Gerolzhofen

Die Nykonchuks sollen abgeschoben werden

Von Abschiebung bedroht: Lena und Sergej Nykonchuk mit ihren Töchtern Albina und Ella aus der Ukraine. Seit fünf Monaten lebt die Familie in Untersteinbach. Gegen die Abschiebung wehrt sich der örtliche Flüchtlingshelferkreis nun mit einer Online-Petition.
Foto: Flüchtlingshelferkreis | Von Abschiebung bedroht: Lena und Sergej Nykonchuk mit ihren Töchtern Albina und Ella aus der Ukraine. Seit fünf Monaten lebt die Familie in Untersteinbach.

Seit fünf Monaten hat die vierköpfige Familie Nykonchuk aus dem Kriegsgebiet Donezk in der Ukraine eine neue Heimat in Untersteinbach gefunden und dort im Steigerwald schon richtig Fuß gefasst. Doch nun sollen Lena und Sergej Nykonchuk mit ihren zwei Töchtern Albina (16) und Ella (14) abgeschoben werden. Dagegen wehrt sich der Freundeskreis, der sich ehrenamtlich um die Integration der Asylbewerber in der Gemeinde Rauhenebrach bemüht.

Um die Nykonchuks kümmert sich insbesondere Lena Schuster. Sie hat in Gaibach ihr Abitur gemacht und ist ehrenamtliche Deutschlehrerin und Patin der Familie. Bedingt durch ein Auslandssemester in der sibirischen Stadt Tomsk im Rahmen ihres Europastudiums und ein anschließendes dreimonatiges, soziales Praktikum in Odessa spricht die Studentin fließend russisch. Sie hat jetzt eine Online-Petition auf der Seite change.org/zukunft-in-frieden im Internet gestartet.

Die Erfahrungen mit den menschlichen Schicksalen vor Ort motivierten Lena Schuster, sich in ihrer Heimat für Asylbewerber einzusetzen. Nicht zuletzt durch ihre Initiative waren Flüchtlingsfamilien aus der Ostukraine in ihren Heimatort vermittelt worden, wo sich die 23-Jährige ihrer annimmt.

Darunter befinden sich die Nykonchuks. In Donezk arbeitete Lena Nykonchuk als Webdesignerin in einer Werbeagentur, Vater Sergej als eine Art Allround-Handwerker. Als schließlich im Jahr 2014 täglich Bomben in der Umgebung detonierten, entschloss sich die Familie zur Flucht, um sich ein neues Leben in Sicherheit aufzubauen.

Das war ihnen bisher sehr gut gelungen. Vater Sergej war zunächst im Bauhof der Gemeinde eingesetzt worden, bevor er einen festen und geregelten Arbeitsplatz bei einer Baufirma gefunden hatte. Mutter Lena brachte ihre Qualifikation als Web-Designerin in Deutschland ein.

Tochter Albina wurde nach drei Monaten in die Berufsschule eingegliedert. Sie ist Klassenbeste. Ihre Schwester Ella ist die einzige Asylsuchende in ihrer Klasse und wurde dort zur Klassensprecherin gewählt.

Sowohl die Eltern, als auch die Kinder haben sich hier einen festen Freundeskreis aufgebaut, haben riesige Fortschritte in der deutschen Sprache durch den zweimal pro Woche stattfindenden ehrenamtlichen Deutsch-Unterricht durch Friedrich Klasu (Koppenwind) und Lena Schuster gemacht und sind inzwischen ein Teil der Gemeinde geworden, ist vom Untersteinbacher Flüchtlings-Freundeskreis zu hören.

So bestätigt auch Rauhenebrachs Bürgermeister Matthias Bäuerlein gegenüber dieser Zeitung, dass sich die Familie Nykonchuk nach fünf Monaten bereits bestens in der Gemeinde integriert habe. Doch jetzt hat die Familie den Abschiebebescheid des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) aus Nürnberg nach der sogenannten Dublin-Regelung in Händen. Daraus geht hervor, dass sich Spanien ihres Asylverfahrens annehmen werde. Der Hintergrund: Obwohl die Familie auf direktem Wege nach Deutschland kam und dort ihre Fingerabdrücke abgegeben hat, hatten sich die Nykonchuks noch in der Ukraine für ein Visum entscheiden müssen, wie sie betonen. Dort hätten sie nur die Wahl zwischen einem spanischen und einem griechischen Visum gehabt. Die Eltern entschieden sich daraufhin für Spanien, flogen aber direkt nach Deutschland, wo sich ihre beiden Kinder zu diesem Zeitpunkt auf Schüleraustausch befanden.

Nach Auskunft der Sprecherin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, Edith Avram, werde für den Fall zusammen mit der Entscheidung über den Asylantrag eine Ausreiseaufforderung erlassen, „dass der Asylbewerber nicht als Asylberechtigter oder Flüchtling anerkannt wird, ihm weder unterstützender Schutz gewährt noch für ihn ein Abschiebungsverbot festgestellt wird und er auch aus keinem anderen Grund einen Aufenthaltstitel besitzt“. Damit verbunden sei der Hinweis, dass der Betroffene auch ohne seine Einwilligung in sein Heimatland zurückgeführt werden könne.

Die Familie aus Untersteinbach hat bereits erklärt, dass sie im Falle ihrer Abschiebung lieber den riskanten Weg über Russland zurück nach Donezk nehmen werde. In einem Land mit einer extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit wie Spanien sieht die Familie nach ihrer Aussage keine Perspektive.

In der Ukraine würde die Mutter zwar wieder ihre Arbeit von zuhause als Webdesignerin aufnehmen können, jedoch sei das Leben in Donezk wegen der kriegerischen Auseinandersetzungen unvermindert gefährlich, so Lena Schuster.

Von Verwandten, die dort noch ausharren, wisse die Familie, dass Stromausfall zum Alltag gehöre und das Bankensystem komplett zusammengebrochen sei. Da die Bomben oft Wasserleitungen beschädigten, sei fließendes Wasser zum kostbaren Gut geworden. Aus Angst vor Bombeneinschlägen gingen die Schüler der Stadt außerdem schon lange nicht mehr zur Schule.

Deshalb will die Familie nach der Rückkehr in die Ukraine so schnell wie möglich wieder nach Deutschland zurückkommen, und zwar mithilfe eines Arbeitsvisums für Sergej Nykonchuk, um dadurch den Migranten-Status zu erlangen. Sein deutscher Chef habe die Stelle noch nicht neu besetzen können. Aber auch ein vorübergehendes Kirchenasyl wäre eine Alternative, so Lena Schuster.

In der Gemeinde Rauhenebrach leben derzeit übrigens insgesamt 27 Asylbewerber. 19 aus Syrien, acht aus der Ukraine.

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