Gerolzhofen

Als der Steigerwalddom seine Stimme verlor

Es war für viele Gerolzhöfer ein bedrückender Moment, als 1942 die Glocken des Steigerwalddoms abgeliefert werden mussten. Teil zwei der Glocken-Geschichte.
1942 müssen fast alle Glocken der Gerolzhöfer Stadtpfarrkirche, auch die große 'Dreifaltigkeitsglocke' aus dem Nordturm, für Rüstungszwecke abgeliefert werden.
Foto: Stadtmuseum Gerolzhofen | 1942 müssen fast alle Glocken der Gerolzhöfer Stadtpfarrkirche, auch die große "Dreifaltigkeitsglocke" aus dem Nordturm, für Rüstungszwecke abgeliefert werden.

Im Jahr 1885 hingen – wie in Teil eins dieses Berichts erwähnt – in den Türmen der Stadtpfarrkirche sieben verschiedene Glocken: zwei Glocken, die sich früher auf den inzwischen abgebrochenen Türmen an den beiden innerstädtischen Toren der Stadtbefestigung befunden hatten, dann die Glocke aus dem Jahr 1573 und der Glockensatz, der täglich beim Stundenschlagen und bei den Gottesdiensten verwendet wurde. Er bestand hauptsächlich aus den drei Glocken, die im Jahr 1782 neu gegossen worden waren, von Anfang an aber wegen ihres unbefriedigenden Klangs in Missfallen geraten waren.

Schon während der Bauarbeiten zur Erweiterung der Stadtpfarrkirche ab 1898 wurden auch Pläne geschmiedet zur Beschaffung von neuen Glocken für den vergrößerten Steigerwalddom. Das Hauptargument: die vorhandenen Glocken würden von ihren jeweiligen Tonlagen her nicht zusammenpassen. Und außerdem seien sie zu leise, um auch in den neu entstehenden entfernteren Wohngebieten der Stadt noch gehört zu werden.

Die Firma Otto aus Hemelingen bei Bremen lieferte am 26. Juli 1902 fünf neue Glocken, die dann am Feiertag Peter und Paul, dem 29. Juni 1902, nachmittags um drei Uhr feierlich auf dem Marktplatz geweiht wurden. Die neue große Glocke ("Dreifaltigkeitsglocke") wog stolze 46 Zentner und wurde im Nordturm aufgehängt. Die „Ave Maria“ wog 18 Zentner, die „Leo-Glocke“ 13 Zentner, die „Johannisglocke“ wog acht Zentner und die „Gloriaglocke“ sechs Zentner.

Alte Glocken verschwanden

Was mit den vorhandenen alten Glocken geschah, ob sie an andere Gotteshäuser abgegeben oder eingeschmolzen wurden, ist unbekannt. Die "Kiliansglocke" sei die einzige alte Glocke gewesen, die erhalten blieb und wiederverwendet wurde, berichtete die Heimatzeitung ausführlich in ihrer Ausgabe vom 28. Juni 1902. Dies war aber offenbar eine fehlerhafte Berichterstattung. Denn erhalten blieb vielmehr die Glocke von 1572, während es von der eigentlichen "Kiliansglocke" des Jahres 1782 keine Spur mehr gibt. 

Ein betrüblicher Moment: Die von Valentin Schmitt gestiftete große 'Dreifaltigkeitsglocke' wird 1942 vom Nordturm des Steigerwalddoms herabgelassen. Auf dieser historischen Fotografie ist auch zu erkennen, dass damals die hohen Fenster der Apsis der Kirche (links) vermutlich aus Angst vor Kriegsschäden bereits mit Holzbrettern verschalt waren.
Foto: Stadtmuseum Gerolzhofen | Ein betrüblicher Moment: Die von Valentin Schmitt gestiftete große "Dreifaltigkeitsglocke" wird 1942 vom Nordturm des Steigerwalddoms herabgelassen.

Großzügiger Stifter der neuen großen "Dreifaltigkeitsglocke" im Nordturm war Valentin Schmitt, der in Gerolzhofen nur der "Wildemanns Valentin" genannt wurde. Er war am 10. März 1826 geboren und starb am 10. April 1909 an den Folgen eines Schlaganfalls. Neben beträchtlichen Spenden schon zu Lebzeiten (zum Beispiel für die Glocke) vermachte Schmitt nach dem Tod sein Vermögen der Stadt und der Kirche. Er erhielt von der Stadt als Dank dafür ein Ehrengrab, das bis heute besteht und sich am Haupteingang des Friedhofs gleich rechter Hand befindet und durch eine Figur des Hl. Valentin gut zu erkennen ist. 

Während der Endphase des Ersten Weltkriegs ab 1917 wurden im Reich alle Glocken in den Kirchen erfasst und nach Wertigkeit eingestuft. Insbesondere die Glocken aus dem 19. Jahrhundert wurden vielfach zur Einschmelzung abgeliefert. Ob dies auch in Gerolzhofen geschah, ist unklar. Zumindest ist bislang dafür noch kein schriftlicher Beleg entdeckt worden. Es könnte aber sein, dass das Geläut schon 1917 dezimiert worden war.

Aktion im Nazi-Regime

Der neue Glockensatz von 1902 durfte allerdings nur 40 Jahre erklingen. Das Nazi-Regime beschlagnahmte mit Schreiben vom 15. März 1940 alle Kirchenglocken im Bistum Würzburg, um das Metall für Rüstungszwecke zu verwenden. Am 6. November 1941 weist der Dekan und Gerolzhöfer Stadtpfarrer Joseph Hersam die Pfarrämter im Dekanat Gerolzhofen darauf hin, dass am 12. November 1941 in der Region mit der Abnahme der Glocken begonnen wird. Der eigentlich als Nazi-Gegner bekannte Dekan Hersam schreibt: "Die Pfarrämter mögen ihre Gemeindeangehörigen hievon in geeigneter Weise in Kenntnis setzen und betonen, dass es sich um keinerlei kirchenfeindliche Maßnahme handelt, sondern um eine Kriegsnotwendigkeit, die so schmerzlich sie ist, in vaterländischem Geist getragen werden muss."

Gerolzhöfer Passanten schauen zu, wie 1942 eine kleinere Glocke aus dem Südturm der Stadtpfarrkirche geholt und auf ein Pferdefuhrwerk geladen wird.
Foto: Stadtmuseum Gerolzhofen | Gerolzhöfer Passanten schauen zu, wie 1942 eine kleinere Glocke aus dem Südturm der Stadtpfarrkirche geholt und auf ein Pferdefuhrwerk geladen wird.

In Gerolzhofen startet die Glockenabnahme in der ersten Aprilwoche 1942. Organisatorisch zuständig ist die Kreishandwerkerschaft, ausgeführt werden die Arbeiten vom hiesigen Bauunternehmer Hans Rosentritt. Die historisch wertvolle Glocke von 1572 verbleibt während des Zweiten Weltkrieges als einzige im Kirchturm, während die übrigen zum Einschmelzen mit der Eisenbahn nach Hamburg transportiert werden. Im Gegensatz zu den Glocken der Michaelskapelle können die Glocken der Stadtpfarrkirche nach Kriegsende dort nicht mehr aufgefunden werden. 

Abschied von der "Dreifaltigkeitsglocke"

Wie viele Glocken 1942 letztlich aus den Türmen der Stadtpfarrkirche entnommen wurden, ist noch nicht verbindlich geklärt – auch weil unklar ist, ob es vielleicht schon 1917 Verluste gegeben hatte. Falls 1942 das Sechser-Geläut noch vollständig war, wurden also maximal fünf Glocken abgenommen. Sicher ist zumindest, weil durch historische Bilder belegt, dass die so genannte "Dreifaltigkeitsglocke" des Stifters Valentin Schmitt, die alleine im Nordturm hing, abtransportiert wurde. Der Schmerz in Gerolzhofen sei damals groß gewesen, ist im "Steigerwald-Bote" zu lesen, "weil man wusste, dass Glocken, die für den Frieden geschaffen waren, nun dem Hass und dem Tode gelten sollten".

Nach dem Krieg, Anfang 1949, brachten die Bemühungen für ein neues Geläut ihren Erfolg. Besonders Leo Wolf, Ludwig Schärf und Christian Lang sammelten unermüdlich Geld und schrieben stapelweise Bittbriefe. Am Nachmittag des 3. Adventssonntags "Gaudete" (11. Dezember 1949) fand bei einsetzendem  Schneefall die Weihe von vier neuen Bronzeglocken, wieder geliefert von der Firma Otto in Hemelingen bei Bremen mit einem Gesamtgewicht von 85 Zentner, auf dem Marktplatz statt. "Keine andere Zeit wäre einer Weihe neuer Glocken angemessen gewesen, wie die vom Gedanken des Friedens erfüllte Vorweihnachtszeit", heißt es im Bericht des "Steigerwald-Bote".

Unfall beim Transport

Fast wäre es aber mit der Glockenweihe nichts geworden, denn beim Transport der Glocken von Bremen nach Gerolzhofen war der Laster bei Fulda in einen Unfall mit einem Fahrzeug der US-Besatzungstruppen verwickelt. Bei dem Zusammenstoß wurde die große Glocke an ihrem Rand beschädigt, was aber ihren tiefen Klang bis heute nicht beeinträchtigt. 

Die Weihe erfolgte in Vertretung des Bischofs, der zeitgleich in Münsterschwarzach weilte, durch Domkapitular Dr. Theodor Kramer, der erst im Juli des gleichen Jahres in Gerolzhofen gewesen war, um die Reliquien der Frankenapostel persönlich in Empfang zu nehmen und sie in einem dreitägigen Fußmarsch zurück nach Würzburg zu bringen. 

Bei der Salbung der Glocken: Die Ministranten in der vorderen Reihe sind Alfred Müller (links) und Hans Leopold. Rechts sind einige der Mädchen zu sehen, die den Prolog vorgetragen hatten.
Foto: Stadtmuseum Gerolzhofen | Bei der Salbung der Glocken: Die Ministranten in der vorderen Reihe sind Alfred Müller (links) und Hans Leopold. Rechts sind einige der Mädchen zu sehen, die den Prolog vorgetragen hatten.

Die größte, rund 38 Zentner schwere Glocke im Nordturm ist eine Stiftung von Richard Schanz. Sie trägt die weihnachtliche Inschrift "Dem König der Ewigkeiten zum Preise hat mich gestiftet - Richard Schanz von Gerolzhofen 1949 – Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden". Ein Christusbild ist als Relief zu erkennen. Wie ihre Vorgängerin war also auch die neue große Glocke eine Schenkung eines Privatmannes. In Erinnerung an den Teichwirt Richard Schanz läutet die Glocke jedes Jahr am 29. Juni, dem Sterbetag des Stifters, um 14 Uhr.

Die zweite, etwa 27 Zentner schwere Glocke ist der Patronin der Kirche, Maria vom Rosenkranz, geweiht. Die Inschrift lautet: "Königin des heiligen Rosenkranzes, bitte für uns. Ave Maria erschallet mein Singen/Jegliche Stunde soll Lob Dir erklingen/Hör auf das Rufen der Deinen hienieden/Mutter der Gnaden, erhalt uns den Frieden. Gerolzhofen 1949."

Stadt stiftet die Totenglocke

Die dritte Glocke ist wieder eine "Kiliansglocke". Sie wiegt elfeinhalb Zentner und trägt neben dem Bild des Hl. Kilian diese Inschrift: "St. Kilian, so nennt man mich/ St. Kilian, Dich rufe ich/Laß weiterhin die Franken Dein,/in Leid und und Not empfohlen sein./Dich lieben, Dir danken/Deine Kinder in Franken." Mit einem Gewicht von acht Zentner ist die kleine Totenglocke, der ein Kreuz aufgeprägt ist, ein Geschenk der Stadt Gerolzhofen. Zu lesen ist: "Ihren Söhnen und Töchtern, gestorben als Opfer des Krieges 1939-45 zum Gedächtnis hat die Stadt Gerolzhofen mich gestiftet 1949. Herr, gib ihnen die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihnen."

Die Feier wurde vom Kirchenchor unter der Leitung von Berufschuldirektor Robert Schmitt umrahmt. Nachdem Wasser und Salz geweiht waren, erfolgte die Taufe der Glocken durch das Waschen des Mantels. Der Abschluss war das Salben mit Chrysam. Das Äußere der Glocken erhielt jeweils eine achtfache, die Innenseiten jeweils eine vierfache Salbung.

Der abschließende Festkommers am Sonntagabend im Saalbau Tröster war so überfüllt, dass viele Besucher wieder umkehren mussten. Deswegen fand am Montagabend eine Wiederholung des Abends mit identischer Vortragsfolge statt. Der Kirchenchor, diesmal verstärkt durch den Gesangverein "Liederkranz", umrahmte den Festakt. Pfarrer Bauer blickte auf die Geschichte der Glocken zurück und erinnerte daran, dass es am Ende nur noch die Glocke von 1572 war, die ihren Gruß an "all denen, die ihr Blut auf fremder Erde und in der Heimat lassen mussten, den letzten Gruß gesendet hat".

Sieben in Weiß gekleidete Mädchen trugen bei der Glockenweihe einen Prolog vor, den Stadtpfarrer Franz Bauer verfasst hatte. 
Foto: Stadtmuseum Gerolzhofen | Sieben in Weiß gekleidete Mädchen trugen bei der Glockenweihe einen Prolog vor, den Stadtpfarrer Franz Bauer verfasst hatte. 

Im Mittelpunkt der beiden Festabende, die von Stadtoberinspektor Xaver Schieber organisiert worden waren, stand das Theaterspiel "Der Glockengruß zu Breslau". 

Das erste Läuten

Es muss ein sehr emotionaler Moment gewesen sein, als in der Christnacht 1949 während der Mette das neue Fünfer-Geläut der Stadtpfarrkirche erstmals "offiziell" erklang. Über sieben Jahre nach dem Abtransport und der Zerstörung der alten Glocken hatte der Steigerwalddom seine Stimme wiedererlangt.

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