SCHWANFELD

Windkraft-Diskussion: Wo die Wende hakt

Thema des Vortrags waren eigentlich Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung. Der Saal diskutierte aber vor allem die Belastungen durch Windkraft.
Referentin Maria Kopfinger
Referentin Maria Kopfinger

Die Politik hat erkannt, dass die Windkraft – auch und gerade im Landkreis Schweinfurt – inzwischen ein Akzeptanzproblem hat. Das Landratsamt – genauer: der dort angesiedelte Windstützpunkt – reagiert deshalb mit der Vortragsreihe „Akzeptanz durch Wissen“. Tatsächlich sind im Landkreis bereits 32 Windkraftanlagen in Betrieb, für 45 weitere laufen Genehmigungsverfahren. Die Karte Bayerns zeigt eine deutliche Ballung der Standorte links oben, also in Unterfranken, und quasi nichts rechts unten, also in Niederbayern.

Dort unten, in Straubing, sitzt der Verein C.A.R.M.E.N., das Centrale Agrar- Rohstoff- Marketing- und Energie-Netzwerk, gegründet vor 22 Jahren auf Initiative der Staatsregierung, als Biodiesel noch ein großes Thema war. Vor zweieinhalb Jahren hat C.A.R.M.E.N. sein Interesse neben nachwachsenden Rohstoffen auch anderen erneuerbaren Energien zugewandt, seither arbeitet Umweltingenieurin Maria Kopfinger für den eingetragenen Verein. Sie ist zuständig für alle Energiefragen, die nicht mit nachwachsenden Rohstoffen zu tun haben.

Kopfinger eröffnete am Mittwoch die neue Vortragsreihe im Bürgerzentrum Schwanfeld mit dem Thema „Finanzielle Windkraft-Beteiligungsmodelle für Bürgerinnen und Bürger“. Der Grundgedankte leuchtet ein: Wenn die Bürger an den Windkraftanlagen mitverdienen, wird auch die Akzeptanz (wieder) steigen. Es geht aber auch um Wertschöpfung: Gemeinden und Bürger können profitieren von den Gewinnen aus der Energieerzeugung, von Steuern und nicht zuletzt von den Gehältern der Beschäftigten.

400 000 Arbeitsplätze gibt es inzwischen auf dem Sektor der erneuerbaren Energien in Deutschland. Ein Drittel dieser Unternehmen operiert mit Bürgerbeteiligung, bei der Windkraft sogar die Hälfte. Das habe einerseits mit der Notwendigkeit der Kapitalbeschaffung zu tun – eine Windkraftanlage kostet zwischen drei und fünf Millionen Euro –, andererseits auch mit dem Wunsch der Menschen, mitzugestalten, erläutert Maria Kopfinger.

Ein Viertel der Energie in Deutschland kam 2013 aus erneuerbaren Quellen, ein gutes Drittel davon wiederum aus Windkraft. In Bayern liegt der Windkraftanteil – landesweit gesehen – dagegen nur bei 3,1 Prozent. „Da gibt es noch Ausbaupotenzial“, sagt Maria Kopfinger, „aber nur, wenn die Bürger hinter den Projekten stehen.“ Es ist genau dieses Ausbaupotenzial, das den Menschen in der Region Sorgen macht, das wird sich später deutlich zeigen.

Zunächst aber erläutert Maria Kopfinger Beteiligungsmodelle. Die Vor- und Nachteile verschiedener Gesellschaftsformen, Renditeaussichten, Möglichkeiten der Risikobegrenzung. Am geeignetsten erscheinen die Formen der Genossenschaft und der GmbH & Co. KG. Deutschlandweit gibt es 900 Energiegenossenschaften, in Bayern sind es 240.

In beiden Formen lässt sich das Haftungsrisiko gut abschirmen, wobei in der Genossenschaft die Möglichkeiten der Mitbestimmung größer sind als in der GmbH & Co. KG. Grundsätzlich gilt: Die Entscheidung über die Gesellschaftsform sollte möglichst früh fallen, allerdings erst dann, wenn sich die interessierten Bürger klar sind über ihre Ziele und Erwartungen.

Diese Erwartungen werden von Windkraft-Projektanten oft positiver dargestellt, als es der späteren Realität entspricht, räumt Maria Kopfinger ein. Zinserträge von sechs, sieben oder gar acht Prozent werden da versprochen und Anlagen weiter geplant, obwohl schon vorab klar ist, dass am Standort der Wind für wirtschaftlichen Betrieb nicht ausreichen wird. „Da sollte man vorab auf langfristigen Windmessungen und Gutachten bestehen“, rät Kopfinger.

In Sachen Rendite meldet sich Robert Ruppenstein von der Überlandzentrale Lülsfeld – eine Genossenschaft – zu Wort. Die ÜZ betreibt in Forst fünf Windkraftanlagen. Der Ertrag: „Mehr als ein Prozent, aber deutlich unter fünf“, sagt Ruppenstein.

Doch das Publikum im gut besetzten Bürgerzentrum ist nicht so sehr an den wirtschaftlichen Aspekten der Windkraft interessiert. „Ich fühle mich stark belästigt durch die vielen Anlagen um Schwanfeld – optisch und durch den Schall“, sagt ein Zuhörer. Kopfinger verweist auf gesetzliche Grenzwerte zum Schutze der Menschen: „Sie haben kein Recht auf absolute Geräuschlosigkeit. Solange die Belastung in Grenzen bleibt, die zumutbar sind, muss man das hinnehmen. Und was ist mit dem Klimaschutz?“

Sie räumt allerdings auch ein, dass es beim Thema Infraschall noch „riesigen Forschungsbedarf“ gebe. Als Infraschall werden Frequenzen bezeichnet, die so niedrig sind, dass das menschliche Ohr sie nicht mehr wahrnimmt. Infraschallwellen können sich über große Entfernungen ausbreiten. Sebastian Weitz vom Windstützpunkt weist auf die von Ministerpräsident Seehofer verfügte 10H-Regel hin: Der Abstand eines Windrads zur Wohnbebauung muss das Zehnfache der Höhe dieses Windrads betragen.

Es reicht, sagen dennoch etliche Besucher, es reicht, sagt auch Schwanfelds Bürgermeister Richard Köth: „Wir haben im Gemeinderat den Grundsatzbeschluss gefasst, keinen weiteren Windkraftanlagen mehr zuzustimmen. Was genehmigungsrechtlich noch zu machen ist, muss man dann sehen.“

Das Label „Windstützpunkt“, dem Landkreis verliehen von der Staatsregierung Anfang 2013, scheinen offensichtlich nicht (mehr) alle als Auszeichnung zu empfinden. „Wie ethisch ist es, auf Kosten der Gesundheit, des Naturschutzes und der Landschaft solche Anlagen zu betreiben?“, fragt eine Besucherin. „Wie kann man gegen Windkraft sein?“, kontert ein Besucher. „Mir sind 100 Windkraftanlagen lieber als ein Atomkraftwerk, das hochgeht.“ Er sei, so der Besucher, seit zwölf Jahren an einer – eher kleinen – Anlage in Schraudenbach beteiligt. Mit sechs Prozent Zinsertrag. „Die rentiert sich – zumindest für mich. Nach Fukushima waren alle für die Energiewende – haben wir jetzt nur noch Gegner?“

„Der Vortrag hätte vor drei Jahren kommen müssen“, ruft ein Besucher, „bei uns ist schon alles abgegrast. Sie können das in Niederbayern anbieten!“ In der Tat empfinden viele Zuhörer die Dichte der Anlagen in der Region als ungerecht. „Wir hatten 25 Jahre das Atomkraftwerk – der Landkreis hat genügend getan für die Versorgung dieses Landes“, sagt ein Besucher.

Doch so einfach lässt sich die Windkraftbelastung nicht nach Süden verlagern: „Ober- und Niederbayern sind zu zersiedelt. Da könnte man die Abstandsflächen nicht einhalten“, sagt Kopfinger. Dass mit der Energiewende nicht alles rundläuft, sieht auch sie: Es fehle an effektiven Verteilnetzen für den Windkraftstrom. Und an Speichermöglichkeiten. „Langfristig brauchen wir Speicher, derzeit sind aber die Kapazitäten noch zu niedrig.“ Eine „sehr traurige Entwicklung“ sei auch der Neubau von Kohlekraftwerken, um Schwankungen im Netz auszugleichen. „Die Systemintegration der erneuerbaren Energien ist die wichtigste Herausforderung.“

Schall und Infraschall wird Thema des nächsten Vortrags der Reihe „Akzeptanz durch Wissen“ Mitte/Ende Oktober sein.

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