Zeilitzheim

Dr. Valentin Müller: der Retter von Assisi

Dr. Valentin Müller, gebürtig aus Zeilitzheim, rettete im Jahr 1944 die Stadt Assisi vor der Zerstörung. Das Bild stammt aus der Chronik der Gemeinde Kolitzheim.
Dr. Valentin Müller, gebürtig aus Zeilitzheim, rettete im Jahr 1944 die Stadt Assisi vor der Zerstörung. Das Bild stammt aus der Chronik der Gemeinde Kolitzheim. Foto: Repro Erhard Scholl

Assisi – ein Ort der Nächstenliebe – diesen Ruf genoss die Stadt, in der der Heilige Franziskus (1181 – 3. Oktober 1226) geboren wurde. Diesem Ruf wurde die Stadt auch im Zweiten Weltkrieg gerecht: der Bischof Giuseppe Placido Nicolini und der Franziskaner Rufino Niccacci sorgten mit Unterstützung von Bürgern der Stadt dafür, dass etwa 300 Juden in den Klöstern der Stadt versteckt wurden.

Im Konvent von San Damiano trugen sie Franziskanerkutten, so waren sie vor der Verfolgung geschützt. Viele wurden auch in den Nonnenklausuren versteckt – die Klausur darf normalerweise von niemandem betreten werden, der nicht Mitglied der Klostergemeinschaft ist. Ein Druckereiunternehmer und sein Sohn fertigten mindestens 300 gefälschte Pässe an. Der berühmte Radfahrer Gino Bartali, zweimaliger Sieger des Giro d'Italia und Sieger der Tour de France 1938 und 1948, transportierte die Pässe, versteckt in seinem Sattelrohr oder im Lenker.

Bischof versteckte Dokumente der Juden

Lange schöpfte niemand Verdacht, denn als Spitzensportler musste er sich natürlich fit halten. Bischof Nicolini verstecke "jüdische Gegenstände" ihrer Eltern und ihre echten jüdischen Pässe hinter einem Marienbild in seiner Privatwohnung. Das "Museo de la Memoria", (Museum der Erinnerung) in Assisi, das 2011 eröffnet wurde und die Geschichte des geheime Netzwerk des Widerstandes in Assisi dokumentiert, berichtet, dass der Bischof auch Dokumente von Juden in privaten Kellerräumen versteckt habe, die er selbst zugemauert hat.

Das war die Situation der Stadt Assisi während des Krieges. Dr. Valentin Müller, am 15. August 1891 in Zeilitzheim geboren, Arzt, wurde aus seiner Allgemeinarztpraxis 1939 eingezogen. Zunächst in Lourdes stationiert, baute er eine Sanitätstransportabteilung auf und wurde denn als Chef dieser Abteilung an die neue Front nach Italien versetzt: Nachdem Benito Mussolini im Juli 1943 abgesetzt worden war, die neue italienische Regierung im September 1943 einen Waffenstillstand mit den Aliierten geschlossen hatten, besetzten die deutschen Truppen Nord- und Mittelitalien.

Im gleichen Jahr wurde Dr. Valentin Müller zum Oberst befördert und zum Stadtkommandanten von Assisi ernannt. Im Bericht über Dr. Valentin Müller in der Ortschronik der Gemeinde Kolitzheim ist zu lesen: "Dr. Müller schaffte und sorgte für Ordnung, er schlichtete Streitfälle und Übergriffe, erstattete Beschlagnahmtes zurück, hatte beste Beziehungen zu Obrigkeit und Volk. Er besuchte regelmäßig im Kloster die hl. Messe und wurde ein Freund der Franziskaner."

Dr. Müller verhinderte die Beschlagnahmung der Gebäude

In einem weiteren Bericht über Dr. Valentin Müller  (Der Retter von Assisi: "Colonello Müller" aus Zeilitzheim in: Hans Kufner (Hrsg.): Uns rufet die Stunde. Unterfrankens Katholiken im Widerstand, Würzburg 2005) wird berichtet: "Er verhinderte zusammen mit dem Bischof Nicolini und anderen geistlichen und weltlichen Amtsträgern eine Beschlagnahme weiterer Gebäude durch die Wehrmacht und belegte systematisch große Gebäudekomplexe mit Verwundeten. Durch Vermittlung des Vatikans gelang es im Mai 1944, die Stadt als Lazarettstadt zu deklarieren". Das bedeutete, dass es innerhalb der Stadttore keine einsatzbereiten Soldaten geben durfte. War diese Bedingung erfüllt, wurde die Stadt von Kriegshandlungen verschont, sie war vor Bombardierungen geschützt.

Die Verwundeten wurden aufgrund der im Jahr 1944 immer näher rückenden Front der Aliierten evakuiert. Da gab es noch einmal eine kritische Situation für die Stadt Assisi: Eine SS-Einheit kam auf ihrem Rückzug vor die Stadt. Sie wollte sich in Assisi verschanzen. Die deutsche Gegenwehr hätte wohl die Bombardierung der Stadt zur Folge gehabt. Der Stadtkommandant Dr. Müller wehrte sich energisch gegen diesen Plan, und schließlich zogen die Soldaten ab.

Valentin Müller verließ als letzter Deutscher Assisi

Er übergab die noch verbliebenen Medikamente, Decken, und nicht mehr benötigte Sanitätsausrüstung an den Bischof und verließ, vor dem Eintreffen der Aliierten, als letzter Deutscher Assisi. Durch seinen Einsatz wurde die Zerstörung der Stadt verhindert, viele Menschenleben gerettet und Kulturgüter für unsere Zeit erhalten, die sonst unwiederbringlich verloren gewesen wären.

Im Jahr 1950, wenige Monate vor seinem Tod besuchte Dr. Müller Assisi noch einmal. Er wurde von der Bevölkerung herzlich empfangen und überschwenglich gefeiert. Ein Denkmal in Assisi an einer viel befahrenen Straßenkreuzung erinnert an den Retter der Stadt, Colonello Müller.

In Zeilitzheim wurde ein Gedenkstein errichtet und eine Straße nach ihm benannt – in Erinnerung an einen großen Sohn der Gemeinde Zeilitzheim.

In Gernach wurde im Jahr 1995 der damalige Kindergarten nach dem Heiligen Franz von Assisi benannt. Bürgermeister Erich Henkelmann hob in seiner Ansprache die Verbindung der Gemeinde Kolitzheim nach Assisi hervor, und würdigte die Rettungstat von Dr. Valentin Müller. Durch Spenden konnte eine Statue des Heiligen Franziskus im Kindergarten errichtet werden, die Weihbischof Helmut Bauer feierlich segnete.

Erinnerung an die Verbindung zu Assisi

Franziskus steht für einen menschlichen und herzlichen Umgang untereinander, aber auch für die Dankbarkeit und Freude an der Schöpfung. Sein Sonnengesang ist ein auch heute noch aktueller Ausdruck dieser Freude an der Schöpfung. 

In der Nachfolge des St. Franziskus-Kindergartens wurde das Gebäude, in dem der Kindergarten bis vor gut zehn Jahren untergebracht war, "Haus Franziskus" genannt. Auch Bürgermeister Horst Herbert erinnerte in seiner Ansprache anlässlich der Namensgebung im Oktober vergangenen Jahres an die Verbindung der Gemeinde nach Assisi. So kann uns der Heilige Franz von Assisi ständiger Mahner sein, achtsam miteinander und mit der Schöpfung umzugehen.

Die Erinnerung an Dr. Valentin Müller als Retter der Stadt des Heiligen Franziskus kann uns ermutigen, mit Besonnenheit und Mut mit dafür zu sorgen, dass nationalistische, fremdenfeindliche und geschichtsvergessene Bestrebungen in unserem Land nicht die Oberhand gewinnen.

Dr. Valentin Müller

Dr. Valentin Müller wurde am 15. August 1891 in Zeilitzheim geboren. Auf Veranlassung eines geistlichen Onkels besuchte er ab 1904 das Bischöfliche Knabenseminar Kilianeum in Würzburg und das Neue Gymnasium.
1911 begann er in Würzburg das Medizinstudium, das er unterbrechen musste, weil er im ersten Weltkrieg eingezogen wurde. Er war Feldunterarzt, wurde mit der Bayerischen Tapferkeitsmedaille in Silber ausgezeichnet, geriet kurz in englische Kriegsgefangenschaft, aus der er durch einen Austausch bald befreit wurde. 1919 schloss er sein Studium ab.
Er arbeitete als praktischer Arzt, 1939 wurde er eingezogen, nach Einsätzen als Militärarzt in Polen, Frankreich und Rußland nach Lourdes versetzt, 1943 wurde er Stadtkommandant von Assisi.
Nachdem er Assisi verlassen hatte, geriet er noch 1944 in amerikanische Kriegsgefangenschaft und arbeitete danach wieder in seiner Allgemeinarztpraxis.
Quelle: es

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