Mellrichstadt

Deutsche Helden sterben langsam

Die Nibelungen: Mit dem Hebbelschen Monumentalwerk begann die neue Spielzeit am Meininger Theater. Im Bild (von links) Meret Engelhardt (Krimhild), Phillip Henry Brehl (Siegfried) und Evelyn Fuchs (Brunhild).
Foto: Foto Es | Die Nibelungen: Mit dem Hebbelschen Monumentalwerk begann die neue Spielzeit am Meininger Theater. Im Bild (von links) Meret Engelhardt (Krimhild), Phillip Henry Brehl (Siegfried) und Evelyn Fuchs (Brunhild).

Und das sollen unsere Vorfahren gewesen sein? Als Kind habe ich mir den Drachentöter und seine Kriemhild immer ganz anders vorgestellt. Kein Wunder, wenn man Siegfried heißt, in der Nibelungenstraße aufwächst und außerdem im Schatten Bayreuths lebt. Und jetzt, bei der Meininger Inszenierung von Hebbels Trauerspiel „Die Nibelungen“, der ernüchternde Blick auf die Helden von einst, wie sie vor Ruinen stehen, im eigenen Blut waten, und noch immer nichts kapieren.

Das sollen also unsere Vorfahren gewesen sein? Da haben sich die Mythologen der vergangenen Jahrhunderte ja ein schönes Bild der Urgründe deutschen Wesens zusammengereimt, auf dass Reichsmarschall Göring das kollektive Sterben deutscher Recken vor Stalingrad mit dem Gemetzel an König Etzels Hof vergleichen konnte und sich das Bild des sich für sein Germanentum opfernden Soldaten ins deutsche Gemüt einbrannte. – Fragen wie diese tauchen unweigerlich zuerst auf, wenn man die burgundischen Helden in Lars Wernickes Inszenierung reden, posieren, kämpfen und sterben sieht.

Mit dem von Dramaturg Patric Seibert von neun auf vier Stunden gekürzten Hebbelschen Monumentalwerk beginnt die neue Spielzeit am Meininger Theater. Und am Ende, wenn alles in Schutt und Asche liegt, was schon am Anfang nicht heil war, kann man, fast erleichtert, ausrufen: „Was für ein Spektakel!“

In der Tat fühlt man sich bei dieser Sicht auf die Nibelungen irgendwo im abstrakten Raum zwischen Hollywood-Endzeitthriller, Martial-Arts-Comic, Deutscher Heldensage und dem Kampf um Stalingrad. Man wähnt sich in einem Raum, in dem viel geredet, gelogen, betrogen, gehasst, veruntreut, geliebt, besessen und verloren, geheuchelt und gemeuchelt wird, und sich die Motive der Menschen auf niedere Triebe, obskuren Heldenmut und Sekundärtugenden, wie Pflichterfüllung und Gefolgschaftstreue, zu beschränken scheinen. Differenzierte Charaktere mit filigranen Gut-Böse-Schattierungen hat Hebbel nicht ins Werk gesetzt.

Was macht ein fantasiebegabtes und experimentierfreudiges Regieteam wie Wernicke, Seibert und Ausstatter Helge Ullmann mit so einem bedenkwürdigen Stoff, wenn es dem Publikum nicht gerade eine stolze Lehrstunde in deutschem Nationalcharakter erteilen will? Man hält sich an die Chronologie der Ereignisse, lässt in Hebbelscher Sprache parlieren, setzt das Ganze in atemberaubende endzeitliche Kulissen – das Gerüstgerippe einer Ruinenlandschaft –, lässt im mitreißenden Rhythmus Trommeln schlagen, Becken dröhnen und Bleche schütteln, kleidet die Figuren in martialische Uniformen zwischen Punk-, Rocker-, Skinhead- und Gruftilook, mit prächtigen runenähnlichen Tätowierungen auf allen verfügbaren freien Flächen. Und schließlich lässt man die Kämpfer, samt der furchterregend unbeugsamen Brunhild und ihrer Amme Frigga aus Isenland, aufeinander los, mit ihren Tugenden und Untugenden aus der germanischen Ursuppe.

Heraus kommt ein gewaltiges Endzeitspektakel, innen Friedrich Hebbel, außen Quentin Tarantino.

Obwohl germanische Helden gemeinhin furchtbar langsam sterben, verhält sich das Publikum tatsächlich vier Stunden lang nibelungentreu. Natürlich auch wegen der Schauspieler, die sich bewundernswert ins Zeug legen, um ihren Figuren das nötige Profil zu geben: Etwa Phillip Henry Brehl als junger Springinsfeld Siegfried, Sven Zinkan als ängstlicher König Gunther, dessen Hin- und Hergerissensein den Zuschauern spürbar nahe kommt, Hannes Sell als sich fügender Giselher. Björn Boresch als Hagen Tronje, ein furchteinflößender Totenkopf mit unberechenbarem Gewaltpozenzial, mit dessen Ausbruch man jederzeit rechnen kann. Kaum wiederzuerkennen: Renatus Scheibe als angepasster Spielmann Volker.

Und dann die Frauen: Die einzige, die so etwas wie Mäßigung ausstrahlt, aber in dieser Welt damit keine Chance hat, ist Ulrike Walther als Ute, Gunthers Mutter. Meret Engelhardt mimt als Kriemhild die Entwicklung vom liebenden Prinzesschen zum gnadenlosen Racheengel, dass einem Hören und Sehen vergeht. Und angesichts von Evelyn Fuchs und Anja Lenßen als Brunhild und Frigga, das Wilde-Weiber-Gespann aus Isenland, bekommen nicht nur unschuldige Männer Gänsehaut.

Trotz der fantastischen visuellen Spielereien mit dem Stoff: So richtig klar wird einem Zuschauer, der als Jung-Siegfried aufwuchs, nicht, ob hier ein Mythos zerstört wird, ob man ihn dokumentieren will oder ob man mit ihm jongliert.

Bei diesem langen Weg zum Untergang gibt es so gut wie nichts zu lachen. Wenn vom Regieteam etwas ironisch gebrochen wird, dann sind es Äußerlichkeiten und keine Charakterzüge. Selbst eine der wenigen Stellen, an denen ein kurzes Zuschauergelächter zu hören ist – nach Siegfrieds Tod –, stammt nicht vom Regieteam, sondern von Hebbel. „Ich bin hin, doch noch nicht ganz!“

Zweifellos ist diese Inszenierung ein großes Spektakel, mit Nervenkitzel, Schauder und der Bestätigung der Erkenntnis: „Nicht wie unsere Urväter!“ Doch wie sich bei wiederholtem Konsum von Endzeitthrillern in Film und Buch sehr schnell ein Gefühl der Übersättigung einstellt, könnte man auch hier vermuten: „Im Schlechten nichts Neues.“

Nächste Vorstellungen: 23. September, 15. und 30. Oktober, jeweils 19.30 Uhr. Karten: Tel. (0 36 93) 45 12 22. www.das-meininger-theater.de

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