GOCHSHEIM

Zwischen Friedhof und Elektroauto

Maßarbeit: Vom Traktor aus wird der Friedhof mit einem 3000-Liter-Tank gegossen.
Maßarbeit: Vom Traktor aus wird der Friedhof mit einem 3000-Liter-Tank gegossen. Foto: Anand Anders

Es ist angenehm frisch um kurz nach 6 Uhr. Vereinzelt düst schon ein Auto durch den Ortskern, ansonsten ist es ruhig. Noch. Das Tor des Bauhofs in Gochsheim steht offen. Ich verdrücke mir ein letztes Gähnen und betrete den Hof. Heute tausche ich für einen Tag den Schreibtisch in der Redaktion gegen den Arbeitsplatz eines Bauhofmitarbeiters. Leichte Anspannung macht sich breit, da unklar ist, wie ein Laie von den „Kollegen“ aufgenommen wird. Am Garagentor begrüßt mich der Bauhofleiter Manfred Ludwig. Er ist heute mein Chef und ich verstehe schnell, warum er hier das Sagen hat. Er kann kommunizieren. Er spricht offen und ehrlich. Ludwig führt mich über den Hof, zeigt mir die Streufahrzeuge, erklärt die Hackschnitzelanlage, mit der zum Beispiel das Rathaus beheizt wird und nimmt mich dann mit in sein Büro.

Gießen, Mähen, Graben

Es wird sofort klar, dass hier nicht nur Wertstoffhöfe betreut werden. Es gehört mehr dazu. Ludwigs großer Schreibtisch ist übersäht mit Zetteln und Unterlagen. Der gelernte Gärtner scheint einen extrem stressigen Job zu haben, wirkt aber wie die Ruhe selbst. „Wenn ich Urlaub habe, dann muss ich schon weg, sonst spricht mich jeder an und ich kann von der Arbeit nicht abschalten“, sagt er. Der 56-Jährige kommt aus Gochsheim, arbeitet seit 36 Jahren bei der Gemeinde, seit knapp 25 Jahren als Leiter des Bauhofs.

Um 7 Uhr ist Besprechung. Urlaubsbedingt sind nicht alle der 15 Bauhofmitarbeiter anwesend. Unter den Angestellten sind Schreiner, Gärtner, Landwirte und Klärwärter. Bauhofleiter Manfred Ludwig verteilt die Aufgaben. Eine Gruppe soll sich heute um das Gießen, eine Gruppe um das Schulgelände, ein weiteres Team um den Parkplatz am Rathaus kümmern. „Im Winter stehen wir nachts auf der Matte und sichern die glatten Straßen, wir führen Urnenbeisetzungen auf dem Friedhof durch, wir sanieren Spielplätze“, sagt Ludwig.

Verbindung zwischen Rathaus und Gemeinde

Bevor die Arbeit losgeht, fahre ich noch schnell mit Manfred Ludwig zum Gochsheimer Rathaus. Im Auto erzählt er, dass die Menschen oft nicht wüssten, „was wir alles machen“. In den Augen vieler würden die Mitarbeiter den Winterdienst übernehmen, sonst nur Kaffee trinken, bemängelt Ludwig. Am Rathaus angekommen, schaut er bei Bürgermeisterin Helga Fleischer vorbei, bespricht mit ihr die nächsten wichtigen Aufgaben, dann fahren wir wieder. „Ich bin mit dem Rathaus ständig im Austausch“, erklärt Ludwig. Er sehe sich als Bindeglied zwischen Politik und Gemeinde.

Wenige Minuten später setzt mich der Chef an der Schule ab. Es ist kurz vor 8 Uhr. Ich lerne Udo kennen. Ihm stehen die Schweißperlen auf der Stirn. In der prallen Sonne drückt er mir eine Heugabel in die Hand und wir befreien den Schulgarten von dem Grün, welches ein anderer Kollege zuvor gemäht hat. „Dafür müsste es Kilometergeld geben“, sagt der von der Sonne braungebrannte Mann schmunzelnd, während er einen großen Haufen Gras durch den Garten schleppt und diesen auf die Tragefläche des Gemeindefahrzeugs hievt. Als nächstes darf ich den Rasenmäher anschmeißen. Während ich ihn über die kleinen Wiesenstreifen neben dem Fußweg schiebe, wird mir klar, dass hier wirklich hart gearbeitet wird. Ohne Schatten würde ich hier schon beim Nichtstun ins Schwitzen geraten.

Elektroautos in Gochsheim

Ein paar Stunden später beordert mich Bauhofleiter Ludwig per Telefon zu sich. Am Parkplatz hinter dem Rathaus sind schon Baggergeräusche zu hören. Endlich bediene ich schwere Geräte, denke ich. Falsch. „Hier entsteht die Ladestadtion für Elektroautos“, sagt Ludwig und gibt mir einen Spaten. Wir graben eine Kuhle, in der das Kabel für die Elektro-Station liegen soll. Meine Aufgabe ist es, Unebenheiten abzutragen und überschüssige Erde auf einen Haufen zu schaufeln. Ludwig sitzt im Bagger und übernimmt die anfallende Erde. „Gochsheim ist in vielen Bereichen sehr fortschrittlich aufgestellt“, sagt er und sieht in der Ladestation einen wichtigen Baustein für die Zukunft.

Nachdem es für mich hier nichts mehr zu tun gibt, geht es zum „Gieß-Team“. Zu den bewässerten Grünflächen gehören nicht nur die bepflanzten Verkehrskreisel. Auch der Friedhof wird von der Gemeinde gegossen. Bei der Hitze bin ich froh, ein paar Spritzer vom kalten Wasser abzubekommen. Jürgen Wollermann fährt mit einem Traktor über den Friedhof. Hinten dran ein Wassertank, de über einen ferngesteuerten Schlauch geleert wird. „Hier macht eigentlich jeder alles“, sagt der gelernte Schreiner. Wollermann ist Ludwigs Stellvertreter und hat sichtlich Spaß an seinem Job. Auch das frühe Aufstehen macht ihm nichts aus. „So hat man wenigstens nach Feierabend noch was vom Tag.“ Ich folge ihm und wir füllen den 3000-Liter-Tank mehrmals auf. Anschließend kann ich mich auch kurz ans Steuer des Traktors setzen. Fahren darf ich nicht, trotzdem fühlt es sich gut an.

Die Hüter der Gemeinde

Als sich der Arbeitstag dem Ende nähert, spreche ich noch einmal mit dem Bauhofleiter. Er erzählt von den vielen Aufgaben, den unzähligen Herausforderungen. Alleine die 13 Spielplätze würden viel Arbeit machen. „Sanierungen, Müllbeseitigung, Planung“, nennt Ludwig nur ein paar elementare Arbeiten. Vor allem letzteres überrascht mich. Dass Bauhof-Mitarbeiter nicht nur Müll aufsammeln, war mir klar. Nicht aber das breite Aufgabenfeld und das Mitspracherecht. „Wir schlugen zum Beispiel die Slacklines für den Jugendspielplatz vor, wir haben es umgesetzt“, so Ludwig.

Dass der Bauhofleiter überhaupt noch so engagiert arbeiten kann, grenzt an ein Wunder. Vor gut 20 Jahren hatte er einen schweren Arbeitsunfall und stürzte aus sieben Metern von einem Dach. „Nach einem halben Jahr hab ich wieder gearbeitet“, sagt Ludwig und erweckt den Eindruck, voll in seinem Element zu sein. Es fällt mir schwer ihm zu glauben, dass er die Arbeit nicht als Stress empfindet. „Am Abend gehe ich trotzdem noch gerne in meinen Garten und werkel herum“, sagt er lächelnd. Dennoch weiß er auch, dass sein Gesicht „wahrscheinlich jeder in Gochsheim kennt“.

Kräftig ziehen: Am Schulgelände werden die Grünflächen gemäht.
Kräftig ziehen: Am Schulgelände werden die Grünflächen gemäht. Foto: Anand Anders
Für die Ladestation von Elektroautos muss zunächst ein Kabel verlegt werden.
Für die Ladestation von Elektroautos muss zunächst ein Kabel verlegt werden. Foto: Anand Anders
Klare Anweisungen: Bauhofleiter Manfred Ludwig erklärt, worauf es beim Arbeiten ankommt.
Klare Anweisungen: Bauhofleiter Manfred Ludwig erklärt, worauf es beim Arbeiten ankommt. Foto: Anand Anders

Rückblick

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  5. Mensa: Wo es günstig, schnell und trotzdem lecker sein soll
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  7. Auf Tour mit der mobilen Tierärztin
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  9. Nachschub für Heizöltank und Tankstellen
  10. Die Tafel. Oder: Essen wo es hingehört
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  12. Ein Knochenjob
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  15. Zwischen Friedhof und Elektroauto
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