SCHWEINFURT

Yorktown und die Häuslebauer

Begeistert vom neuen Haus: Carl Basile vor seinem neuen Domizil in Yorktown. Foto: Fotos (2) Oliver Schikora, Wladimir Budin, Anand Anders

Ein Samstag im Herbst in Yorktown. Hier kreischt die Kreissäge, dort brummt der Schlagbohrer, da haut jemand mit lauten Hammerschlägen einen Nagel in der Wand. Während die einen mit dem Hochdruckreiniger auf ihren Vordächern stehen und Ziegel säubern, schwingen die anderen den Pinsel und streichen ihr Schlafzimmer. Oder sie ziehen schon ein, schleppen schwitzend und keuchend Tische, Stühle, Schränke, Kisten, Sofas und Betten ins Haus. Yorktown im Herbst, eine wahrlich besondere Baustelle – ein Handwerker-Bienenstock, ein Baustellen-Dauerbrummen, das man sofort wahrnimmt, wenn man sich in Schweinfurts neuem Stadtteil bewegt. Schaffe, schaffe, Häusle baue.

Herkulesaufgabe Konversion

Yorktown ist nicht irgendeine Baustelle, nicht irgendein Baugebiet. Yorktown ist der erste Beweis, dass die Herkulesaufgabe Konversion, von der Schweinfurts Oberbürgermeister Sebastian Remelé zu Recht immer spricht, dem Bürger vor Ort einen echten Nutzen bringt.

Rund 80 Hektar groß sind die amerikanischen Kasernen und Housing Areas, die im Herbst 2014 nach dem Rückzug der US-Armee aus Schweinfurt nach fast 70 Jahren auf einmal leer standen: die Ledward-Kaserne entlang der Niederwerrner Straße, Askren Manor westlich des Kennedy-Rings sowie Kessler Field und Yorktown hinter dem Icedome und dem Willy-Sachs-Stadion. Für das an chronischer Bauplatznot leidende Schweinfurt sind vor allem Askren Manor und Yorktown, wo Soldaten und Familien der Amerikaner lebten, ein Segen.

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Yorktown

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896 bewarben sich

Die Bürger sehen das auch so. Als bekannt wurde, dass die 64 Doppelhaushälften in Yorktown verkauft werden, kamen im April erst unglaubliche 20 000 Besucher am Tag der offenen Tür zur Besichtigung, für die Verlosung im Mai lagen dem Liegenschaftsamt dann 896 Bewerbungen vor.

Die war Neudeutsch ein echtes Event. Die Doppelhaushälften, Fertighäuser aus Holz, kosteten je nach Zustand zwischen 95 000 und 125 000 Euro für 90 Quadratmeter Wohnfläche und 450 Quadratmeter Grund. Unterkellert sind die Häuser nicht, doch im großzügigen Carport am Haus gibt es zwei Abstellräume.

Vorfreude auf das neue Zuhause

Carl Basile ist einer der glücklichen Gewinner. 434 L hat er bekommen, an der Ecke Montanastraße/Kalifornienstraße. Erst kürzlich hat der OB die neuen Straßennamen nach amerikanischen Bundesstaaten – es gibt auch noch Florida, Texas, Colorado und Alaska – offiziell enthüllt. Basile, 30 Jahre alter Junggeselle, der bei der Lebenshilfe arbeitet, ist auch nach Monaten noch ganz beseelt von seinem Glück, sich den Traum vom eigenen Haus erfüllen zu können. „Ich war zwar nicht bei der Verlosung anwesend, aber als dann der Brief kam, da dachte ich, Wow, jetzt bin ich Hausbesitzer. Das war die größte Änderung in meinem Leben bisher.“

Das Areal kennt Basile von früher, sein Vater war amerikanischer Soldat. Mit seinem 20 Jahre alten Haus ist er sehr zufrieden, der Zustand nach 20 Jahren gut – im Bad neue Fliesen, Holzboden und Treppe schleifen und neu einlassen, die Fassade säubern, neue Fenster und Elektrik, eine große Sanierung ist nicht nötig. „Ich fühle mich hier sehr wohl.“

Neues Leben in der High School

Auch in der Nachbarschaft kennt man sich, ist schon mehr als Leidensgenossen auf dem Bau. Zumal man sich ständig in den Schweinfurter Baumärkten trifft, sich natürlich freundlich grüßt und plaudert, wenn man gemeinsam mit schwer bepackten Einkaufswägen an der Baumarkt-Kasse steht. Gemeinsame Grillfeste gab es bereits ein paar auf den großzügigen Flächen Richtung Kessler Field, wo im November auch der Leerstand in der alten High School beseitigt wird und neues Leben mit der International School Mainfranken einzieht, die ihren bisherigen Standort in Unterspiesheim verlässt.

Nino Heinisch lebte mit seiner Frau 15 Jahre in München, sie wissen was teurer Wohnraum ist. Insofern empfindet der 37-Jährige sein neues Haus, in das die Familie mit zwei Kindern bald einzieht, fast als Sechser im Lotto. „Ich bin sicher, dass das wirklich toll wird hier“, sagt er strahlend, während um ihn herum die Handwerker auf dem Gerüst wuseln und die Fassade neu streichen. Gerade die Verlosung fand er spannend und die vielen Geschichten darüber. „Gegenüber von uns haben Vater und Sohn je eine Doppelhaushälfte bekommen“, erzählt Heinisch, für den Freitag, der 13., auch seinen Schrecken verloren hat: Da war nämlich die Verlosung, er selbst konnte nicht dabei sein. Doch als die SMS mit den Glückwünschen kam, freute er sich. Über typisch fränkische Unkenrufe, die Häuser seien nur Pappschachteln, kann Heinisch nur lachen. „Hier kann man nichts falsch machen, es ist alles in Ordnung.“

Ein Aspekt ist dem Marketing-Fachmann auch wichtig: die gute Zusammenarbeit der neuen Hausbesitzer mit der Stadtverwaltung. „Die Stadt hat sich Mühe gegeben, sie helfen, wo sie können“, erzählt Heinisch. Er stammt aus Schweinfurt, kennt den „Ruhrpottcharme“ von früher, „das hat sich heute wirklich toll gewandelt.“

Die Kaninchen hoppeln davon

Der Samstag im herbstlichen Yorktown neigt sich dem Ende zu. Es wird ruhig, das Tagewerk ist vollbracht. Irgendwo hört man ein leises Zischen vom Öffnen einer Bierflasche zum Feierabend. Der Blick schweift über die Felder entlang der Heeresstraße. Von den Eichen beginnen die Blätter zu fallen, die Eicheln liegen am Boden, die Kaninchen hoppeln davon. In den Häusern geht das Licht an. Die neuen Bewohner schauen sich zufrieden an. Und überlegen, wie das dann so wird, wenn sie mal eingezogen sind im neuen Zuhause.

In den 64 Doppelhaushälften in Yorktown lebten früher Familienangehörige der US-Armee.
Freuen sich auf ihr neues Zuhause: Dagmar und Nino Heinisch in Yorktown. Foto: Oliver Schikora

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