Schwebheim

Gedenktafel statt Stolpersteine

Roland Graf (links) und Altbürgermeister Hans Fischer bringen eine „Tafel wider das Vergessen“ an der Zehntscheune am Kirchplatz an. Sie erinnert an die Deportation der letzten Schwebheimer Juden.
Foto: Ursula Lux | Roland Graf (links) und Altbürgermeister Hans Fischer bringen eine „Tafel wider das Vergessen“ an der Zehntscheune am Kirchplatz an. Sie erinnert an die Deportation der letzten Schwebheimer Juden.

Der europaweite Rechtsrutsch in der Politik, beschäftigt Altbürgermeister Hans Fischer schon länger. „Das hatten wir alles schon einmal“, meint er und schritt zur Tat. Wie gefährlich diese Situation sei, sehe man erst, wenn man sich zurückerinnert, meint Fischer und spendete dem Ortsgeschichtlichen Arbeitskreis eine Gedenktafel „Wider das Vergessen“.

Inspiriert wurde Fischer durch die Stolpersteine, die im Gedenken an jüdische Mitbürger verlegt werden. Aber Stolpersteine auf einem Kirchplatz, der weitgehend geschottert ist, wären nicht aufgefallen. Also wurde eine Gedenktafel an der Zehntscheune angebracht, unmittelbar neben dem Haus der „Meyer Mädchen“.

Amalie, Emma und Hannchen Oppenheimer, die „Meyer-Mädchen“, so genannt nach dem Vornamen ihres Vaters Meyer Oppenheimer, betrieben in dem kleinen Haus am Kirchplatz eine Metzgerei für koscheres Rindfleisch. Sie waren gemeinsam mit Fanny Rosenbusch, die ebenfalls am Kirchplatz wohnte, die letzten Schwebheimer Juden, die im Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden.

Im 19. Jahrhundert lebte im Dorf eine lebendige jüdische Gemeinde. 22 Familien. Für die Kinder gab es eine eigene Schule und in einem Wohnhaus war das Obergeschoss zur Synagoge ausgebaut. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts aber war diese Gemeinde nahezu verschwunden, nur noch fünf Juden wohnten damals in Schwebheim. Hannchen Oppenheimer war in der Gemeinde dennoch eine Institution. Bis zum Verbot durch die Nationalsozialisten 1936, hat sie ihre Rindermetzgerei betrieben und die Einwohner kauften bei ihr ein.

In seiner Ortschronik erinnert sich Richard Ludwig, „dass wir als Kinder an den jüdischen Feiertagen bei Hannchen Matzen und Himbeerbonbons kostenlos erhielten.“

In der Reichskristallnacht am 9.11.1938 wurden bei den Mayer-Mädchen Fensterscheiben eingeworfen. Am Sonntag darauf brachte ein SS Mann an einer der Nachbarhäuser ein Plakat an: „Hier ist ein jüdisches Haus, deutsche Mütter gehen hier ein und aus, schaut sie euch an und lacht sie aus.“ Jedem der das Plakat entfernt wurde das Erschießen angedroht, es war nach zwei Wochen dennoch weg.

Die Aufschrift zeigt neben nationalsozialistischer Propaganda, dass die jüdischen Frauen voll in die Dorfgemeinschaft integriert waren. Dennoch mussten sie nach Theresienstadt „abwandern“. Das letze Lebenszeichen von Hannchen Oppenheimer ist eine Karte aus Theresienstadt. Sie schrieb diese an ihre Schwebheimer Nachbarn, die Familie Roßteuscher, die Kopie der Karte ist ebenfalls auf der Gedenktafel zu sehen. Am 8.10.1943 schrieb sie: „Ich bin gesund aber meine zwei Schwestern sind leider an Altersschwäche gestorben.“ Ein halbes Jahr später kommt noch einmal eine Nachricht von Hannchen, allerdings ist diese in einer anderen Schrift geschrieben. Ihre Spur und die von Fanny Rosenbusch verlieren sich in Theresienstadt.

„Das ist das leider furchtbare, endgültige Ende der hiesigen Judenschaft“, schreibt Ludwig in seiner Ortschronik. Gerade jetzt muss man daran erinnern, meint Fischer. Mit der Tafel will er das Bewusstsein für die Gefahr durch Fremdenhass wecken. „Wehret den Anfängen“, sagt Fischer und hofft, dass in Deutschland nie wieder eine Volksgruppe oder Glaubensgemeinschaft erleben muss, was den Juden angetan wurde.

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