Schweinfurt

"Die Erinnerungen sind für mich immer noch sehr belastend"

Im Zweiten Weltkrieg wurde auch Schweinfurt schwer zerstört. Im Bild sind Aufräumarbeiten am Marktplatz mit Rathaus zu sehen.
Im Zweiten Weltkrieg wurde auch Schweinfurt schwer zerstört. Im Bild sind Aufräumarbeiten am Marktplatz mit Rathaus zu sehen. Foto: Schweinfurtführer

"Ich habe ein fotografisches Gedächtnis – das ist ein Vorteil und ein Nachteil" – so antwortete Agnes Sütterlin (94) aus Schweinfurt auf die Anfrage der Main-Post, ob sie über ihre Erlebnisse im und nach dem Zweiten Weltkrieg berichten wolle. "Ich möchte nicht so tief eintauchen in die damalige Zeit  - sonst kommen die alten, schlimmen Erinnerungen wieder hoch - und das ist für mich immer noch sehr belastend, gerade jetzt, wo ich sehr zurückgezogen leben muss, und wenig Austausch mit anderen habe", erklärt sie. Agnes Sütterlin ist nicht der richtige Name der 94-Jährigen, sie möchte ihren bürgerlichen Namen, der der Redaktion bekannt ist, nicht in der Zeitung lesen.

Im Verlauf des Gesprächs blitzen bei Agnes Sütterlin immer wieder Erinnerungen auf – und die damaligen Schrecken werden wieder lebendig – Schlaglichter auf die schlimmen Erlebnisse, Ängste und Sorgen.

Sütterlin stammt ihren Schilderungen nach aus einer Familie, die dem Nazi-Regime ablehnend gegenüberstand. "Das haben meine Eltern uns Kindern gegenüber nie ausgesprochen – aber es war spürbar. Sie wollten sich und auch uns schützen, denn wenn man als Kind unbedacht ausplauderte, was die Eltern im Familienkreis sagten, konnte das tragische Folgen haben. Als ich älter war, habe ich mitbekommen, dass meine Eltern ,Feindsender' hörten – also englische oder französische Nachrichten. So waren sie informiert über die tatsächliche Situation im Krieg, die von den nationalsozialistischen Sendern und auch Zeitungen beschönigt und vertuscht wurden. "

Hilfspflegerin im Lager der Kinderland-Verschickung

Eine weitere Szene, an die sich Sütterlin erinnert: "Wir waren aus Schweinfurt mit der Kinderland-Verschickung in einem Lager außerhalb von Schweinfurt untergebracht. Unsere Schule, das Mädchen-Lyceum, war zerstört, und die Bedrohung durch die immer häufigeren Bombenangriffe der amerikanischen Luftwaffe nahm immer mehr zu. Ich gehörte dem BDM (Bund Deutscher Mädchen) an - zwangsweise. Jeden Morgen mussten alle antreten, die Flagge mit dem Hakenkreuz wurde gehisst. Die politische Leiterin des Heimes, die es neben dem Heimleiter gab, verkündete bei diesem Fahnenappell Nazi-Parolen – furchtbar. Aber man durfte noch nicht einmal denken, dass das Blödsinn war – es hätte schlimme Folgen gehabt, wenn einem da ein kritisches Wort rausgerutscht wäre", beschreibt Sütterlin die damalige Situation.

"Ich konnte mich vor diesem Fahnenappell drücken, weil ich in dieser Zeit als Hilfspflegerin im Krankenzimmer des Lagers beschäftigt war. Wir hatten auch kranke Kinder im Lager, die habe ich in dieser Zeit versorgt: Fiebermessen, Betten herrichten, auch ein tröstendes Wort sprechen", erzählt sie. "Gott sei Dank konnte ich eine Ausbildung als Hilfs-Krankenschwester machen, um auch im Lazarett als Aushilfe eingesetzt zu werden. Ich musste Dienst tun in einem Krankenhaus in Schweinfurt."

Lebensentwürfe wurden brutal durchkreuzt

Da lagen die jungen Männer, schwer verwundet. Es war laut Sütterlin sehr belastend mitzuerleben, welch schweres Schicksal diese jungen Männer erleiden mussten. Ihnen wurden Beine und Arme amputiert und viele konnten nicht mehr gerettet werden, sie starben einsam und allein, erinnert sich die 94-Jährige. Lebensentwürfe scheiterten, Pläne, die man für sein Leben gemacht hatte, wurden durch die Verletzungen brutal durchkreuzt. Darüber hinaus quälte die jungen Soldaten die Ungewissheit, über die Situation ihrer Eltern und Geschwister. All das sei nur schwer zu ertragen gewesen.

Selbst wenn die Angehörigen erreicht werden konnten, waren Besuche aufgrund der großen Entfernungen und aufgrund der Kriegswirren, in denen der Verkehr häufig zum Erliegen kam, nicht möglich. Wenn sie aus Großstädten wie Hamburg oder Berlin kamen, waren sie nicht erreichbar, weil ihre Häuser ausgebombt waren, und sie irgendwo notdürftige Unterkunft erhalten hatten.

Die Binden, mit denen die Verletzten versorgt wurden, waren aus Stoff, oft mit Blut getränkt, wie Sütterlin es beschreibt. Sie wurden mehrfach verwendet, mussten immer wieder gewaschen und gebügelt werden – von Hand. 

Vom Kriegseinsatz verschont

Sütterlin erzählt weiter: "Es war doppeltes Glück, dass ich diese Ausbildung als Hilfs-Krankenschwester machen konnte. Ich konnte mich so vor dem Fahnenappell drücken, und ich musste nicht in den Kriegseinsatz. Manche meiner Kameradinnen mussten – nach einer kurzen Ausbildung - Flak-Geschütze bedienen – bei Augsfeld (Landkreis Haßberge, Anm. d. Red.) war eine Flak-Stellung." Es sei Glück gewesen, dass ihr Vorgesetzter ihnen den Tipp gab: "Seht zu, dass ihr Zivilkleidung dabei habt und ein Fahrrad" - diese Haltung des Vorgesetzten rettete ihnen vielleicht das Leben, wie Agnes Sütterlin erklärt, denn als die Amerikaner näher rückten, mussten sie keinen Widerstand leisten.

Sie erzählt auch vom Schicksal ihres Bruders. "Mein Bruder wurde mit 16 Jahren von der Schulbank weg zum Volkssturm eingezogen. Er war am Westwall eingesetzt. Dort wurden sie schon von Tieffliegern beschossen. Sie sollten auf die herannahenden Panzer schießen, er schoss aber auf einen schon ausgebrannten Lastwagen und ging mit erhobenen Händen auf die Soldaten zu." So hat es ihr ihr Bruder erzählt, nachdem er nach Kriegsende aus der Gefangenschaft entlassen worden und in die Heimat zurückgekehrt war.

Der Bruder wurde aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen

Sütterlins Bruder geriet gegen Ende des Krieges in französische Kriegsgefangenschaft, dann haben die Amerikaner die Jugendlichen in einem Lager zusammengezogen, ein sogenanntes Baby-Cache. Dort wurden sie "auf demokratisch umerzogen", schildert Sütterlin. Die Verpflegung sei, im Gegensatz zum französischen Gefangenenlager, bei den Amerikanern besser gewesen. Aber lange wusste Agnes Sütterlin überhaupt nicht, wie es um das Schicksal ihres Bruders bestellt ist: "Wir haben sehnlichst auf Nachricht von ihm gewartet, weil wir die ganze Zeit nichts von ihm wussten."

Sie erzählt weiter: "Eines Tages bin ich meinem Bruder zufällig auf der Mainberger Straße begegnet. Er war aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen worden, der Zug fuhr bis Bamberg und er lief mit seinen Kameraden, die auch aus Schweinfurt kamen, in drei Tagen von Bamberg bis Schweinfurt. Sie können sich vorstellen, wie froh wir alle waren, dass wir ihn wohlbehalten in die Arme schließen konnten."

Schwager wurde für tot erklärt

Vom Schicksal ihres späteren Mannes und dessen Bruder erzählt Agnes Sütterlin ebenfalls. "Mein späterer Mann sollte eine Ausbildung als Kampfflugzeug-Pilot machen. Während der Ausbildung, bei einem Appell, fiel er plötzlich ohnmächtig zu Boden. Die Diagnose: Flecktyphus. Viele aus seiner Einheit starben an dieser Krankheit, er lag drei Wochen im Koma. Diese Krankheit rettete ihm wahrscheinlich das Leben, denn er musste die Ausbildung nicht mehr weitermachen."

Sütterlin: "Der Bruder meines Mannes war in Russland eingesetzt. Seine Eltern haben nach dem Krieg umfangreiche Nachforschungen angestellt, um herauszufinden, wie es ihm ergangen ist. Wir haben gerüchteweise gehört, dass er in Gefangenschaft geraten ist. Es ist aber auch möglich, dass er auf dem Weg in die Gefangenschaft gestorben ist oder erschossen wurde", beschreibt es Sütterlin. "Diese Ungewissheit hat meinen Mann und auch unsere Familie sehr belastet. Weil Erbangelegenheiten nicht geregelt werden können, wenn Ungewissheit herrscht, ob jemand noch lebt oder schon gestorben ist, mussten ihn seine Eltern schweren Herzens für tot erklären lassen."

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde nach der ersten Online-Veröffentlichung noch einmal überarbeitet, der Name "Agnes Sütterlin" nachträglich anstelle von "Frau B." eingesetzt. Dies geschah in Absprache mit dem Autor und der Zeitzeugin, die ihren vollen Namen nicht preisgeben möchte (siehe dazu Einleitung des Artikels). In einer früheren Version war zudem zu lesen, dass Sütterlin in Gernach in der Gemeinde Kolitzheim lebt. Das ist nicht korrekt, sie lebt in Schweinfurt.

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