Gerolzhofen

Flüchtlinge sind auch im Ehrenamt aktiv

Bei dieser südländischen Krippenszene haben Guido Plener zwei junge Flüchtlinge geholfen.
Foto: Norbert Finster | Bei dieser südländischen Krippenszene haben Guido Plener zwei junge Flüchtlinge geholfen.

Die meisten von ihnen sind jetzt drei Jahre hier. Es ist ruhig geworden um sie. Auch vom Asylhelferkreis in der Stadt hört man nicht mehr viel. Zum Stadtbild gehören die 19 Asylbewerber und 119 anerkannten Schutzberechtigte einschließlich bereits nachgezogener Familienmitglieder dennoch, die derzeit in Gerolzhofen leben.

Was sie machen, wie sie leben, sich entwickeln, das hat Matthias Seng vom Asylhelferkreis wohl mit am besten im Blick. In einem Gespräch mit dieser Redaktion erzählt er, dass immer mehr von den überwiegend aus dem Bürgerkriegsland Syrien geflohenen Menschen eine Arbeitsstelle finden. Eine kurdische Syrerin mit drei Kindern hat mit 35 eine Ausbildung im Hofladen der Familie Kraus in Frankenwinheim begonnen. „Ein Beispiel, dass auch bei Flüchtlingen aus einem anderen Kulturkreis eine Frau die Versorgerrolle in einer Familie übernehmen kann“, sagt Matthias Seng. Die Frau fährt jetzt jeden Tag mit dem Fahrrad zu ihrer Ausbildungsstelle. Ihr Mann ist dagegen noch nicht so weit, eine Arbeit anzunehmen. Seine Deutschkenntnisse reichen nicht aus.

Sprachlevel B 1 ist nötig

Wer eine Ausbildung machen will, muss nämlich mindestens das Sprachniveau B 1 nach dem europäischen Referenzrahmen für Sprachen nachweisen. Das ist ein Level, bei dem ein Gesprächsteilnehmer die Hauptpunkte verstehen kann, wenn vom Gegenüber klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule oder Freizeit geht. Die Sprache auf diesem Niveau zu beherrschen ist wichtig für die Berufsschule, weniger für die praktische Arbeit.

Die Berufsschule ist die größere Hürde für ausländische Ausbildungsabsolventen, hat Matthias Seng beobachtet. Dabei spielt auch das Alter eine Rolle. Die 35-Jährige wird an der Berufsschule Haßfurt von 15- bis 16-Jährigen umgeben sein.

Flüchtlingskinder am Gymnasium

Einige Flüchtlingskinder sind derweil auch schon auf dem Gymnasium, etwa der Sohn des Künstlers Saleh Nemr, der in Gerolzhofen schon einige Werke im öffentlichen Raum stehen hat. Auch der Sohn der eingangs genannten Auszubildenden hat das Gymnasium als schulisches Ziel. Schulleiter Joachim Müller bestätigt auf Anfrage, dass die Flüchtlingskinder gut zurechtkommen am Gymnasium und sich im Schulleben nicht als Einzelgruppe von den andern absondern.

Ein weiterer junger Syrer macht zurzeit seine Ausbildung in der Gerolzhöfer Fensterbaufirma Döpfner, ein anderer will Krankenpfleger werden und lernt in einem Schweinfurter Krankenhaus. Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn Matthias Seng und der Asylhelferkreis können nicht alle Flüchtlinge im Blick haben, die in Gerolzhofen leben.

In Betrieben anerkannt

Was der Helfer sagen kann, ist dass alle Flüchtlinge in ihren Betrieben anerkannt sind und dass sich Wirtschaftsvertreter immer wieder fragen, warum so hohe Hindernisse aufgebaut werden, bevor diese Menschen in Lohn und Brot kommen können. Es kann allerdings bei der Beschäftigung von Flüchtlingen nur um einfachere Tätigkeiten gehen. „Es wäre illusorisch, darauf zu hoffen, dass die Flüchtlinge reihenweise bei uns die offenen Facharbeiterstellen besetzen.“

Nicht nur im Beruf, auch im Ehrenamt sind Flüchtlinge bereits engagiert. Einer hilft in der Gerolzhöfer Tafel. Flüchtlingskinder singen im Kinderchor mit. Und die Eltern sind dabei, wenn es, wie bei Konzertveranstaltungen, etwas zu tun gibt. Auch beim ökumenischen Pfarrfest haben einige geholfen.

Wieder andere jagen beim FC dem runden Leder nach, auch das ein Zeichen von Integration. Zwei Flüchtlinge haben dem Oberschwarzacher Guido Plener beim Bau einer Weihnachtskrippe mit südländischem Flair geholfen. Andere spielen in der Band des Gerolzhöfers Horst Brand mit und tragen bereits deutsche Volkslieder vor.

Vertrauen öffnet

Matthias Seng hat im Laufe der Zeit auch noch andere Veränderungen bei Flüchtlingen festgestellt. Je mehr Vertrauen sie zu den Menschen in ihrer Umgebung gewinnen, desto mehr öffnen sie sich. Das gilt auch gegenüber staatlichen Organen wie der Polizei. „Die Menschen haben inzwischen gemerkt, hier hilft die Polizei. In ihrer Heimat schlägt sie drauf.“

Apropos Polizei: Mit der geraten Flüchtlinge nur selten wegen eines Fehlverhaltens in Kontakt. Der einzige größere Vorfall ereignete sich am 15. November 2017 in einem Lebensmittelmarkt in Gerolzhofen. Dort soll ein Flüchtling eine Kassiererin mit einem Messer bedroht haben. Die Polizei erstattete zwei Anzeigen. Eine an die Staatsanwaltschaft wegen Bedrohung. Hier wurde das Verfahren einstellt. Die Anzeige nach dem Waffengesetz beim Landratsamt verlief ebenso im Sand.

Etliche Flüchtlinge pflegen bereits regelmäßige Kontakte oder gar Freundschaften mit der heimischen Bevölkerung, berichtet Matthias Seng. Das dringe allerdings nicht so nach draußen. Andere wollen Kontakte eher nicht, weil sie ihnen zu anstrengend sind und Zeit kosten. Das will der Helfer nicht verschweigen.

Richtig gefreut hat es Matthias Seng, dass jetzt mit Ausnahme einer Familie alle Flüchtlinge untergebracht sind und zwar menschenwürdig. Die eine Familie lebt immer noch in der Schuhstraße, einem Haus, das eigentlich Obdachlosenunterkunft der Stadt ist.

Kein akutes Wohnungsproblem mehr

Matthias Seng freut sich über die Bereitschaft vieler Gerolzhöfer, an Flüchtlinge zu vermieten. „Es gibt kein akutes Wohnungsproblem mehr.“ Aber auch hier will Seng nicht die andere Seite unter den Teppich kehren: „Es gab Absagen von Vermietern, wo man wusste, dass sie wegen der Nationalität der Bewerber kamen.“

So haben die meisten nach und nach Fuß gefasst in Gerolzhofen. Damit sind auch die einst wöchentlichen Treffen von Helfern mit Asylbewerbern ein bisschen überholt. Die Zeit der ersten Nothilfe mit Kleiderkammer und Spendensammlungen ist vorbei. Und es kommen ja auch keine neuen Flüchtlinge mehr. Trotzdem will der Asylhelferkreis im Herbst wieder eine neue Kontaktstelle für Einheimische und Flüchtlinge aufbauen, „mit Zeit und vernünftig geplant“, wie Matthias Seng sagt.

„Einige schaffen es nicht“

Dankbarkeit der Flüchtlinge für die Aufnahme gibt es immer wieder. Für sich selbst will Seng sie aber nicht. „Ich möchte keinen Dank, weil ich weiß, dass ich etwas tun muss, um mit Neuankömmlingen in unserer Gesellschaft gut zusammenzuleben.“ Wichtiger ist für ihn, dass die heimische Bevölkerung anerkennt, was so mancher Flüchtling in der relativ kurzen Zeit seines Hierseins schon geschafft hat. Das fehlt ihm in der öffentlichen Wahrnehmung.

Noch einmal: Matthias Seng will kein ungetrübtes Bild von der Situation der Flüchtlinge in Gerolzhofen nach drei Jahren zeichnen. „Es gibt einige, die schaffen es nicht.“ Aber auf der anderen Seite steht auch die Erkenntnis: „Ich kenne keinen, der sich zu Hause verschanzt und sich auf seinem Hartz-IV-Geld ausruht.“

Der syrische Künstler Saleh Nemr (links), hier mit seinem Förderer Florian Tully bei einer Ausstellungseröffnung in Gerolzhofen, ist mit seiner Familie ein gelungenes Beispiel von Integration.
Foto: Norbert Finster | Der syrische Künstler Saleh Nemr (links), hier mit seinem Förderer Florian Tully bei einer Ausstellungseröffnung in Gerolzhofen, ist mit seiner Familie ein gelungenes Beispiel von Integration.
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