GEROLZHOFEN

Erinnern und bewahren als Aufgabe

Großes Interesse: Die Initiative Kultur-Forum Gerolzhofen und die Tourist-Information boten erstmals eine öffentliche Sonntagsführung im Israelitischen Friedhof von Gerolzhofen an. Etwa 80 Besucher aus Gerolzhofen und Umgebung machten sich auf den Weg zu dem auf der Anhöhe an der Schnellstraße gelegenen Israelitischen Distrikts-Friedhof. Erfreut über den großen Zuspruch begrüßte die ehrenamtliche Stadt- und Museumsführerin Evamaria Bräuer (Mitte) die interessierten Gäste.
Foto: Helga Richter | Großes Interesse: Die Initiative Kultur-Forum Gerolzhofen und die Tourist-Information boten erstmals eine öffentliche Sonntagsführung im Israelitischen Friedhof von Gerolzhofen an.

Die Initiative Kultur-Forum Gerolzhofen und die Tourist-Information boten erstmals eine öffentliche Sonntagsführung als Benefizführung im Israelitischen Friedhof von Gerolzhofen an. Besorgt richteten die Veranstalter am Vormittag die Blicke zum Himmel. Als am Nachmittag der Wind die Regenwolken vertrieben hatte, machten sich etwa 80 Besucher aus Gerolzhofen und Umkreis auf den Weg zu dem auf der Anhöhe bei Gerolzhofen gelegenen Israelitischen Distrikts-Friedhof. Hocherfreut über den großen Zuspruch begrüßte die ehrenamtliche Stadt- und Museumsführerin Evamaria Bräuer die interessierten Gäste.

Ein Blick in das Tahara-Haus ermöglichte eine konkrete Vorstellung ritueller Bräuche. Auf dem noch vorhandenen steinernen Waschtisch wurden Verstorbene für die Bestattung vorbereitet. Im Innern des Gebäudes finden sich Reste eines Brunnens, von Treppen- und Galerie-Einbauten und farbige Wandbemalungen des 19. Jahrhunderts. Diese bauarchäologischen Elemente bedürfen dringend einer Bewahrung und Behütung (hebr. shmor).

Auf Zeitzeugen mit eigenem Erinnern (hebr. zachor) lässt sich aus bekannten Gründen nicht zurückgreifen. Heute sind oft Grabsteine und Inschriften die einzigen Quellen der Forschung. Deshalb gilt es, so Evamaria Bräuer, die Grabdenkmale vor dem rasch voranschreitenden Zerfall zu bewahren. Bräuer stellte die an einigen Steinen erfolgten Restaurierungen vor. Die Nachkommen jüdischer Familien aus Frankenwinheim haben in den letzten Jahren damit begonnen.

Eine intensive Pflege und kontinuierliches Rückschneiden von Schösslingen ist auf der Anlage unerlässlich. Bedauerlich ist, so Bräuer, dass die mustergültige Pflege früherer Jahre zurzeit nur mangelhaft erfolgt. Im orthodoxen Judentum müssen 613 Gesetze (hebr. mizwot) beachtet werden. 365 „tue nicht“ und 248 tue“. Daraus ergeben sich, wie Evamaria Bräuer erörterte, Rituale und Reinheitsgebote, welche die Lebensabläufe regeln. Die Trauer der Angehörigen verbindet sich auch mit der Freude, dass der Verstorbene das Paradies erlangt hat und nun im Grab seine Auferweckung erwartet. Erlaubt sind darum nur Erdbestattungen. Einäscherung ist verboten. In Ländern mit Sargzwang erfolgt die Bestattung im einfachen Fichtensarg, möglichst am Sterbetag. Ein Grab soll nicht wieder geöffnet werden.

Biografisches und Geschichtliches, zum Beispiel Familiennamen, überlieferte Redensarten, Bedeutungen der Symbole oder die Einordnung bildhauerischer Stilelemente wurden bei der Führung von Evamaria Bräuer kompetent erläutert. Erinnerungsarbeit sei eine Aufgabe für jede Gesellschaft. Sie werde von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Das Mitwirken an der Erhaltung und Bewahrung der Grabmale sei eine Form der Erinnerungsarbeit heute.

Eine ganz individuelle Form sei, eine „Steinpatenschaft“ zu übernehmen. In diesem Sinne sprach Stadtrat Thomas Vizl seinen Dank an Evamaria Bräuer aus für ihr großes Engagement und das Halten und Knüpfen verschiedenster Kontakte und Vernetzung mit Institutionen in aller Welt. „So erhalten wir immer neues Wissen über die Vergangenheit“, sagte Vizl.

Nach 90 Minuten gab es genügend Zeit, selbst zu entdecken oder Fragen zu stellen. Die Teilnehmer bedankten sich mit Applaus, honorierten und unterstützten diese Arbeit mit Geldspenden. Eine besonders großzügige Spende übergab Kreisrat Florian Töpper, der zusammen mit Schweinfurts dritter Bürgermeisterin Kathi Petersen nach Gerolzhofen gekommen war. Der Erlös dieser ersten Benefizführung wird auf ein speziell eingerichtetes Konto gezahlt und zu Erhaltungsmaßnahmen verwendet werden. An alle Spender richtete sich ein ganz herzlicher Dank der Veranstalter. Am 27. Oktober bietet das KulturForum eine Exkursion nach Arnstein zur Besichtigung der neu renovierten Synagogen an.

Infos: www.kulturforum-gerolzhofen.de/

Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Schweinfurt und erhalten Sie zweimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Weitere Artikel
Themen & Autoren
Beerdigungen
Ehrenamtliches Engagement
Florian Töpper
Friedhöfe
Kathi Petersen
Regenwolken
Thomas Vizl
Verstorbene
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!