SCHWEINFURT

Wie klingt der Friedhof?

Stille Stunde: Zum Abschluss des „FriedhofsKlangs“ wurden Lichter entzündet. Foto: Eichler

Die fünfte Staffel hat gerade begonnen, rechtzeitig zu Halloween: „The Walking Dead“ nennt sich eine amerikanische Erfolgsserie, in der die Toten in Massen durch die Lande wandern, aufgrund einer ominösen Infektion. Es „menschelt“ zwischen den Überlebenden, an Spezialeffekten wird nicht gegeizt: Aber die Welt der Verstorbenen ist definitiv nur noch eine Bedrohung.

„Auferstehung der Toten“ als Urangst, der Tod als ein ultimativer, grausiger Verlust von Lebensqualität: Der Kontrast zwischen den Erwartungen der Mainstream-Unterhaltung und den Antworten des Glaubens könnte 2015 nicht größer sein. Friedvoll und freundlich liegt es da, das sanft flackernde Lichtermeer des Schweinfurter Hauptfriedhofs am Sonntagabend zu Allerheiligen. Es ist stockdunkel, aber noch immer gehen Angehörige zwischen den Gräbern umher, um Kerzen zu entzünden. Immer wieder fallen Blätter von den herbstfarbenen Bäumen.

„FriedhofsKlang“ nennt sich der musikalische Rundgang der Jugendkirche „kross“, ein Debüt, unterstützt durch das Bestattungshaus Michal. Es sprechen Dekanats-Jugendseelsorger Günter Kirchner und Teresa Schöneich, Saxophonist Michi Elsen sorgt für die passende Blues-Stimmung. „Wie klingt der Friedhof eigentlich? Nach Schluchzen und Weinen?“ „Nach dem Heulen des Novemberwinds?“ „Nach Zittern und Bibbern?“ Günter Kirchner begrüßt mit diesen Fragen weit über 150 Friedhofsgänger. Am Haupteingang, wo alte Grab-Wappen daran erinnern, dass schon immer, seit Anbeginn der Menschheit, gestorben, getrauert, erinnert wird, milliardenfach. Die Frage bleibt, wie wir mit Vergänglichkeit umgehen: „Gehen wir in Stille hinein und hören wir, wie der Friedhof klingt.“ „Der Klang von Namen“ heißt die erste Station auf dem Weg durch die Schweinfurter Nekropole: „Unzählige Male prägt der Name das Leben, und prägt das Leben den Namen.“ Namen, das seien die DNA der Erinnerung, heißt es zwischen matt schimmernden Grabsteinen. Dazu erklingt „I did it my way“ von Frank Sinatra: „Ich hab's auf meine Weise getan, im Leben.“ Eine Anregung soll es sein, sich die Namen von Menschen in Erinnerung zu rufen, die schon gegangen sind.

Eine Zeit lang bewegen sich die Besucher jeder Altersgruppe in völliger Finsternis, und finden doch ihren Weg. „Der Klang des Jenseits“ nennt sich die zweite Station, mit dem Gebet eines Unglücklichen aus Psalm 102, dessen Tage wie Rauch geschwunden sind: „Der Klang des Jenseits ist manchmal nur ein stilles Vertrauen, wo vorher die Seele lärmte.“ Erstaunliche Gnade, „Amazing Grace“ ist das feierliche Musikstück dazu. Die Gäste in der Welt der Toten sind, auch das ist gewollt, nicht nur totenstill.

Erinnerungen kommen am Wegrand hoch, an einen Friedhofsbesuch in St.Petersburg etwa, Teenagerinnen lachen und schäkern sich die ungewohnte Dunkelheit weg. „Selbst wenn du meine Stimme nicht hören kannst, werde ich immer bei dir sein“, verspricht Leona Lewis im Lied „Run“. An der dritten Station, halb im Licht der Straße, geht es um die Trauer, um die Geschichte einer melancholischen jungen Frau, die ihren Vater vermisst. Für die Moll zur Grundtonart ihres Lebens geworden ist, ohne damit nur unglücklich zu sein. „Over the rainbow“ spendet „Trost und Hoffnung“ auf eine Welt hinter dem Regenbogen, dem blauen Himmel.

„You rise me up“ ist der musikalische Klang zur Auferstehung, wie sie Maria Magdalena „live“ erleben durfte. Ein Ort im Dunklen bleibt die sechste Station, beim „Klang der Stille“: der alte jüdische Teil des Friedhofs, Symbol dafür, dass Leid und Sterben allzu oft menschengemacht sind, durch Rassenhass, Machtkalkül, Krieg. Kerzen werden entzündet, zur Musik des Air von Bach. Dann geht es, nach über einer Stunde, langsam wieder hinaus, in die Welt der Lebenden, mit einem „Ave Maria“ und dem Abschiedssegen.

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