GEROLZHOFEN

Zentrale Gestalten haben nur schwaches Profil

Der Pfarrer und das Fräulein: Joseph Hersam und Josefine Schmitt sind nur mäßig konturiert.
Der Pfarrer und das Fräulein: Joseph Hersam und Josefine Schmitt sind nur mäßig konturiert. Foto: Endriss

„Ich bin nicht schuld.“ Diesen Satz sagt so oder so ähnlich mit Ausnahme des Paters jede zentrale Figur in Max Frischs „Andorra“, einem Stück in zwölf Bildern. Eine bemerkenswerte Parallele zu „Fräulein Schmitt und der Aufstand der Frauen“ aus der Feder des aus Gerolzhofen stammenden Romanciers Roman Rausch. Im Gegensatz zu Frisch steht bei Rausch aber keine einzige wirklich unumstritten positive Figur am Ende des Stücks.

Die Protagonisten des Frauenaufstands sind überwiegend als Opportunisten gezeichnet, die angeblich nichts gewusst haben und erst recht nicht dabei waren. Und die jetzt im späten Widerstand gegen die braunen Noch-Machthaber ihren eigenen Kopf retten wollen.

Die Vermutung liegt nahe, dass die Tendenz dieses Stücks der berechtigten Befürchtung entsprungen ist, die zentralen Figuren des Aufstands könnten ohne historischen Beleg glorifiziert werden. Allen voran Hauptlehrerin Josefine Schmitt, die ja in Gerolzhofen bereits einen Gedenkstein und einen Straßennamen bekommen hat.

Dennoch muss die Frage erlaubt sein, warum so wenig übrig geblieben ist von der Frau, die dem Stück seinen Namen gegeben hat – Fräulein Schmitt. Die oft weinerlich und kaum entschlossen auftretende Lehrerin hat keineswegs wie eigentlich zu erwarten die Hauptrolle, sondern bleibt eine unter vielen. Ihr Profil ist relativ unkonturiert gezeichnet. Auch über die Motivation, die sie von der systemtreuen Staatsdienerin zum Widerstand gebracht hat, ist mit Ausnahme des Gesprächs mit ihrem Kollegen Beck eher wenig zu erfahren. Roman Rausch gibt in seinem Vorwort im Programmheft selbst zu, dass ein Autor im Normalfall Antwort auf solche Fragen geben sollte. Dass er es nicht getan hat, begründet er mit der Bemerkung, dass niemand außer vielleicht Pfarrer Joseph Hersam diese Josefine Schmitt und ihren Charakter tatsächlich gekannt zu haben schien.

Das mag eine Rechtfertigung für Schmitts Profil sein. Es kann aber nicht bei Pfarrer Hersam ins Feld geführt werden. In diesem Mann schlummert ein nachgerade tragischer Konflikt. Er möchte auf der einen Seite natürlich die Stadt und ihre Bewohner retten, auf der anderen aber auch die Reliquien der Frankenapostel, die er ohne Wissen der Öffentlichkeit im Nordturm der Stadtpfarrkirche versteckt hat.

Deswegen wollte Hersam die Stadtpfarrkirche weder als Ort für die weiße Fahne noch als Raum für einen militärischen Beobachtungsposten öffnen. Und deswegen untersagte der Pfarrer den Zugang zur Kirche, was die Menschen in Unkenntnis der Sachlage natürlich verwundern musste. Diese innere Not des früheren Gerolzhöfer Geistlichen erkennt Autor Rausch nicht. Stattdessen wird der Pfarrer gegen Ende des Stücks mit der Frage konfrontiert, ob ihm die Rettung einiger alter Knochen wichtiger sei als die Rettung tausender Menschenleben.

Anders als bei Fräulein Schmitt ist über Hersam historisch verbürgt, dass er von Beginn an und offen gegen das Nazi-Regime war. Norbert Vollmann hat das in seinem Buch über den Geistlichen deutlich herausgearbeitet. Es hätte dem Stück und der historischen Wahrheit gut getan, wenn der Pfarrer wie der Pater bei Max Frisch als positive Gestalt die Bühne verlassen hätte.

Andere Figuren dagegen sind brillant gezeichnet. Ortsgruppenleiter Ludwig Zrenner zum Beispiel, ein Inbegriff der chamäleonartigen Verwandlungsfähigkeit von einem messerscharfen NS-Schergen zum demütigen Bittsteller für die eigene Karriere in der Nachkriegszeit. Die Struktur des Stückes musste wohl modern sein. Mit dem ständigen und abrupten Wechsel von Verhörszenen und dem Geschehen beim Aufstand und Blicken in die Zukunft hatten nicht wenige Betrachter ihre Schwierigkeiten. Max Frischs „Andorra“ ist übrigens sehr ähnlich strukturiert; alle maßgeblich Verantwortlichen am Schicksal Andris erscheinen zwischen den Szenen im Zeugenstand.

Es gibt bei Rausch auch geniale Szenen wie die, in der die Frauen den zum Hitlergruß erhobenen Arm Zrenners immer wieder hinunterdrücken, der Arm aber mechanisch wieder in die Höhe schnellt.

Und es geht unter die Haut, wenn die weiße Fahne genau aus dem Rathausfenster herauskommt, wo sie auch vor 70 Jahren wehte. Zweifellos gelungen auch die meisten Massenszenen und technische Raffinessen wie der Bildschirm neben der Spielfläche, auf dem Gestik und Mimik der Darsteller auch aus den hinteren Reihen gut zu verfolgen waren.

Die kritischen Anmerkungen sollen nicht kaschieren, dass „Fräulein Schmitt“ eine große Leistung, ein selbstkreiertes, kollektives Kunstwerk vieler Gerolzhöfer und einiger Auswärtiger war.

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