Gerolzhofen

Das Fest der Augen, die tiefer sehen

Leon und Andre Müller, Fabian Stemen, Max Flederer, Jasmin Ehrlich, Nele Lieder, Magdalena und Theresia Kübler sowie Elias Heller spielten die Herbergsuche und Weihnachtsgeschichte  bei der diesjährigen Weihnachtskinderkirche an Heiligabend im Pfarrer-Hersam-Haus.
Foto: Roland Marschall | Leon und Andre Müller, Fabian Stemen, Max Flederer, Jasmin Ehrlich, Nele Lieder, Magdalena und Theresia Kübler sowie Elias Heller spielten die Herbergsuche und Weihnachtsgeschichte bei der diesjährigen ...

Pfarrer Stefan Mai brachte viele Besucher der Christmette im voll besetzten Steigerwalddom zum Schmunzeln. Gestützt auf das Taschenbuch des Regensburger Kabarettisten Christian Huber „Sieben Kilo in drei Tagen“ zeichnete er das Prozedere des Heiligen Abends in vielen Familien nach. Der Vater klingelt mit Weihnachtsglöckchen, alle kommen ins Zimmer mit dem hell erleuchteten Weihnachtsbaum.

 

 

 

Die Geschenke werden ausgepackt, mit gespielter Überraschung und Verblüffung. Denn jeder hat seine Geschenke selbst ausgesucht und der Mutter nur zum Verpacken vorbeigebracht. Nach und nach unterziehen sich alle Familienmitglieder diesem Ritus des scheinbar überraschten Auspackens.

Ein allseits bekanntes Ritual

Hatten nicht viele der Gottesdienstbesucher diesen Ritus eben erst selbst erlebt und mitgespielt? Ihr Schmunzeln bewies es. Wer nun aber glaubte, Stefan Mai würde zu einem Rundumschlag gegen die Schenkkultur an Heiligabend ausholen, der sah sich getäuscht. „Ich glaube, es ist nicht nur hohler Brauch. Ich glaube, es steckt mehr dahinter“, sagte der Geistliche. Ob ein Geschenk nicht wortlos sagen wolle „Ich möchte gut zu dir sein... Glaub mir's: Im Innern bin ich doch ein guter Kerl“, fragte der Prediger.

Hinter dem Geschenk sei das Gute im Menschen zu erkennen. Um es zu erkennen, müsse man allerdings tiefer blicken, so wo wie der Dichter Gottfried Benn es getan hat, der in Berlin viel Ungerechtigkeit,Tragik und Brutalität erlebte. Benn frage nicht, woher das Böse kommt, sondern er frage nach dem Guten, Sanften, Lichtvollen. Er entdecke den sanften Kern in Menschen, die das Leben klein machen will.

Den weichen Kern entdecken

Das wäre für Stefan Mai die Weihnachtskunst, die Weihnachten wirklich zu Weihnachten macht: Hinter der rauen Schale eines Menschen den weichen Kern entdecken. Deswegen sei Weihnachten ein Fest der Augen, die tiefer sehen.

In das Thema hatte der Pfarrer bereits am Anfang des Gottesdienstes eingeführt. Er verwies auf den kleinen Jesus, der in seiner Krippe am Altar von Geschenken nahezu erdrückt wird. „Geht Jesus im Weihnachts-Schnick-Schnack unter – oder steckt hinter unserem Weihnachtsgeschenk-Ritual mehr?

Die Mette umrahmten die Männerschola sowie Christina Hauck auf der Flöte und Katharina Müller an der Gitarre unter der Leitung von Kantor Karl-Heinz Sauer.

„Große, kleine Leute feiern Gottesdienst“ mit Matthias Lieder an der Gitarre. So hieß es eingangs im Begrüßungslied der Weihnachtskinderkirche am frühen Heiligen Abend. Einer großen Anzahl junger Christen im Alter von drei bis etwa acht Jahren, die mit ihren Eltern und Großeltern gekommen waren, erzählte Heike Leopold-Würffel die Geschehnisse der Herbergssuche und der Heiligen Nacht.

Eine Bodenbild gelegt

In den Adventskranz integriert stand der Stall, um den, mit aktiver Hilfe der Kinder, Wiesen mit Schafen und ein Sternenhimmel gelegt wurden. Eine kleine Engelschar verkündete die Frohe Botschaft. Um dieses Bodenbild waren dann die Kinder eingeladen zum Gebet, dem „Vater unser“.

Pfarrer Stefan Mai, der diese Weihnachts-Kinderkirche besuchte, bat um Segnung der Kinder durch ihre Eltern nach seiner Vorgabe in Gedichtform mit Gestik.

Das weihnachtliche Liedgut dieser Feier begleiteten Ida Müller mit der Gitarre und Johanna Würffel mit der Querflöte. Die Rollenspiele einzelner Kinder und die Unterstützung von Annette Stemen und Miriam Kübler machten es für das Kinderkirchenteam möglich, wieder eine feierliche Kinderkirche am Heiligen Abend zu gestalten.

Am ersten Weihnachtsfeiertag ließ Pfarrer Mai Notker Wolf, den Abtprimas der Benediktiner, berichten, was ein Theologiestudent aus dem ehemaligen Ostblock bei einem Empfang nach der Christmette zur Motivation für dieses Studium sagte. Er wolle an die Spitze der Pyramide namens Kirche.

Wolf ging mit dem jungen Mann zur Krippe und erklärte, dass das Kind darin diese Pyramide auf den Kopf gestellt habe.

Das Fleisch gewordene Wort

Mai weiter: Von Jesus zu lernen heiße, am Boden zu bleiben, wenn man hoch hinaus will. „Wenn du vorne dran stehen willst, dann sei andern zu Diensten. Wenn du eine große Rolle spielen willst, dann dräng dich nicht vor.“

Wer das schaffe, bei dem sei das Wort Jesu Fleisch geworden, sagte Mai in Anlehnung an das erste Kapitel des Johannes-Evangeliums, das traditionell am ersten Weihnachtsfeiertag verlesen wird.

In diesem Gottesdienst brachte der Projektchor St. Franziskus am Steigerwald unter der Leitung von Kantor Sauer noch einmal Auszüge aus seinem Konzert vom Freitag mit europäischen Weihnachtsliedern zu Gehör.

Am zweiten Feiertag thematisierte Pfarrer Mai den heiligen Stephanus als Paradebeispiel einer Vergebungskultur. Dem Geistlichen war aufgefallen, dass in Filmen der letzten Jahre das Thema Vergebung neu in Szene gesetzt wird – und eine emotionale Faszination ausübe. Er zeigte das am Film „Der Sohn“, in dem der Lehrling den Sohn des Schreiners umgebracht hat. Am Ende des Films geschieht Vergebung ohne Worte. Vergebung sei alles andere als einfach, sei ein innerer Kampf, eine Abrechnung mit den eigenen, berechtigten Rachegefühlen. Mitarbeit: Sonja Marschall

Zwischen schön verpackten Geschenken liegt das Christkind 2017 in der Stadtpfarrkirche. Sich zu beschenken, ist für Pfarrer Stefan Mai nicht nur hohler Brauch.
Foto: Norbert Finster | Zwischen schön verpackten Geschenken liegt das Christkind 2017 in der Stadtpfarrkirche. Sich zu beschenken, ist für Pfarrer Stefan Mai nicht nur hohler Brauch.
Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Schweinfurt und erhalten Sie zweimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Themen & Autoren / Autorinnen
Gerolzhofen
Norbert Finster
Gitarre
Gottfried Benn
Rituale und Zeremonien
Stefan Mai
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!