SCHWANFELD

Das ewig junge Bergamo-Festival

Tanz im Trockeneisnebel: Dieses Paar wagte sich als Erstes auf die noch fast leere Tanzfläche. Eine Stunde später war die Fläche brechend voll mit tanzenden und feiernden Jugendlichen.
Foto: Guido Chuleck | Tanz im Trockeneisnebel: Dieses Paar wagte sich als Erstes auf die noch fast leere Tanzfläche. Eine Stunde später war die Fläche brechend voll mit tanzenden und feiernden Jugendlichen.

Pfarrer Volker Benkert spricht am Ende des Freiluft-Gottesdienstes die Segensworte, dann bilden sich am Getränke- und am Essenstand zwei Schlangen. Die Kinder springen herum, während die zu Kirchenbänken umfunktionierten Bierbänke umgeräumt werden und der DJ die Musikanlage durchstartet. Das ist nicht die Kirchweih in Schwanfeld, sondern der Beginn des zweiten Tages des Musik-Festivals „Bergamo“ in einem Wäldchen am Obereisenheimer Berg.

Das zweitägige „Bergamo“ mit etwa 1400 Besuchern an beiden Tagen ist nur von Jugendlichen organisiert, und dafür wurde der Verein Container e. V. gegründet. Damit es auch in den Händen der Jugend bleibt, übergeben Jan Schindler (31) und André Wunderling (29) den Stab an Oliver Lintl (20) und Steffen Katzenberger (22), die schon beim diesjährigen, 19. Bergamo mit in die Organisation eingebundem sind.

„Die Übergabe soll genauso fließend sein wie es bei uns damals war“, sagt Schindler, der nicht als Einziger am Samstagmittag noch übernächtigt wirkt. Der erste Tag liegt hinter den 60 aktiven Jugendlichen. Die Frühschicht hat den gröbsten Abfall vom Freitagabend aufgeräumt und gönnt sich eine kleine Pause.

Ein verbeulter VW Golf, in seinem früheren Leben vermutlich recht ansehnlich, rollt auf das Gelände, der Fahrer bringt Ersatzteile. Das Auto ist das Bergamo-Dienstfahrzeug, für einen Zwanziger vom Schrottplatz gekauft und mit einer Fünf-Tages-Zulassung sowie gerade noch genug TÜV versehen. „Damit transportieren wir Kleinigkeiten, die wir vergessen haben oder noch brauchen“, sagt Schindler, „jetzt holen zwei Leute Pizza“. Direkt nach dem Bergamo wandert das Auto in die Schrottpresse.

Seit Mittwoch sind die Jugendlichen mit dem Aufbau beschäftigt. Wenn sie anfangen, gibt es dort nur eine grüne Wiese. Kein Strom, kein Wasser. Als erstes wird ein Bauzaun aufgestellt, dann die Zelte, die Beleuchtung und der Lkw-Anhänger für den DJ mitsamt Lichtanlage. Das Essen liefert ein Wernecker Metzger, der auch selbst am Grill steht, die Getränke ein ortsansässiger Getränkehändler. „Wir könnten auch beim Großhandel kaufen, das wäre preisgünstiger“, sagt Wunderling. Dann aber ohne den Service eines Händlers vor Ort: „Der liefert auch um halb eins in der Frühe Nachschub.“

Kilometerweise werden Lichtkabel verlegt, für die Lichterketten, die Beleuchtung der Getränkebars, den Essenstand, die Kasse und die erstmals in diesem Jahr aufgebauten Schnapsbar. Die Preise sind zivil: 99 Cent Eintritt, Schnaps ein Euro, Cola und Bier zwei Euro, Cocktails bis fünf Euro. Gezahlt wird bargeldlos mit der Bergomark, einer 10-Euro-Karte, die in 50-Cent-Abschnitten abgestrichen wird.

Jedes Bergamo erzählt seine eigene, kleine Geschichte. Vor drei Jahren verwandelte Regen das Gelände in eine Schlammwüste. Einige junge Damen wollten nicht auf ihre Flipflops verzichten, die noch Tage später aus dem Schlamm geborgen wurden. Ein anderes Mal tauchte beim Aufräumen am Montagmittag eine erwachte Schnapsleiche auf.

Fußball entfällt

Legendär war das Bergamo beim Fußball-Derby Schwanfeld gegen Wipfeld, das Schwanfeld mit 2:1 gewann. Die Sieger ließen sich feiern, der DJ erinnerte stündlich an den Spielausgang. Die unterlegenen Wipfelder Fußballer feierten im Vereins-Trainingsanzug mit und nahmen es sportlich-gelassen hin. Fußball gespielt wird am Bergamo-Wochenende übrigens nicht mehr. „Weil es viel zu viel Stress ist, direkt nach dem Spiel beim Bergamo zu arbeiten, beantragen die Fußballer seit einigen Jahren eine Spielverlegung am Bergamo-Wochenende“, sagt Oliver Lintl, selbst Fußballer.

Das Stromaggregat, hinter den Zelten zwischen dem Kühlwagen und dem 1000-Liter-Wassertank fürs Spülen, läuft einwandfrei. Vor einigen Jahren hatte sich die durch Mi-krorganismen, Hefe und Schimmelpilz verursachte Dieselpest im Treibstoff breitgemacht. Der Schlamm hätte das Aggregat zerstören können. Hat er aber nicht, doch bis zur letzten Minute schwitzte das Team Blut und Wasser.

Ausgangszeiten diskutiert

Nach dem Gottesdienst am Samstag verabschieden sich als erstes die Großeltern. Bürgermeister Richard Köth musste ebenfalls weg, wollte aber nochmal reinschauen. Die Eltern diskutieren mit ihren halbwüchsigen Kindern Ausgangszeiten und räumen das Feld. Das Rote Kreuz ist ebenso vor Ort wie auch die Feuerwehr, wegen der Dürre verstärkt, und ständig strömen mehr Jugendliche heran. Man kennt sich aus dem Ort oder von anderen Festen, und viele bleiben ihrem Bergamo treu.

„Das Schöne am Bergamo ist, dass es von uns Jugendlichen für Jugendliche und für den ganzen Ort ausgerichtet ist“, sagt Steffen Katzenberger, „so wird es auch bleiben“.

Die alten und die neuen Organisatoren: In der Bonkasse, in der auch ein Sofa steht, lehnen sich (von links) hinten Jan Schindler und Andre Wunderling schon halbwegs entspannt zurück, während ihre Nachfolger Oliver Lintl und Steffen Katzenberger gespannt auf ihre Aufgaben sind.
| Die alten und die neuen Organisatoren: In der Bonkasse, in der auch ein Sofa steht, lehnen sich (von links) hinten Jan Schindler und Andre Wunderling schon halbwegs entspannt zurück, während ihre Nachfolger Oliver ...
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