Bergrheinfeld

Ein Pionier am Steuer

Alfred Eusemann am Steuer seines Autos. Am Lenkrad ist der Knauf für den verkürzten rechten Arm montiert.
Foto: Horst Fröhling | Alfred Eusemann am Steuer seines Autos. Am Lenkrad ist der Knauf für den verkürzten rechten Arm montiert.

Im Jahr 1970 wollte der damals 30-jährige Alfred Eusemann den Pkw-Führerschein machen, um als junger Familienvater mit Frau und zwei Kindern mobiler zu sein. Deshalb hat er bei einer örtlichen Fahrschule vorgesprochen, um zu wissen, wie das abläuft und was er zu beachten hat. Nichts Ungewöhnliches? Für Alfred Eusemann schon.

Der Bergrheinfelder ist zu 100 Prozent schwerbehindert. Von Geburt an fehlen ihm beide Unterarme. An beiden Seiten ist der Ellenbogen fühlbar, aber versteift. Rechts hat er ein schmales Gelenk mit einer verstümmelten Hand und zwei Fingern, die er nur leicht bewegen kann. In dieser Hand hat er viel Kraft. Links läuft der Arm als Stumpf aus.

Eusemann war nach der Schule 1953 vier Jahre arbeitslos und half auf dem elterlichen Hof in der Landwirtschaft mit. Bei dieser Gelegenheit lernte er zwangsläufig das Traktor fahren, aber nur auf dem Feld. Hier musste er beispielsweise das Heu zusammenfahren und zuhause bei der Wartung des Traktors helfen.

Fahrlehrer: Dann wollen wir es mal versuchen

Deshalb fasste er den Entschluss, bei der damals in Bergrheinfeld ansässigen Fahrschule Tölle vorzusprechen. Der Fahrlehrer habe gesagt, dann wollen wir es mal versuchen, erzählt Eusemann. Erst sei er auf dem Flurbereinigungsweg zur Rothmühle gefahren, dann ging es über die Dörfer. "Zum Schluss sind wir sogar auf die Autobahn gefahren", erzählt er. "Das machst du ja ganz toll", habe der Fahrlehrer zu ihm gesagt.

Dann mussten Nägel mit Köpfen gemacht werden. Der Fahrlehrer und er ließen sich umfassend beraten, welche Hilfsmittel im Pkw notwendig sind. Die Probefahrt hatte Eusemann noch in einem ganz normalen Fahrzeug absolviert. Um fahren zu dürfen, musste ein Pkw mit Automatikgetriebe her, mit Fußbedienung für Auf- und Abblendlicht, einen zweiten Außenspiegel, Sicherheitsgurte, eine extra Bedienung für den Scheibenwischer und eine Halterung für den besseren Griff am Lenkrad.

Der Amtsarzt wunderte sich über Eusemanns Vorhaben

Er habe sich und den Pkw beim TÜV vorstellen müssen. Der Amtsarzt habe sich über sein Vorhaben gewundert. Mit einem Betriebsrat und Ingenieuren von Kugelfischer, wo er arbeitete, habe er geredet, ob sie ihm helfen könnten bei der Konstruktion eines Knaufs für das Lenkrad. Dieses wichtige Gerät habe er kurz vor Weihnachten bekommen, erzählt Eusemann. Er benutzt es heute noch.

Die Ausbildung in der Fahrschule begann. Er machte werktags immer zwei Fahrstunden. Dies habe gut geklappt. Bei seiner letzten Fahrstunde aber sei ihm ein Auto unsanft ins Heck gefahren. Am nächsten Tag musste er mit dem beschädigten Pkw seine Prüfung ablegen.  Weil für ihn die ganzen Zusatzgeräte eingebaut werden mussten, sei er als letzter nachmittags um 15.30 Uhr an der Reihe gewesen.

Der Anlasser des Prüfungsautos war zu weit unten

Zum Start habe er den Fahrlehrer gebeten, den Motor zu starten. Dies habe den Prüfer empört: "Was, das können Sie nicht? Was machen Sie, wenn der Motor stehen bleibt?" "Meine Arme sind dafür zu kurz", sagte Eusemann. Der Anlasser sei zu weit unten. Dies für die Prüfungsstunde zu ändern, sei zu aufwändig. In seinem privaten Pkw sei das Zündschloss so eingebaut, dass er es bedienen könne, informierte Eusemann den Prüfer.

Dann sei die Prüfungsfahrt losgegangen, mitten im Berufsverkehr, als in der Großindustrie Arbeitsende war. Der Prüfer habe ihn kreuz und quer durch die Stadt gejagt, am Ende noch auf die Autobahn, ehe es wieder zurück ging zum Ausgangspunkt. "Dort überreichte er mir den Führerschein mit der Bemerkung ,Meinen allergrößten Respekt für diese Leistung'", erzählt Eusemann. "Wenn Sie weiter so umsichtig im Straßenverkehr sind, können Sie mit ihrer Familie noch viele Jahre in Urlaub fahren."

Inzwischen bleibt Eusemann mit dem Auto in der näheren Umgebung

Das tat Alfred Eusemann. Sein erstes Auto, ein DAF, kam mit den Um- und Einbauten durch den TÜV. Jetzt er war mobil für Urlaubsreisen – das erste Ziel war Italien – und später auch für Dienstreisen, die er als Behindertenbeauftragter und VdK-Vorsitzender machte. Diese führten ihn durch ganz Deutschland. Rund 320 000 Kilometer sei er gefahren, erzählt Eusemann. In drei Unfällen sei er dabei verwickelt gewesen, jeweils ohne eigenes Verschulden – zweimal sei bei ihm jemand aufgefahren, einmal habe ein Fahrer eine rote Ampel missachtet.

Aktuell ist Eusemann nur noch in der näheren Umgebung mit dem Auto unterwegs. Sein jetziger Pkw habe mittlerweile 106 000 Kilometer auf dem Buckel. Wenn er auf seine Fahrpraxis zurückblickt, stellt Alfred Eusemann fest, dass auch Schwerstbehinderte am Straßenverkehr teilnehmen können, wenn sie richtig ausgerüstet sind. In dieser Hinsicht war der Bergrheinfelder Pionier.

Mit diesem vor 50 Jahren entwickelten Knauf als Griffhilfe am Lenkrad fährt Alfred Eusemann noch immer, angefertigt von damaligen Arbeitskollegen bei Kugelfischer.
Foto: Horst Fröhling | Mit diesem vor 50 Jahren entwickelten Knauf als Griffhilfe am Lenkrad fährt Alfred Eusemann noch immer, angefertigt von damaligen Arbeitskollegen bei Kugelfischer.
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