WÜRGASSEN

Wie man ein AKW abbaut

Mammut-Projekte: Das Atomkraftwerk Würgassen ist nur noch eine leere Hülle aus Beton. Der erste Rückbau eines kommerziell genutzten AKWs zeigt, wie der Rückbau des Meilers Grafenrheinfeld ablaufen kann.

Die Lichtstrahler werfen harte Schatten, nach oben öffnet sich ein Atrium aus blankem Beton, die Wände über und über besprüht mit Zahlen. Die rundliche Basis einer gigantischen Kugel ruht wie der Überrest eines kolossalen Alien-Eis am Boden. Hier könnte man einen Endzeit-Film drehen. Und um Endzeit geht es hier auch ganz real. Es ist die leere Hülle des Atomkraftwerks Würgassen, abgeschaltet 1994, nachdem man Haarrisse im Kernmantel entdeckte, 17 Jahre lang in Kleinarbeit entkernt. Das Wissen aus dieser Arbeit will PreussenElektra, ehemals E.on-Kernkraft, für den Rückbau des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld (KKG) nutzen. Auch, indem man dort einiges anders macht.

„Es geht, wir haben es geschafft, ohne dass jemand zu Schaden gekommen ist“, sagt Würgassens Standortleiter Markus Wentzke. In fünf teils parallel verlaufenden Phasen hat man das AKW auseinandergenommen. Mit Stade und Isar I stecken zwei Meiler des Unternehmens derzeit im Rückbau, Grafenrheinfeld und Unterweser sind heruntergefahren. Beim KKG steht die Genehmigung für den Rückbau noch aus, PreussenElektra erwartet sie Ende des Jahres. Für Kommunalpolitiker und Journalisten aus den Gebieten ums KKG und Isar I hat das Unternehmen eine Informationsfahrt organisiert.

Von außen nach innen vorgearbeitet

Sieht man von der äußeren Betonhülle ab, hat man sich in Würgassen quasi von außen nach innen an den Reaktor herangearbeitet. In Grafenrheinfeld will man so schnell wie möglich den Reaktordruckbehälter abbauen. Jedes Teil, jedes Stückchen Wand in 640 Räumen ist laut Rückbau-Projektleiter Matthias Spieker kontrolliert worden. Nur was unter dem erlaubten Grenzwert strahlt, durfte „freigemessen“ werden. Bis zu 500 Leute waren gleichzeitig auf der Rückbau-Baustelle, Spieker betreute 35 verschiedene Gewerke.

PreussenElektra schätzt die Rückbaukosten auf mehr als eine Milliarde Euro. Man hatte sich für den direkten Rückbau anstatt den „sicheren Einschluss“ entschieden, bei dem man das AKW für längere Zeit quasi in einen Dornröschenschlaf gelegt hätte, um Radioaktivität abklingen zu lassen. Auch das KKG soll direkt zurückgebaut werden.

Mit einem sogenannten Kontamaten, der ein bisschen aussieht wie ein Bügeleisen, haben Mitarbeiter die Würgassener Wände auf Radioaktivität geprüft. Teils dicke Löcher im Beton zeugen davon, dass sie auch fündig wurden. Für jede Zahl an der Wand gibt es eine Entsprechung in den Akten mit den Messwerten. Türzargen und Trittkanten an den Treppen wurden abmontiert, um zu schauen, ob sich dahinter nicht doch radioaktive Teilchen abgesetzt haben. Teilweise wurden Anlageteile unter Wasser zerlegt.

Um die Massen radioaktiven Abfalls möglichst gering zu halten, wurden einige Flächen mit Stahlkies abgestrahlt und die obere kontaminierte Schicht entfernt. Auf der sogenannten 41-Meter-Ebene, wo früher die Wasseroberfläche des Brennelement-Lagerbeckens war und per Ladekran die Brennstäbe im Reaktor gewechselt werden konnten, ist der gesamte Estrich abgetragen worden.

Für die Dekontamination der Edelstahl-Auskleidung im Brennelement-Lagerbecken mussten zum Beispiel einzelne kleine Abschnitte eingehaust und abgestrahlt werden. Der entstehende radioaktive Staub wurde laut dem früheren Standort-Pressesprecher abgesaugt, die Edelstahlplatten danach in Schweden eingeschmolzen.

Gewaltige Massen sind trotzdem entstanden und werden noch anfallen. Laut PreussenElektra geht es beim Rückbau von Würgassen um insgesamt 423 600 Tonnen. 168 600 Tonnen stammen aus dem konventionellen Anlagenteil und wandern auf Mülldeponien oder werden recycelt. 255 000 Tonnen kommen aus dem nuklearen Bereich. Von dieser Viertelmillion Tonnen sind etwa 12 Prozent (27 600 Tonnen) bereits freigegeben und konventionell entsorgt worden. 220 000 Tonnen „werden nach dem Abriss der Gebäudehülle Bauschutt sein“, sagt Wentzke. Laut PreussenElektra können 95 Prozent der Massen aus dem nuklearen Bereich „dem konventionellen Kreislauf wieder zugeführt werden“.

„Nur“ 2,9 Prozent der Masse ist schwach- und mittelradioaktiver Abfall. Diese 7400 Tonnen sind noch auf dem Gelände. Wenn das Material es zuließ, hat man es in sogenannten Fakir-Fässern zu keksförmigen Scheiben zusammengepresst. Sechs Kekse passen dann wieder in ein gelbes Atommüll-Fass. Fässer und Container lagern in zwei Zwischenlagern, einmal in einer Extra-Halle und einmal einem umfunktionierten Teil des Hauptgebäudes.

Allerdings: Hochradioaktive Brennelemente waren in Würgassen – anders als in Grafenrheinfeld – zu Beginn des Rückbaus gar nicht mehr vorhanden. Sie waren bereits unter massivem Greenpeace-Protest in die Wiederaufbereitungsanlage nach La Hague in Frankreich abtransportiert worden.

Seit Mitte 2005 sind Castortransporte abgebrannter Brennelemente in die Wiederaufbereitung allerdings verboten. Stattdessen muss es Zwischenlager am Standort geben. Die Brennelemente aus dem KKG-Reaktor werden also vor Ort in Grafenrheinfeld bleiben, es gibt bereits das Zwischenlager „Bella“ mit einer Betriebsgenehmigung bis ins Jahr 2046. Für den schwach- und mittelradioaktiven Abfall will PreussenElektra zusätzlich die Bereitstellungshalle „Beha“ bauen, gegen die sich die Kommunen ringsum teils massiv wehren. Nicht alle Mainbogen-Gemeinden haben heute einen Vertreter geschickt, aber die Anwesenden wollen unbedingt die Würgassener Entsprechung der Beha sehen. „Es ist eben doch nicht irgendeine Feldscheune“, sagt Ulrich Werner, Bürgermeister von Bergrheinfeld (Lkr. Schweinfurt). Auch wenn die Halle maximal unspektakulär aussieht.

KKG: Mehr Leistung, mehr Masse

Auch die zu erwartenden Massen sind im KKG, das mit einer Leistung von 1275 Megawatt doppelt so viel Strom produzierte wie Würgassen, deutlich größer. PreussenElektra schätzt die Gesamtmasse der Anlage auf 740 000 Tonnen, davon 331 500 Tonnen aus dem nuklearen Bereich. Aber: Die Firma rechnet mit weniger radioaktivem Abfall als in Würgassen, nämlich mit etwa 3500 Tonnen. Aufgrund der Bauweise als sogenannter Siedewasserreaktor sind in Würgassen nämlich weitaus größere Teile der Technik mit Radioaktivität in Berührung gekommen als beim Druckwasserreaktor des KKG.

Die Frage, wohin mit dem Atommüll, beschäftigt aber natürlich hier wie dort. Da es noch immer kein Endlager gibt, bleiben die Abfälle vorerst vor Ort. In Würgassen steht deshalb auch das große Hauptgebäude noch, denn so lange in einem Teil Atommüll auf ein Endlager wartet, wäre der Abriss zu gefährlich. Auch, wenn das Gebäude bald aus der atomrechtlichen Aufsicht entlassen wird.

„Das Potenzial ist noch hier, da darf man sich nichts vormachen, es ist bloß in Kisten verpackt“, sagt Bergrheinfeld-Bürgermeister Ulrich Werner. Er ist auch hier, um sich mit anderen Kommunalpolitikern auszutauschen. Das Thema Feuerwehr drückt die Gemeinden ums KKG zum Beispiel sehr. Wollen und können die freiwilligen Feuerwehrler einen Brand etwa im Zwischenlager bekämpfen, wenn es keine Werksfeuerwehr mehr gibt? „Das gefällt mir nicht, dass diese Frage so abgetan wird“, sagt Werner. Vom Bürgermeister der Stadt Beverungen, zu der Würgassen gehört, hat Werner erfahren: Die Freiwillige Feuerwehr Beverungen hat dort eine Handlungsvereinbarung mit PreussenElektra, sie ist auch mit einem ABC-Zug ausgestattet, der auch im Umgang mit Radioaktivität ausgebildet ist. Also alles kein Problem?

Überhaupt: Öffentliche Einmischung beim Rückbau, Zweifel am Vorgehen? „Wir hatten ein bisschen Greenpeace-Protest zu Beginn, dann war das Kraftwerk total aus dem öffentlichen Bewusstsein“, sagt Standortleiter Wentzke. Öffentlichkeitsbeteiligung? „Gab es keine, hat auch keiner danach gefragt.“

In der Region wurde die Abschaltung mit dem Verlust von Arbeitsplätzen verbunden, zu Hochzeiten waren in Würgassen mehr als 500 Menschen beschäftigt, heute gibt der leere Betonklotz noch etwas mehr als 20 Arbeit, die sich im Pförtnerhäuschen eingerichtet haben. Die Steuereinnahmen haben Beverungen, wie auch Grafenrheinfeld, einst üppige Gewerbesteuereinnahmen gebracht, rund fünf Millionen Mark im Jahr. Stadthalle, Kulturzentrum, Schulzentrum, Freibad, Hallenbad – „das hätte sich eine Gemeinde wie Beverungen sonst sicher nicht leisten können“, sagt Bürgermeister Hubertus Grimm.

Und noch etwas ist anders in Würgassen: Hier wurden die Kühltürme beizeiten abgerissen, in Grafenrheinfeld soll das laut Planung erst zum Schluss kommen, irgendwann in den 2020er Jahren. Der frühe Abbruch in Würgassen sollte ein Signal nach außen sein, sagt Almut Zyweck von der PreussenElektra-Pressestelle. „Wir hören diesen Wunsch auch in Grafenrheinfeld sehr häufig.“ Seit einem Gespräch im Landratsamt will man diese Möglichkeit jetzt tatsächlich noch mal ernsthaft prüfen. „Kraftwerksleiter Bernd Kaiser ist dazu in Verhandlungen.“ Wie ernsthaft verhandelt wird, ist jedoch unklar.

Bergrheinfelds Bürgermeister war bei dem Termin im Landratsamt auch dabei, war allerdings enttäuscht. Er habe die Gemeinde bestärkt, sich gemeinsam mit anderen einen Anwalt zu nehmen. Unter dem Eindruck von Würgassen sagt er dennoch: „Ich habe das Gefühl, dass beim Rückbau wirklich akribisch gearbeitet wird. Und ich wurde bestätigt: Der direkte Rückbau ist der richtige Weg.“

Standortleiter Markus Wentzke

Rückblick

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