SCHWEINFURT

Energiewende: Kommunen als Vorbilder

Im Energielabor: Doktorand Sebastian Sturm zeigt, wie im OpenFoam CFD-Simulation die Stromtragfähigkeit von Kabeln unter extremen Bedingungen, wie beispielsweise in der Wüste, gemessen werden kann.
Foto: Lux | Im Energielabor: Doktorand Sebastian Sturm zeigt, wie im OpenFoam CFD-Simulation die Stromtragfähigkeit von Kabeln unter extremen Bedingungen, wie beispielsweise in der Wüste, gemessen werden kann.

„Die Energiewende findet auf kommunaler Ebene statt.“ Da waren sich der Kreisgruppenvorsitzende des Bundes Naturschutz (BN) und die beiden Referenten Wolfgang Böhm und Johannes Paulus einig. „Aber ist das auch in Schweinfurt so?“, fragte sich Günther. Es fehle in Stadt und Landkreis an koordinierten Zielfestsetzungen und Maßnahmen.

Fehlt es vielleicht auch an Interesse? Der BN und die FHWS (Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt) hatten zur Veranstaltung „Wie können Kommunen die Energiewende aktiv gestalten?“ eingeladen. Der Besucheransturm ließ allerdings zu wünschen übrig. Von den 29 Landkreisgemeinden waren nur vier durch ihre Bürgermeister vertreten, aus dem Landratsamt kam niemand. Die Stadt repräsentierten die dritte Bürgermeisterin Kathi Petersen, Vertreter der Verwaltung und wenige Stadträte.

Dabei informierte der Abend umfassend. Günther zitierte gleich zu Beginn Zahlen aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid Sozialforschung. Danach unterstützen 93 Prozent der Deutschen den verstärkten Ausbau erneuerbarer Energien. 56 Prozent der Bevölkerung sind bereit, über die Stromrechnung einen Beitrag zum Umbau unserer Energieversorgung zu leisten, wenn diese Lasten gerecht verteilt werden.

Nach einem Grußwort und einer kurzen Vorstellung der FHWS durch deren Vizepräsidenten Professor Bernhardt Arndt erläuterte Wolfgang Böhm von der Energieagentur Nordbayern „Sinnvolle Schritte zur Sicherstellung einer nachhaltigen und bezahlbaren Energieversorgung“. Aus einer Stadt in der Größe von Schweinfurt mit etwa 50 000 Einwohnern fließen jährlich eine Million Euro in den Einkauf von meist fossiler Energie. „Statt dieses Geld jährlich nach Saudi-Arabien zu schicken, sollten wir möglichst viel davon in der Region halten“, forderte Böhm. Die Kommunen stünden jetzt vor der Entscheidung: handeln oder zuschauen; denn die Energiewende geschehe nicht in Berlin oder München, sondern vor Ort, und dabei müssten die Kommunen eine Vorbildfunktion übernehmen. Für Böhm ist die Energiewende die größte Revolution seit dem Bau der Eisenbahn.

Durch eigene energiepolitische Zielsetzungen könne jede Kommune eine nachhaltige, umweltschonende und bezahlbare Energieversorgung für ihre Bürger sicherstellen. Gleichzeitig könne dadurch die regionale Wirtschaft dauerhaft gestärkt werden. Der Weg führe über einen Energienutzungsplan zum Energiemanagement, so Böhm. Potenziale müssten erkannt, Ziele klar formuliert und entsprechende Maßnahmen umgesetzt werden.

„Die Energiewende muss von unten heraus kommen“, meinte auch Professor Johannes Paulus, der einen interessanten Einblick in die Forschungsbeiträge der FHWS zum Gelingen der Energiewende gab. So messe man beispielsweise über Schallwellen an Windrädern die Windgeschwindigkeit und vergleiche diese mit der zu dieser Zeit erzeugten elektrischen Energie. Mit Hilfe dieser SODAR-Messung könne man den Ertrag geplanter Windparks genau vorausberechnen.

Auch die Analyse und Verbesserung der Stromtragfähigkeit von Kabeln wird an der FHWS erforscht. Energieseekabel sind dabei ebenso im Fokus wie die Kabel, die es braucht, um den Strom von Wüstenanlagen nach Deutschland zu transportieren. Hierbei werden elektrische Betriebsmittel mit noch nie dagewesenen Umweltbedingungen konfrontiert. Am Beispiel des Projekts Power-to-Gas-Haßfurt zeigte Paulus, wie regenerativer Strom aus der Region in Form von Wasserstoff gespeichert werden kann. Dort sollen bis zu fünf Volumenprozent Wasserstoff ins Erdgasnetz eingespeichert werden Dieses dient gleichzeitig zur Stromspeicherung. Nach der Erprobungsphase ist der Ausbau einer entsprechenden Technologie für ganz Bayern geplant.

Auch Wärmedämmsysteme werden in den Laboren der FHWS unter die Lupe genommen, wobei Paulus einer Dämmung mit Kunststoff eine klare Absage erteilte. Luft und Schaumglas seien nachhaltiger und robuster.

Zu einem kleinen Schlagabtausch zwischen Günther und Paulus kam es, als letzterer sich auch weiterhin für eine Befreiung der Industrie von der EEG-Umlage aussprach. Hier müsse man Augenmaß behalten, meinte Paulus, weil Arbeitsplätze auf dem Spiel stünden. Man brauche ein Marktdesign, das sozial gerecht ist, forderte Paulus. Das ärgerte Günther: „Wenn die Bundesnetzagentur den Investoren eine Rendite von über neun Prozent garantiert, dann kräht da keine Sau danach“, empörte er sich. „Aber wenn der Nachbar für den Strom seiner Fotovoltaikanlage Geld bekommt, dann wird der Neidhammel ausgepackt.“

Eine Zuhörerin hatte den Lösungsvorschlag: Man sollte das EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) komplett abschaffen und dafür müsste jeder, der Energie erzeugt, auch die Folgekosten alleine tragen - „dann regelt sich das von selbst“.

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