SCHWEINFURT

Der Irrwitz hat einen Abend lang Methode

Finale erster Akt von Rossinis Oper „Der Barbier von Sevilla“. Bei der Kammeroper Prag feiert die Groteske fröhliche Urstände.
Foto: Theater | Finale erster Akt von Rossinis Oper „Der Barbier von Sevilla“. Bei der Kammeroper Prag feiert die Groteske fröhliche Urstände.

Die erste Sperrsitzreihe ist an diesem Abend gut beschäftigt. Sehr zum Gaudium des restlichen Publikums, das einige Reihen dahinter in vermeintlicher Sicherheit sitzt und sich wie Bolle amüsiert. Zumindest solange bis Diener Ambrosio (tonlos, mit versteinerter Miene den Abend lang Jan Honcù) mit Desinfektions-Drucksprüher ins Publikum marschiert. Die Kammeroper Prag gastiert mit einer turbulenten Opern-Inszenierung von Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ im Theater der Stadt und wehe, dreimal wehe, für den, den es in die erste Reihe verschlagen hat. Dort herrscht reger Durchgangsverkehr.

Schnapsflaschen werden in den Orchestergraben gereicht – und wieder heraus. Dem Publikum ein kräftiger Schluck angeboten, der eine oder andere Zuschauer lässt sich dann gleich die Schuhe aufpolieren. Der intrigante Basilio (mit stimmgewaltigem Bass Pavel Vanèura) stolpert mit seiner Verleumdungsarie „La calunnia“ auch mal kurz vorbei, im Schlepptau des Narren resoluten Bruders Bartolo (köstlich überzogen, überdreht Pavel Kleèka).

Dieser Irrwitz hat Methode, den ganzen Abend lang. Wo das Pappbühnenbild mit giftgrünen stilisierten Zypressen und Rosinas bonbonfarbenes Musikzimmer Anlass zu bösen Befürchtungen gab, löste sich das alles schnell als weiterer bewusster Gag der Inszenierung auf. Die ganze Nummer wirkt so plüschig-poppig verkitscht, dass der Abend, allein wegen seiner maßlosen Groteske mitreißt. Regisseur und Ausstatter Martin Otava gelingt hier zudem geschmackssicher der heikle Spagat, Peinliches zu vermeiden und Originelles zu verstärken. Es war ein langer Opernabend.

Es war zudem einer der vergnüglichsten und auch originellsten Operninszenierungen der letzten Jahre. Und nicht nur das. Was die Kammeroper Prag bei ihrem ersten Gastspiel im Theater der Stadt Schweinfurt ablieferte, war musikalisch und stimmlich außerordentlich, mitunter auch im Bereich des Sensationellen. Über die Sopran-Interpretation der Rosina von Lucie Fišer Silkenová wird zu reden sein, nicht nur weil sie die technischen Schwierigkeiten der Rolle mit einer phantastischen Agilität und vortrefflicher Triller- und Staccato Technik singt und ihre berühmte Auftrittsarie (nur welche Auftrittsarie in dieser Oper ist nicht berühmt?) mit einem lockeren Sprung auf das F in der Höhe abschließt. Die Sängerin (als Gast von der Staatsoper Prag) hat sichtbar und hörbar immensen Spaß an der Partie und fügt immer wieder improvisierte Koloraturen mit einer Leichtigkeit und Leuchtkraft ein, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Selbst in der Finalszene wird noch mal ein Feuerwerk an Fioraturen und Spitzentönen abgeschossen. Ovationen und lautstarke Bravos für eine wirklich prächtige Leistung. Nur brauchen sich die restlichen Teile des Ensembles auch nicht verstecken. Allen voran Martin Šrejma als weitere angenehme Überraschung als Graf Almaviva – ein bei den Koloraturen sehr sicherer, in der Höhe ausgesprochen weicher, dennoch durchschlagender Rossini-Tenor.

Einzig einen Tick abfallend der Figaro von Jiøi Bruckler, dessen Bariton beim - tralalera - tralala - „Largo al Factotum“ mitunter etwas raukehlig und gepresst wirkt. Norbert Baxa am Dirigentenpult versuchte glücklicherweise nicht, eine künstliche „Italianita“ aus dem Orchestergraben zu produzieren, was bei einem tschechischen Ensemble auch schlecht vorstellbar wäre. Er dirigierte auf einer gedachten Linie zwischen Mozart und Dvorak. Sein und des Orchesters Verdienst, dass die längst zu Tode gerittenen Ouvertüren-Gassenhauer überhaupt noch vergnüglich und mit guter Intonation bei Blech- und Holzbläsern herüber kamen.

Der Gesamteindruck bleibt nachhaltig. Das Ensemble der Kammeroper Prag hat eine exzellente Visitenkarte in Schweinfurt hinterlassen.

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