Lediglich 25 Prozent der Betroffenen konnten als voll integriert gelten. Dabei trugen die Vertriebenen wesentlich zur Industrialisierung des Landes und zum Gelingen des „Wirtschaftswunders“ bei. Sie stellten die dringend benötigten Arbeitskräfte.

Anfangs der 1950er Jahre wurde auch das drängende Problem des fehlenden Wohnraums in Angriff genommen. Es wurde gebaut, wobei die Bauherren, wenn nicht Stadt oder Kommune, häufig auch neu gegründete Wohnungsbaugenossenschaften und -gesellschaften wie beispielsweise das Bruno-Werk im Bistum Würzburg waren. Der Zustrom der Vertriebenen hat die Sozialstruktur Frankens verändert, dies lässt sich deutlich auch an den konfessionellen Verhältnissen zeigen. In den traditionell evangelischen Gebieten Ober- und Mittelfrankens stieg der Katholikenanteil deutlich an, mehr noch als umgekehrt der Protestantenanteil in Unterfranken. Sticklers Fazit: „Es braucht eine aufnehmende Gesellschaft, aber auch die, die kommen, müssen offen sein für die Gesellschaft, in die sie kommen.“

Große Emotionen

Die anschließende Diskussion war geprägt von großen Emotionen. Zeitzeugen erinnerten sich an die verheerenden Zustände. „Wir waren Freiwild.“ Ein Mann empörte sich über den Begriff der angeblichen „wilden Vertreibungen“: „Das waren systematisch vom tschechischen Staat organisierte Vertreibungen.“ Es gab auch die „wilden Vertreibungen“, widersprach eine Frau und erzählte von den Todesmärschen übers Erzgebirge oder wie die Menschen in die Elbe getrieben wurden.

Erlebnisse, die man bis ins hohe Alter hinein nicht vergisst und die durch Sticklers Vortrag wieder hochkamen. Ein Herr beschwerte sich, dass keines der Gymnasien Schweinfurts ihn als Zeitzeugen einladen wollte und meinte, der Geschichtsunterricht höre immer am Ende des 19. Jahrhunderts auf. Das Problem einer ganzen Generation – seiner Generation – werde nicht gesehen.

Dem widersprach Stickler vehement: „Das ist eine Verschwörungstheorie, die in keiner Weise der Realität entspricht.“ Viele seiner Studierenden wählten die Geschichte der Vertreibung für ihre Facharbeiten. Seit der Wiedervereinigung komme es immer öfter zu einem Schüleraustausch zwischen Polen, Tschechen und Deutschen, bei denen dieses Thema sehr wohl aufgearbeitet werde.

Wer sich weiter mit dem Thema beschäftigen will, ist eingeladen zur Ausstellung „Heimatvertriebene in Schweinfurt“ vom 17. bis 27. September, täglich von 8 bis 20 Uhr im Konferenzzentrum auf der Maininsel.

Geschichte in Zahlen

In den Jahren 1945/46 strömten zwölf Millionen Menschen in die vier Besatzungszonen.

Ende 1945 hielten sich in Bayern ca. 1,5 Millionen Vertriebene auf, im Oktober 1946 waren es bereits 1,7 Millionen, 1950 stieg die Zahl auf 1,9 Millionen an, jeder fünfte Bewohner Bayerns war ein Vertriebener. Die größte Gruppe waren Sudentendeutsche und Schlesier. Den höchsten Anteil an Sudetendeutschen hatte Unterfranken mit 59 Prozent, dort lebten mit 20 Prozent die wenigsten Schlesier.

Im damaligen Bundesgebiet lebten zu dieser Zeit etwa acht Millionen Vertriebene, 16,1 Prozent der Bevölkerung.

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