Wipfeld

Wipfelder Fußballhelden: Das Spiel der Spiele um den DFB-Pokal

Vor 40 Jahren spielte Wipfeld gegen Bundesligaabsteiger FC Augsburg um den Einzug in die zweite Hauptrunde des DFB-Pokals. Eine Rückschau mit der Mannschaft von damals.
Vor 40 Jahren stand der FC Wipfeld in der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals. Die Herren im Bild waren damals dabei (von links): Edmund Kestler, Otmar Bauer, Peter Hedrich, Armin Schneider, Richard Selzam, Gerd Zeißner und Heinz Geyer.  Foto: Andreas Lösch

Da sitzen sie, die gealterten Helden des FC Wipfeld. Gemütliche Runde im Sportheim, es wird Bier bestellt. Draußen der Fußballplatz, auf dem sie in den 1970er-Jahren Lokalsportgeschichte geschrieben haben. Der Rasen heute: grün und kräftig, kurz gemäht. Vor über 40 Jahren war das noch anders, sagt Otmar Bauer. Weniger Rasen, mehr Sand, erklärt der 72-Jährige. "Die auswärtigen Mannschaften haben hier nicht gegrätscht", erinnert sich Verteidiger Peter Hedrich. "Wir schon." Die Runde lacht. Die Erinnerungen sind wach.

Otmar Bauer war als Spielertrainer ab 1974 Kopf der Mannschaft, die über Jahre in der Region und darüber hinaus für sportliches Aufsehen sorgte. Ab Ende der 1960er-Jahre kletterte der FC Wipfeld die Ligen rauf: Bezirksliga, Landesliga, einmal sogar der Fast-Aufstieg in die Bayernliga (ein Punkt fehlte). 1975, nach dem Abstieg  aus der Landesliga, waren die Wipfelder in der Folgesaison wieder Bezirksligameister, verzichteten aber aus finanziellen Gründen auf den Aufstieg.

Die Mannschaft blieb trotzdem zusammen, spielte weiter auf hohem Niveau und schaffte  1979 schließlich die Qualifikation zur ersten Hauptrunde des DFB-Pokals. Die FC-Fußballer fuhren am 25. August 1979 nach Augsburg ins Rosenaustadion und holten sich dort eine 7:0-Klatsche ab. Verdruss deswegen? "Keineswegs", sagt Edmund Kestler, der damals Vorsitzender des Vereins und als Zuschauer dabei war. Für das kleine Dorf sei es ein riesiger Erfolg gewesen, überhaupt so weit gekommen zu sein. 

Die Goldene Wipfelder Generation

Sechs ehemalige Spieler der Goldenen Wipfelder Generation hat Kestler an diesem Donnerstagabend im Sportheim zusammengetrommelt, fast auf den Tag genau 40 Jahre nach dem großen Spiel  in Augsburg. Um den Tisch sitzen Heinz Geyer (69), damals der Libero, Mittelfeldspieler Gerd Zeißner (69), Stürmer Richard Selzam (72), Verteidiger Armin Schneider (69), Vorstopper Peter Hedrich (65) und Spielertrainer Otmar Bauer. Die anderen Mannschaftsmitglieder konnten an diesem Tag nicht oder waren nicht zu erreichen, einer der damaligen Spieler, Manfred Kötzner, ist bereits verstorben.

Nach 40 Jahren ein gemütliches Treffen im Sportheim: Der Mannschaftsgeist von damals ist noch vorhanden. Im Bild von links: Edmund Kestler, Otmar Bauer, Peter Hedrich, Armin Schneider, Richard Selzam, Gerd Zeißner und Heinz Geyer. Foto: Andreas Lösch

Wenn die alten Herren so zusammensitzen und über das Spiel der Spiele der Wipfelder Vereinsgeschichte reden, merkt man gleich: Sie nehmen's mit Humor. Wenn man sieben Tore eingeschenkt bekommt, ist das ja eigentlich kein Grund zur Freude, aber gegen Augsburg? Die Schwaben waren gerade aus der zweiten Bundesliga abgestiegen und mussten als Amateurverein in der Bayernliga antreten. Das erklärt auch, warum Wipfeld kein Heimrecht bekam, wie Edmund Kestler erläutert: Als die Spielbegegnungen der ersten Hauptrunde ausgelost wurden, bekam bei zwei Amateurvereinen der Erstgezogene das Heimrecht. Die Höherklassigkeit der Augsburger spielte keine Rolle. Also fuhren der Mannschaftsbus und rund 100 Schlachtenbummler aus Wipfeld ins legendäre Rosenaustadion. 

Augsburg: Als Bundesligaabsteiger in Topform

Dort traf der Bezirksligist auf einen Amateurverein, der eigentlich keiner war: Als Bundesligabsteiger strebten die Augsburger in der Folgesaison den sofortigen Wiederaufstieg an, der auch gelang. Als die Wipfelder am 25. August 1979 den Platz im Rosenaustadion betraten, hatten sie noch über eine Gruppe junger Männer auf der Sportanlage gescherzt, erinnert sich Peter Hedrich: "Wir haben gesagt: Guck, da sind auch Leichtathleten", sagt er. "Das waren aber die Augsburger, die sich warm gemacht haben." Das hat Eindruck hinterlassen bei den Unterfranken: "Nach dem Warmmachen waren wir schon müde", sagt Armin Schneider und lacht.

Diesen Glücksbringer verlor Heinz Geyer während des Spiels gegen Augsburg, bekam ihn aber später wieder zurück: Der Platzwart des Augsburger Rosenaustadions fand die Kette und schickte sie per Post zurück nach Wipfeld. Foto: Andreas Lösch

Gleich in der ersten Halbzeit bekamen die Wipfelder ihre Grenzen aufgezeigt, es stand 5:0 nach 45 Minuten. Die einzige Wipfelder Chance in der 22. Minute wurde vertan, danach ging es immer nur auf ein Tor. Aber: In der zweiten Halbzeit kassierte Wipfeld nur noch zwei Kisten, das war für die Gäste irgendwie versöhnlich. Das legendäre Rosenaustadion war ohnehin eine Macht, eine auch für höherklassige Gegner schwer einzunehmende Festung. Was den Wipfeldern ebenfalls nicht entgegen kam: "Die Bälle waren knüppelhart", erinnert sich Schneider. Das erklärt einiges, wie Peter Hedrich findet: "Da siehst, dass die Augsburger Holzköpf' warn. Die haben jeden Ball weggeköpft."

Ein verlorener Glücksbringer kommt zurück

Gerd Zeißner immerhin, der wegen einer roten Karte aus einem vorangegangenen Pflichtspiel gegen Augsburg gesperrt war, kann sich damit trösten, dass die Wipfelder mit seiner Hilfe vermutlich niemals sieben Tore bekommen hätten. Aber was macht das schon? Im Vordergrund stand das Spiel selbst, über die Begegnungen wurde bundesweit in den Medien berichtet. "Da waren wir berühmt für einen Tag", sagt Heinz Geyer. Der noch eine schöne Erinnerung parat hat. Er zeigt eine Halskette, an der ein Steinbock-Anhänger befestigt ist. "Das ist ein Geburtstagsgeschenk meiner Frau, die Kette habe ich damals getragen." Nach dem Spiel war die Kette aber weg, Geyer fuhr ohne sie zurück nach Wipfeld. "Dann habe ich die Augsburger angerufen und gefragt: Habt ihr eine Kette gefunden?" Und siehe da: Der Platzwart hatte Geyers Glücksbringer tatsächlich entdeckt und mit der Post nach Wipfeld geschickt.

Diesen Glücksbringer verlor Heinz Geyer während des Spiels gegen Augsburg, bekam ihn aber später wieder zurück: Der Platzwart des Augsburger Rosenaustadions fand die Kette und schickte sie per Post zurück nach Wipfeld. Foto: Andreas Lösch

Somit war einmal mehr klar: Das Ergebnis spielte für den kleinen Verein an diesem Tag nur eine zweitrangige Rolle. Vielmehr ging es um die Tatsache, die erste Hauptrunde erreicht und ein einmaliges Fußballerlebnis gehabt zu haben.

Wie konnte das gelingen? Wipfeld musste sich zunächst über den DFB-Vereinspokal qualifizieren, der unterfrankenweit ausgetragen wurde. Dabei ließen sie sogar die Schnüdel hinter sich, der FC 05 kam im Halbfinale nicht an dem A-Klassisten Alemannia Haibach vorbei. Und Haibach überraschte mit seinem Kampfgeist im Finale schließlich auch die Wipfelder: Nach Verlängerung hieß es 1:1, im Elfmeterschießen verlor Wipfeld das Finale. Aber: Beide Mannschaften waren automatisch für die erste DFB-Pokal-Hauptrunde qualifiziert und konnten sich also getrost gegenseitig gratulieren.

Das Geheimnis des Erfolgs

Blickt man noch weiter zurück als 1979 erkennt man auch, warum die Wipfelder überhaupt so einen Lauf hatten in den 1970er-Jahren. Die Goldene Generation hatte sich im Kern bereits in den Jugendmannschaften gefunden – sie feierten etliche Meisterschaften und waren auch als A-Jugend-Mannschaft sehr erfolgreich,  ein Publikumsmagnet am Sonntag. Bei den Herren blieb diese über Jahre gewachsene Mannschaft am Drücker, es folgten Aufstieg um Aufstieg. Jahr für Jahr kamen  Spieler dazu, die sich sehr gut integrierten, wie Edmund Kestler erklärt. "Wir waren eine super Truppe", sagt Otmar Bauer. Nicht nur auf dem Platz, sondern auch neben dem Platz  habe man zusammengehalten und viel miteinander unternommen.

Ein Mannschaftsfoto des FC Wipfeld aus dem Schweinfurter Tagblatt von 1979 Foto: Andreas Lösch

"Von der Kameradschaft her war das einmalig", erinnert sich Richard Selzam. Und bis heute wohnt den gealterten Fußballern dieser Mannschaftsgeist inne: Noch ein Bier wird bestellt im Sportheim, zu schön ist die Runde, ein bisschen Plaudern und Scherzen noch, das muss sein, na klar. Also denn: Prost und ein Hoch auf den ruhmreichen FC Wipfeld!

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