Schweinfurt

Berufung im Raser-Prozess: Fahrer bekommt geschrottetes Auto zurück

An Heiligabend 2018 fuhr ein junger Mann in Schweinfurt ein Rennen gegen sich selbst und schrottete sein 420 PS starkes Auto. Nun ging der Prozess in eine neue Runde.
Wegen eines verbotenen Kraftfahrzeugrennens verurteilte das Amtsgericht Schweinfurt einen 27-Jährigen zu knapp 5000 Euro Geldstrafe sowie zum Einzug des Führerscheins.
Foto: Horst Breunig | Wegen eines verbotenen Kraftfahrzeugrennens verurteilte das Amtsgericht Schweinfurt einen 27-Jährigen zu knapp 5000 Euro Geldstrafe sowie zum Einzug des Führerscheins.

Der Fall ist über zwei Jahre her und sorgt nun erneut für Aufsehen. An Heiligabend 2018 kam ein 420 PS starkes Auto auf der Schweinfurter Hafenstraße von der Fahrbahn ab. Dabei rammte und zertrümmerte es den Bordsteine, raste in den Metallzaun des ZF-Geländes und verursachte darin einen fast 40 Meter langen Riss. Schaden an Bordsteinen und Zaun: fast 31 000 Euro. Fahrer und Beifahrer blieben nahezu unverletzt.

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Bereits im vergangenen Jahr musste sich der damals 27-jährige Fahrer wegen des "verbotenen Kraftfahrzeugrennens" verantworten. Ein Rennen, das er sozusagen gegen sich selbst gefahren war. Die Anklage ging damals davon aus, dass der Wagen in kürzester Zeit maximal beschleunigt wurde, auf mehr als 114 Stundenkilometer, die im Speicher des Wagens registriert und später ausgelesen wurden. Der Unfallort lag im Stadtgebiet, dort sind maximal 50 Stundenkilometer erlaubt.

Versehentlich auf 114 km/h beschleunigt?

Obwohl der BMW M3 keinen Kontakt mit anderen Fahrzeugen hatte, verursachte der Crash ein Trümmerfeld, massivste Verformungen am Pkw, alle vier Reifen hatten keine Luft mehr, eine Felge war gebrochen, die Verkleidungen abgerissen, die Airbags ausgelöst. Unklarheit herrschte in der Verhandlung über die Unfallursache. Laut damaliger Verteidigung sei das Handy des Mandanten in den Fußraum gefallen. Beim Beugen nach unten, um es aufzuheben, habe er Gas und Bremse verwechselt, wodurch der BMW unbeabsichtigt weiter beschleunigt worden sei.

Für die Staatsanwaltschaft war diese Geschichte "erstunken und erlogen, sie stimmt hinten und vorne nicht". Vielmehr habe der Fahrer, der bereits im Vorfeld durch Raserei aufgefallen war, an diesem Abend "alles aus dem Fahrzeug rausholen" wollen. Der einzige Zeuge, der Beifahrer, wollte von all dem aber nichts mitbekommen haben, sagte er damals. Im Frühjahr 2020 wurde der Fahrer zu einer Geldstrafe von knapp 5000 Euro verurteilt. Dem folgte eine Führerscheinsperre von zwei Jahren sowie die Einziehung des Wagens. Nun, fast ein Jahr später, nahm der Verurteilte erneut auf der Anklagebank Platz, nachdem sein neuer Verteidiger sowie die Staatsanwaltschaft Rechtsmittel gegen das Urteil eingelegt hatten.

Fahrer bekommt Führerschein und zerschrotteten Wagen zurück

Ziel der Berufung, so der Verteidiger, sei der Freispruch seines Mandanten, da es keine zweifelsfreien Beweise für den Tathergang gebe. "Unser Problem ist, dass wir alle nicht dabei waren", gestand der Richter ein. Auch Zeugen gebe es bis auf den befreundeten Beifahrer nicht. Doch am Wahrheitsgehalt dessen damaliger Aussage habe er erhebliche Zweifel gehabt. Bei der Neuauflage des Verfahrens am Freitagmorgen kam es jedoch erst gar nicht zu weiteren Aussagen. Denn im Berufungsverfahren wurde mehr außerhalb als innerhalb des Verhandlungssaals diskutiert.

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Denn nachdem der Verteidiger betonte, es gehe seinem Mandanten vor allem darum, seinen Wagen sowie den Führerschein zurück zu bekommen und Richter und Staatsanwalt Gesprächsbereitschaft signalisierten, wurde die Verhandlung für fast eine Dreiviertelstunde unterbrochen. Diese Zeit nutzten Verteidigung und Staatsanwalt offensichtlich, um sich zu besprechen und zu einigen.

Richter spricht Raser ins Gewissen

Und tatsächlich stellte der Richter das Verfahren wenig später vorläufig ein. Ergebnis? Der Angeklagte muss statt bisher 5000 nun 7000 Euro Geldstrafe zahlen, dafür bekommt er jedoch seinen Führerschein und das beschädigte Auto zurück. "Ich will eindringlich betonen", sprach der Richter zum Verurteilten, "dass Sie hier mit sehr viel Glück glimpflich davonkommen." Nur weil es nicht mehr Beweise gibt und "kein Mensch weiß, wie Sie vor dem Unfall gefahren sind", sei das Verfahren nicht anders ausgegangen.

Bei so vielen Menschen, die jährlich aufgrund von überhöhter Geschwindigkeit im Straßenverkehr ums Leben kommen, sei es unglaubliches Glück gewesen, dass den Insassen und Unbeteiligten hierbei nichts passiert sei. Der Richter empfahl dem mittlerweile 28-Jährigen, das stark beschädigte Auto, was geschätzt noch 10 000 Euro Wert sei, nun zu verkaufen und mit dem Erlös seine Strafe zu begleichen. Denn: "So ein Auto ist wie eine Waffe, das hätte ganz anders enden können und man muss auch mal Lehren aus dem Leben ziehen."

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