SCHWEINFURT

„all4africa“: Lug und Trug, Verschleiern und Tricksen?

Für die frühere „all4africa“-Vereinsvorsitzende (rechts) fordert der Staatsanwalt drei Jahre und neun Monate Haft wegen Veruntreuung von Spendengeld in neun Fällen und fünffachen Betrugs.
Für die frühere „all4africa“-Vereinsvorsitzende (rechts) fordert der Staatsanwalt drei Jahre und neun Monate Haft wegen Veruntreuung von Spendengeld in neun Fällen und fünffachen Betrugs. Foto: Stefan Sauer

Drei Jahre und neun Monate Haft hat der Staatsanwalt an diesem Mittwochmorgen für die frühere Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins „all4africa“ gefordert wegen Veruntreuung von Spendengeldern und Betrugs. Die Verteidigung hält einen Gutteil der Vorwürfe für nicht erwiesen und plädierte auf eine Bewährungsstrafe von nicht mehr als einem Jahr. Am Nachmittag wird das Urteil gesprochen.

„Lug und Trug, Verschleiern und Tricksen“ – zum Nachteil des gemeinnützigen Vereins „all4africa“, des Staates sowie des Jobcenters Bad Neustadt und zum wirtschaftlichen Vorteil der Angeklagten. Dieses Fazit zieht der Staatsanwalt vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Schweinfurt nach der dreitägigen Verhandlung gegen die 61-jährige Angeklagte.

Über 25 000 Euro Spendengeld für eigene Zwecke abgezweigt?

Sie habe zwischen 2009 und 2013 in neun Fällen insgesamt mehr als 25 000 Euro Spendengeld, das für die Schulausbildung afrikanischer Kinder gesammelt wurde, für eigene Zwecke veruntreut. Ferner habe sie in diesem Zeitraum vom Jobcenter zu Unrecht Hartz-IV-Leistungen kassiert, indem sie ein Strohmannkonto mit mehr als 20 000 Euro verschwiegen habe, auf das alleine sie Zugriff gehabt habe.

Die Veruntreuung von Spenden ist laut Staatsanwalt meist so erfolgt sein, dass die Angeklagte vor ihren vielen Reisen nach Südafrika, Tansania und Kenia stets mehrere tausend Euro in bar abgehoben und mitgenommen habe. Das unverbrauchte Geld habe sie nach ihrer Rückkehr auf ein eigenes Konto eingezahlt. Besonders verwerflich sei, dass die Spender „beschissen wurden“, indem ihnen suggeriert worden sei, dass jeder Cent afrikanischen Schulkindern zugute komme.

Safarireise mit Spendengeld "schlägt dem Fass den Boden raus"

Und: Dass nach seiner Überzeugung die 61-Jährige ebenfalls von Spendengeld eine private Safarireise finanziert habe, das – so sagte es der Staatsanwalt – „schlägt dem Fass den Boden raus“. In Afrika habe sich die Angeklagte als große Wohltäterin inszeniert, ihr Verhalten in Deutschland sei „von Intransparenz, Verschleierung und Unwahrheiten gezeichnet“ gewesen.

Ein guter Teil der Anklagepunkte zum Vorwurf der Untreue wurde zwar eingestellt, weil nach Ansicht von Staatsanwaltschaft und Gericht kein sicherer Nachweis möglich war, wieviel vom jeweiligen Betrag satzungsgemäß und wie viel unrechtmäßig verbraucht wurde. Der Anklagevertreter kam aber noch immer auf mehr als 25 000 Euro, welche die 61-Jährige veruntreut habe.

In Hartz-IV-Anträgen Strohmannkonto unterschlagen?

Hinzu kämen fünf Fälle von Betrug zu Lasten des Jobcenters (13 000 Euro) sowie der Staatskasse, indem die Frau für ihr Scheidungsverfahren knapp 1300 Euro Prozesskostenhilfe zu Unrecht kassiert habe, weil sie über 20 000 Euro auf ihrem Strohmannkonto verschwiegen habe.

Der Anklagevertreter sah ein klares Indiz für die Veruntreuung von „all4africa“-Geld auch schon darin, dass allein schon die laufenden Ausgaben die Hartz-IV-Leistungen der Angeklagten überstiegen hätten. Bei den beantragten drei Jahren und neun Monaten Haft ist Aussetzung auf Bewährung ausgeschlossen.

Die Verteidigerin zeichnete die Angeklagte als sozial sehr engagierte Macherin, „die hinfährt und dort anpackt“.

Verteidigerin: Buchführung war nicht der Schwerpunkt der Angeklagten

Buchführung sei dagegen nicht ihr Schwerpunkt gewesen, was aber nicht heiße, dass sie Spendengeld veruntreut habe. Die Anwältin verwiese auf einen Beschluss des Vorstandes von 2009, wonach die Kosten der Reisen ihrer Mandantin nach Afrika durch Vereinsmittel getragen würden. Die Frage ist aber, ob dies von der Satzung gedeckt ist.

Einzahlungen von tausenden Euro auf ihr Strohmannkonto erklärte die Angeklagte mit Beträgen aus dem Haus ihrer seinerzeit noch lebenden Mutter und von einer Bekannten. Dass es dafür keine Belege gebe, sei kein Beweis dafür, dass diese Summen aus dem Vereinsvermögen stammten, so die Verteidigerin.

"So viele nicht greifbare Dinge im Raum"

Es stünden „so viele nicht greifbare Dinge im Raum“, die im Zweifel für die 61-Jährige zu werten seien. Dass sie ihr Strohmannkonto beim Antrag auf staatliche Leistungen nicht angegeben habe, sei ein subjektiver Fehler. Untreue sah die Verteidigerin gar nicht gegeben. Für den letztlich unrechtmäßigen Bezug der Unterhaltsleistung und Prozesskostenhilfe plädierte sie auf eine Bewährungsstrafe von nicht mehr als einem Jahr.

Die Angeklagte sagte, sie habe in ihrem Engagement für Afrika nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln versucht, dabei aber „Fehler gemacht“.

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