Aufgegabelt: Das harte Los der Demokratie

Aufgegabelt: Zauberei und Politik       -  Es gibt Sachen, die bringen einen zum Erstaunen. Weil man zum Beispiel plötzlich eine ganz neue Seite an jemanden entdeckt. Und sich fragt: Wie hat er/sie das gemacht?  Am Politischen Aschermittwoch am Tag danach in Oberwerrn gab es so einen Moment. Wer ihn erlebt hat, war erstaunt. Und fragt sich: Kann Anja Weisgerber zaubern?   Denn die kurze Zeit, die sie gebraucht hat, um vom Rednerpult am einen Ende des Saales zum Eingang am anderen Ende des Saales zu gelangen, um Innenminister Joachim Herrmann zu begrüßen und mit ihm in den Saal einzuziehen, war übermenschlich schnell. Und das mit schicken Schuhen! Respekt. Schade, dass es kein Zaubereiministerium gibt. Die geeignete Kandidatin gäbe es.
| Es gibt Sachen, die bringen einen zum Erstaunen. Weil man zum Beispiel plötzlich eine ganz neue Seite an jemanden entdeckt. Und sich fragt: Wie hat er/sie das gemacht?

Demokratie ist zeitraubend, langatmig, kompliziert und manchmal richtig lästig. Dennoch erfreuen wird uns der Wahl- und Koalitionsfreiheit, machen Kreuzchen hier und dort und warten geduldig, bis in aller Formvollendung – weil eben transparent und mehrfach unabhängig geprüft – Unmengen an Stimmen ausgezählt sind, bis ein Endresultat und damit gewählte Volksvertreter feststehen. Egal ob einem das Resultat gefällt oder nicht. Freilich: In Nordkorea geht das alles viel schneller und auch noch mit vorhersehbarem Ausgang, aber hierzulande herrscht weitgehender gesellschaftlicher Konsens, dass für uns was Besseres als die Demokratie eben noch nicht erfunden worden ist. Weswegen die allermeisten von uns sie auch so schätzen, die Demokratie.

Sie kann aber auch ganz arg umständlich sein. Dann nämlich, wenn das aufwändige demokratische Prozedere doch kein eindeutiges Resultat hervorbringt. Zum Beispiel am vergangenen Montag im Kreistag. Dort sitzen mit der FDP und den Linken zwei Fraktionen mit je zwei Vertretern. Beiden hätte der letzte Sitz im Kreisausschuss zugestanden, aber nur eine von ihnen konnte ihn kriegen. Die Mehrheit des Gremiums entschied, Fortuna sollte entscheiden.

Nun hätte man eine Münze werfen oder einen Würfel kullern lassen können. Oder gar Plexiglaskugeln aus einer Kristallschale ziehen wie bei der DFB-Pokal-Auslosung, wenn sich Amateurclubs dann ebenso freuen, wenn sie gegen Bayern München ran dürfen, wie sich später auch die Kreistags-FDP gefreut hat, jetzt bei den Wichtigen im Kreisausschuss mitmachen zu dürfen.

So einfach aber war es am Montag nicht. Denn auch das Losverfahren muss demokratischen, also völlig unabhängigen und transparenten Grundsätzen gehorchen. Und daher spielte sich Folgendes ab: Zur Glückfee wurde die frisch ernannte Landratsstellvertreterin Christine Bender ernannt. Sie musste den Saal verlassen. Weil der zuständige Abteilungsleiter Henning Juntunen mit der „Herstellung der Lose“ beauftragt worden ist, was wiederum Bender nicht sehen durfte. Vor aller Augen präsentiert Juntunen zwei leere Umschläge und zwei unbeschriftete blaue Papierbögen. Auf einen malte er FDP, auf dem anderen den Namen der Linken. Er verklebte die Umschläge und legte sie in einen Karton, der zuvor als Wahlurne für die Landratsstellvertreterwahl gedient hatte.

Nun musste Juntunen aus dem Raum verschwinden – durch eine andere Tür als die, die Bender bei ihrer Rückkehr benutzte. Damit er ihr nicht Zeichen geben könnte. Die CSU-Frau zog einen Umschlag heraus öffnete ihn und zeigte den Zettel mit der FDP. Glück für die Liberalen, lange Gesichter bei den Linken.

Doch war bei diesem umständlichen Prozedere, das manchem Kreisrat mehr als ein Lächeln abrang, auch wirklich alles bedacht? Könnten die Umschläge nicht doch (mit Geheimtinte) markiert gewesen sein? Könnte nicht einer der Zuhörer Bender einen Wink gegeben haben? Könnte nicht einer der Kreisräte die Glücksfee durch Zischen oder Räuspern beeinflusst haben, wie es in manchen Quizshows üblich ist? Hat Juntunen etwa verabredungsgemäß die Umschläge im Karton auf einen bestimmten Platz deponiert (die Linken links, die FDP rechts)?

Nein, Demokratie ist oft umständlich genug. Da kann man nicht alle noch so denkbaren Variationen möglicher Einflussnahme ausschließen. Und an der Redlichkeit der stellvertretenden Landrätin und Landwirtschaftsrätin Bender und an der des Regierungsrats Juntunen hat ohnehin niemand Zweifel. Auch im Kreistag nicht.

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