Gerolzhofen

Die Bahn von gestern und die von morgen

Kann die Bahn auch in einer ländlichen Region eine Alternative zum Auto sein? Das Interesse an der Diskussion darüber war groß. Für und Wider wurden sachlich diskutiert.
Moderator Holger Laschka (vorne) vor dem Podium bei der Veranstaltung „Steigerwaldbahn: Die Schiene hat Zukunft“ mit (von links) dem grünen Stadt- und Kreisrat Thomas Vizl, Verkehrsgutachter Konrad Schliephake, Verkehrsplaner Robert Wittek-Brix, Grünen-Landtagsabgeordneten Paul Knoblach und der Grünen-Bundestagsabgeordneter Manuela Rottmann.
Foto: Norbert Finster | Moderator Holger Laschka (vorne) vor dem Podium bei der Veranstaltung „Steigerwaldbahn: Die Schiene hat Zukunft“ mit (von links) dem grünen Stadt- und Kreisrat Thomas Vizl, Verkehrsgutachter Konrad Schliephake, ...

Anfangs war eine Eskalation zu befürchten. Schon bei den Eingangsreferaten der grünen Abgeordneten Manuela Rottmann (Bundestag ) und Paul Knoblach (Landtag) kamen teils rüpelhafte Zwischenrufe aus dem Publikum, offensichtlich von Gegnern einer Reaktivierung der Steigerwaldbahn. Doch in der Diskussion ging es dann weitestgehend gesittet zu. Gegner und Befürworter der Reaktivierung tauschten sachlich und fair ihre Argumente aus. Verantwortlich dafür war wohl die souveräne Moderation von Holger Laschka, in erster Linie aber der Vortrag von Verkehrsingenieur Robert Wittel-Brix über eine kombinierte Vollbahn und Straßenbahn zwischen Schweinfurt und Kitzingen.

Fast 200 Menschen aus fast allen Gemeinden längs der Bahnstrecke waren auf Einladung der grünen Abgeordneten zu der Informationsveranstaltung "Steigerwaldbahn: Die Schiene hat Zukunft" ins Pfarrer-Hersam-Haus in Gerolzhofen gekommen. An den Beifallsbekundungen war eine deutliche Mehrheit der Bahnbefürworter zu erkennen, was aber im Hinblick auf den Veranstalter nicht verwunderlich ist.

Das Thema Bahn sei in der Bevölkerung von großem Interesse, sagte  Paul Knoblach in seinem Eingangsstatement. Es sei kein lokales Thema, sondern Teil der "dingend notwendigen Mobilitätswende". Unumstritten sei, dass die momentan genutzte Verkehrsmittel Hauptauslöser der Klimaerwärmung sind. Dass der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) ausgebaut werden müsse, darüber seien sich alle einig, nur nicht wo und wie.

Kein lokales Thema

Manulea Rottmann sagte, die Verkehrsemissionen seien seit 1990 etwa gleichgeblieben. Im Bundeshaushalt seien die Mittel für die Bahn rückläufig, die für den Straßenbau steigen dagegen an. Das werde sich aber ändern. Deshalb riet Rottmann der Region, fertige Pläne für den ÖPNV-Ausbau vorzubereiten, "sonst werden wir bei der Vergabe von Mitteln abgehängt."

Gutachter Konrad Schliephake, Diplom-Geograf und Geologe von der Universität Würzburg, verwahrte sich gegen die Aussage von Innenstaatssekretär Gerhard Eck, seine Arbeit sei ein Gefälligkeitsgutachten für die Grünen (Anmerkung: Nicht die Grünen haben den Auftrag für das Gutachten gegeben, sondern der Förderverein Steigerwaldexpress). Er habe auch schon viele von der CSU in Auftrag gegebene Gutachten erstellt und arbeite wissenschaftlich. Seine Prognose für die Mainschleifenbahn habe fast genau mit Gutachten der Bayerischen Eisenbahngesellschaft übereingestimmt. Schliephake erklärte noch einmal seine Vorgehensweise. Sie beruht auf Messzahlen im Öffentlichen Personennahverkehr, die das Bundesverkehrsministerium bereitstellt.  Hier geht es um die Aufteilung der Nachfrage auf die Verkehrsträger, insbesondere im motorisierten Individualverkehr und im öffentlichen Verkehr.

Neubaugebiete an der Schiene

Falls die Steigerwaldbahn wiederkommen sollte, werden die Haltestellen nicht an den gleichen Orten wie bisher sein. Gegen das Argument, die Bahn würde Wohngebiete zerschneiden und Anwohner belästigen, sagte Schliephake, er kenne Gemeinden, wo Neubaugebiete absichtlich nahe an der Strecke ausgewiesen werden, weil Bürger das wegen der kurzen Wege zur Haltestelle dies so wünschen.

Robert Wittek-Brix (Heidelberg) schließlich entwickelte seine Visionen von einer  Bahnlinie, die bis auf die Trasse mit herkömmlichem Bahnbetrieb nicht mehr viel zu tun hat. Dem Staatsekretär Gerhard Eck, der alle CSU-Mitglieder in der Region für die Veranstaltung mit einem Argumentationsleitfaden gegen die Bahn ausgestattet hatte, gab der Verkehrsplaner in allen Punkten Recht. Eck habe eine gelungene Zustandsbeschreibung einer Eisenbahn von gestern mit unflexiblen Vollzügen geliefert. Die wolle aber niemand. Sonderbar sei, dass der Staatssekretär an anderen Stellen in Bayern für die Bahn werbe, zum Beispiel bei der so genannten Granitbahn von Passau nach Hauzenberg. Auch andernorts stehe die CSU hinter Bahnprojekten, wie in Regensburg. 

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