Heidenfeld

Corona-Prämie: Wird in der Pflege mit zweierlei Maß gemessen?

Die Altenpflegerinnen im Heidenfelder Kloster Maria Hilf erhalten nicht die 1000 Euro Corona-Prämie, weil sie "nur" Ordensschwestern pflegen. Das wollen sie nicht hinnehmen.
Ungleiche Behandlung: Die Altenpflegerinnen im Kloster Maria Hilf erhalten nicht die Corona-Sonderzahlung, weil sie nur Ordensschwestern betreuen. Das finden sie ungerecht. 
Ungleiche Behandlung: Die Altenpflegerinnen im Kloster Maria Hilf erhalten nicht die Corona-Sonderzahlung, weil sie nur Ordensschwestern betreuen. Das finden sie ungerecht.  Foto: Anand Anders

Sie sind enttäuscht und verärgert. Mit großen Worten hat Gesundheitsminister Jens Spahn eine Sonderleistung von 1000 Euro allen Beschäftigten in der Altenpflege versprochen, als Zeichen der Anerkennung und für den "Kampf an vorderster Front" in der Corona-Pandemie. In den Genuss dieser Corona-Prämie kommen aber nicht alle in der Altenpflege tätigen Menschen. So werden die Altenpflegerinnen im Heidenfelder Ordenspflegeheim "Maria Hilf" von dieser Sonderleistung komplett ausgeschlossen. Ihr Antrag auf Zahlung der versprochenen Corona-Prämie wurde abgelehnt.

Pflegedienstleitung, Mitarbeitervertretung und Klosterleitung unterstützen die Mitarbeiter in ihrem Protest gegen die Ungleichbehandlung bei der Auszahlung der Corona-Prämie. Im Bild (von links) Ottilie Weid von der Mitarbeitervertretung, Kommunitätsleiterin Schwester Ansgard, Qualitätsbeauftragte Edeltraud Köhler und Pflegedienstleiterin Astrid Graf.
Pflegedienstleitung, Mitarbeitervertretung und Klosterleitung unterstützen die Mitarbeiter in ihrem Protest gegen die Ungleichbehandlung bei der Auszahlung der Corona-Prämie. Im Bild (von links) Ottilie Weid von der Mitarbeitervertretung, Kommunitätsleiterin Schwester Ansgard, Qualitätsbeauftragte Edeltraud Köhler und Pflegedienstleiterin Astrid Graf. Foto: Anand Anders

"Das ist eine große Ungerechtigkeit", sagt Ottilie Weid, die Vorsitzende der Mitarbeitervertretung. Und das wollen die Beschäftigten nicht einfach so hinnehmen. Gemeinsam haben sie ihre Enttäuschung und Verärgerung in einem Brief niedergeschrieben, der an die hiesige Bundestagsabgeordnete Anja Weisgerber, den Landtagsabgeordneten Gerhard Eck und an Landrat Florian Töpper ging. Darin prangern sie an, dass in der Pflege mit zweierlei Maß gemessen werde. "Ist unsere Pflege weniger wert?", wollen sie wissen und fordern eine "glaubhafte Erklärung" ein.

Eine Erklärung gibt es wohl, aber verstehen kann man sie nur schwer. Vereinfacht gesagt, wird die Corona-Prämie deshalb nicht gezahlt, weil die Beschäftigten "nur" Ordensschwestern pflegen. "Maria Hilf" ist eine Pflegeeinrichtung der Kongregation der Erlöserschwestern Würzburg für ihre Ordensangehörigen. Die Pflegeeinrichtung im Kloster hat deshalb nur einen "kleinen Versorgungsvertrag" mit dem Verband der Ersatzkassen (vdek) in Bayern abgeschlossen, in dem die Schwestern pflegeversichert sind. Um in den Genuss der Prämie zu kommen, bräuchte es aber einen Rahmen-Versorgungsvertrag mit allen Landesverbänden der Pflegekassen. Denn der GKV-Spitzenverband – das ist die zentrale Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen in Deutschland – hat festgelegt, dass der Corona-Bonus nur für die "nach § 72 SGB XI zugelassenen ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen" gilt. Und das sind eben nur Häuser mit einem Rahmen-Versorgungsvertrag.   

"Unsere Arbeit unterscheidet sich in keinster Weise von der in anderen Pflegeeinrichtungen."
Pflegedienstleiterin Astrid Graf

Die Beschäftigten in "Maria Hilf" verstehen das nicht. "Unsere Arbeit unterscheidet sich in keinster Weise von der in anderen Pflegeeinrichtungen", sagt Pflegedienstleiterin Astrid Graf. "Wir haben die gleichen Strukturen wie jedes andere Haus." So verweist ihre Stellvertreterin Edeltraud Köhler, die auch Qualitäts- und Hygienebeauftragte ist, auf das umfassende Betreuungsangebot, die Fort-, Aus- und Weiterbildungen, die professionelle Pflege mit ausgebildetem Personal und auf das Qualitätsmanagement. "Wir arbeiten wie jedes andere öffentliche Haus." Dabei müsste die Ordenseinrichtung dies gar nicht tun. Denn Einrichtungen mit einem "kleinen Versorgungsvertrag" unterliegen nicht dem Heimgesetz mit seinem Bau- und Personalmindestvorschriften sowie Aufsichtsbestimmungen. Es wird lediglich verlangt, dass die Leitung der Pflegestation einer Fachkraft übertragen wird. Für das übrige Pflegepersonal muss kein Qualifikationsnachweis erbracht werden. Auch die Qualitätsprüfungen durch den Medizinischen Dienst entfallen.     

Belegschaft ist enttäuscht und verärgert

Weil die Altenpflegerinnen in "Maria Hilf" aber trotzdem "volles Programm" leisten und laut Graf das Haus alle Vorschriften des Heimgesetzes erfülle, empfinden es die Beschäftigten als ungerecht, dass sie von der Corona-Prämie ausgeschlossen werden. "Wir machen die gleiche Arbeit, haben die gleiche Belastung und die gleichen Einschränkungen durch Corona wie alle anderen und fallen trotzdem durchs Raster", das könne die Belegschaft nicht verstehen, sagt Ottilie Weid.

Auch die Kongregation als Trägerin der Einrichtung ist finanziell benachteiligt, denn mit dem "kleinen Versorgungsvertrag" fällt das Haus nicht unter den Corona-Rettungsschirm der Bundesregierung. "Wir müssen alle Mehrkosten selbst tragen", betont Pflegedienstleiterin Graf.

"Wenn's ums Geld geht, dann gibt es uns anscheinend gar nicht."
Kommunitätsleiterin Schwester Ansgard

Schwester Ansgard, die Kommunitätsleiterin im Kloster Heidenfeld, hält diese Regelungen für ungerecht. "Wenn's ums Geld geht, dann gibt es uns anscheinend gar nicht." Dabei hätten die Schwestern sehr viel für die Gesellschaft und den Staat getan. In ganz Unterfranken waren und sind die Erlöserschwestern tätig. In der Krankenpflege, in der Altenpflege, in Kindergärten, in Schulen – "das wird alles als selbstverständlich angesehen". Dabei geht es Schwester Ansgard vordergründig gar nicht ums Geld, sondern um die Wertschätzung und die Gerechtigkeit. "Mir ist wichtig, dass unsere Beschäftigten das bekommen, was ihnen zusteht."

Aktuell werden in dem 2005 neugebauten Pflegeheim neben dem historischen Klostergebäude 75 Ordensschwestern aller Pflegestufen betreut. Die 45 Altenpflegerinnen in Voll- und Teilzeit arbeiten im Drei-Schicht-Betrieb an sieben Tagen in der Woche. "Unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen leisten genauso viel wie ihre Kolleginnen und Kollegen in weltlichen Heimen", unterstreicht Pflegedienstleiterin Graf. 

Mitarbeiter fordern eine Antwort der Politik

"Da ist der Bund vorgeprescht, und im Nachhinein kommen dann die Beschränkungen, weil man merkt, dass es Geld kostet", kritisiert die stellvertretende Pflegedienstleiterin Edeltraud Köhler. Denn selbst diejenigen, denen die Corona-Prämie nach den gesetzlichen Bestimmungen zusteht, erhalten nicht automatisch 1000 Euro. Denn die Höhe der Prämie berechnet sich nach dem individuellen Stundensatz und dem Anteil der Arbeit in der direkten Pflege.

"Es waren große Worte, bundesweit vom Gesundheitsministerium angekündigt ...., um dann doch wieder Einschränkungen zu erlassen, die die Glaubwürdigkeit solcher Versprechen beträchtlich schrumpfen lassen", heißt es in dem Brief der "Maria Hilf"-Beschäftigten. Sie hoffen auf eine Antwort aus der Politik.  

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