REGION SCHWEINFURT

Windkraft als Modell für Japan

Alternative zu Atomkraft: Vor dem Windrad bei Forst informierten sich Sebastian Schönauer (Zweiter Vorsitzender des Bund Naturschutz Bayern), Energiereferent Herbert Barthel und Masako Hashimoto bei Gebhard Karch (Geschäftsführer der Betreibergesellschaft).
Alternative zu Atomkraft: Vor dem Windrad bei Forst informierten sich Sebastian Schönauer (Zweiter Vorsitzender des Bund Naturschutz Bayern), Energiereferent Herbert Barthel und Masako Hashimoto bei Gebhard Karch (Geschäftsführer der Betreibergesellschaft). Foto: Waldherr

Eine Freiflächen-Photovoltaikanlage in Schwebheim, ein Windkraftwerk auf dem Haardtberg bei Forst, eine private Strahlenmessstation in Bergrheinfeld: Das waren die Stationen einer energiepolitischen Landkreis-Rundreise von Masako Hashimoto. Die 54-jährige Japanerin aus der Präfektur Fukushima weilte auf Einladung des Bund Naturschutz Bayern am Montag in der Region und berichtete aus erster Hand von ihren Erfahrungen mit der Reaktorkatastrophe in ihrer Heimat.

„Wir wollen von den Betroffenen lernen und sie unterstützen beim Aufbau einer organisierten Gegenbewegung in Japan“, begründete der stellvertretende Vorsitzende des Bund Naturschutz Bayern, Sebastian Schönauer, die Einladung an Masako Hashimoto und zwei weitere Bewohner der Region um das havarierte Kernkraftwerk Fukushima Daiichi; alle drei berichteten am Abend bei einer öffentlichen Veranstaltung im Schweinfurter Naturfreundehaus von „gezielter Desinformation“ (Hashimoto) der japanischen Behörden über das Ausmaß der Strahlenbelastung in den Wohngebieten.

Der durch den Reaktorunfall entstandene volkswirtschaftliche Schaden werde in Japan mittlerweile auf 4500 Milliarden Euro geschätzt; nicht berücksichtigt seien hierbei Evakuierungskosten sowie Aufwendungen für die spätere Dekontaminierung belasteter Regionen. Masako Hashimoto, die mit ihrer 13-jährigen Tochter knapp drei Monate nach dem Atomunfall aus der Provinzstadt Miharu – etwa 50 Kilometer vom Unglücksort entfernt – nach Tokio zog und ihr erst zwei Jahre altes Wohnhaus zurückließ, engagierte sich schon früher gegen Kernenergie und zählt damit in Japan zur absoluten Minderheit.

Als in einem Reaktorblock von Fukushima Daiichi die mit Plutonium angereicherten, so genannten MOX-Brennstäbe zum Einsatz kamen, protestierte sie mit Bekannten hiergegen bei der Provinzregierung – „ohne Erfolg und auch ohne Kenntnisnahme der Medien“, wie sie zu berichten weiß. Ohne die Unterstützung der Medien aber – das betont Sebastian Schönauer – „ist der Aufbau eines Widerstands unmöglich und wäre auch der Erfolg der Anti-Atom-Bewegung in Deutschland undenkbar gewesen.“ Selbst in der jetzigen „ausweglosen, hilflosen Situation“ (Hashimoto) verändere sich die Einstellung der Öffentlichkeit zur Kernenergie nur zögerlich.

10 000 Euro hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) am Freitagabend bei einer Versammlung in Bad Hersfeld spontan bereitgestellt für die organisatorische Fortentwicklung des japanischen Ablegers von „Friends of Earth“ – einem BUND-Pendant. Vorausgegangen war ein Referat von Masako Hashimoto, das den Delegierten vor Augen führte, wie unbeherrschbar die Folgen eines Reaktorunglücks in einem von seiner Ausdehnung her kleinen, dicht besiedelten Land sind.

Im Landkreis Schweinfurt gab's dann bei der energiepolitischen Rundreise noch Anregungen für die Japanerin; favorisierte Kraftwerkstechnologie der BUND-Vertreter ist dabei zweifelsohne die Windkraft, deren gesellschaftliche Akzeptanz zudem wächst, wenn sie mit Hilfe von Bürgerbeteiligungsgesellschaften realisiert wird. Im Schonunger Gemeindeteil Forst erläuterte Gebhard Karch, Geschäftsführer einer solchen Betreibergesellschaft, das Finanzierungsmodell für eine seit Jahren betriebene Enercon-E58-Windkraftanlage.

Bis zu 20 Investoren mit Mindestanteilen von 10 000 Euro würden für derartige Investitionen zusammengeführt, keiner dürfe mehr als 50 Prozent Anteile an der Gesellschaft halten. Die Renditen lägen anfangs bei gut fünf Prozent, legten im Lauf der Jahre aber noch zu.

Mit der Herstellerfirma Enercon habe man für die insgesamt drei Anlagen zwischen Forst und Waldsachsen „Vollwartungsverträge“ abgeschlossen, die eine 96-prozentige Betriebsleistung bei Wind garantierten – technisch bedingte Ausfälle würden durch Enercon finanziell abgegolten.

Interessant: In den Herbst- und Frühjahrsmonaten schalten die Windkraftanlagen bei tief stehender Sonne automatisch ab, um eine Belästigung der Waldsachsener Bevölkerung durch Schattenwurf zu verhindern. Etwa eine halbe Stunde stehen die Rotoren am Abend still und werden erst nach Sonnenuntergang wieder angeworfen. Auch so ließe sich laut Gebhard Karch die Akzeptanz solcher Anlagen in der Bevölkerung erhöhen.

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