Gerolzhofen

Gefährliche Aerosole? Gottes Atem will ansteckend sein

Pfarrer Stefan Mai aus Gerolzhofen.
Pfarrer Stefan Mai aus Gerolzhofen. Foto: Klaus Vogt

Atem bedeutet Leben. „Da formte Gott, der Herr, den Menschen, Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ (Gen 2,7) Mit diesen Worten bringt der Schöpfungsbericht der Bibel den Beginn des menschlichen Lebens auf den Punkt. Atem bedeutet Leben. Das Leben beginnt mit dem ersten Atemzug und endet mit dem letzten Atemzug.

Schon als Kind war es für mich immer ein tiefes Glücksgefühl, wenn zuhause auf unserem Bauernhof ein Kälbchen auf die Welt kam und sofort zu atmen begann. Allen Eltern ist es bei der Geburt ihrer Kinder unvergesslich: Das Neugeborene atmet. 20 000 Mal atmet ein Mensch am Tag oder besser gesagt, atmet es ganz automatisch in ihm.

Frei atmen, durchatmen, aufatmen können, höchstes Glück. Wie beklemmend dagegen, wenn der Atem stockt, einem der Atem wegbleibt, wenn man schwer atmet, um Atem ringt, nach Luft japst, kurzatmig wird, Schnappatmung einsetzt. Welches Wunder, welches Glück, atmen zu können. Atem bedeutet einfach Leben.

Seit Corona bekommt der Atem aber eine andere Färbung. Störte man sich früher höchstens daran, wenn einem einer mit seinem Mundgeruch zu nahe kam, so wissen wir jetzt: Der Atem kann sogar gefährlich werden. Deutschlands meistzitierter Virologe Christian Drosten betont im Deutschlandfunk, dass im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus stärkeres Augenmerk auf feinste Schwebeteilchen in der Luft - sogenannte Aerosole - gelegt werden sollte. "Im Alltag sollte man sich eher vielleicht aufs Lüften konzentrieren und weniger auf das ständige Wischen und Desinfizieren", so Drosten.

Der Charité-Wissenschaftler verweist auf wissenschaftliche Erkenntnisse und sagt, es verstärke sich der Eindruck, dass es zusätzlich zur Tröpfcheninfektion eine deutliche Komponente von Aerosol-Infektionen gebe. Man müsse im Infektionsmechanismus anerkennen, dass die Aerosol-Übertragung eine wichtige Rolle spiele.

Das heißt: Der Atem - eigentlich Lebenselixier - wird auf einmal zum Lebensgefährder. Da gilt es Abstand zu wahren, zum Schutz meines Mitmenschen in Geschäften, Kirchen und in Sitzungen einen Mund-Nasen-Schutz aufzusetzen, dem anderen mit meinem Atem nicht zu nahe zu kommen. Chorproben und das Musizieren im Blasorchester bleiben verboten. Die Infektionsgefahr durch ausgestoßene Aerosole einfach zu groß!

In solchen Zeiten Pfingsten feiern, das Fest des Atem Gottes? In unseren Pfingstliedern singen wir: „Atme in uns, hl. Geist“, „Nun hauch uns Gottes Odem ein“, „Wohin sein Feueratem fällt, wird Gottes Reich lebendig“. Im Pfingstevangelium nach Johannes die Szene: Da kommt Jesus zu den verängstigten Jüngern, die in Quarantäne gehen, die Läden dicht machen und sich einschließen. Er haucht sie an und sagt zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!

Sicherlich, Jesus hatte in seiner Zeit noch keine Kenntnis über Aerosole, die durch den Atem hinausgeschleudert werden. Aber an diesem Pfingstfest 2020 in Zeiten von Corona kommt mir einer neuer Pfingstgedanke in den Sinn. Pfingsten bringt uns in Erinnerung: Dieser Jesus möchte uns tatsächlich mit seinem Hauch infizieren. Er möchte uns mit mit seiner Gedankenwelt und Gottvertrauen anstecken, mit seinem Lebensstil infizieren, mit seinem Traum von einer menschlichen Welt, wie Gott sich das Zusammenleben seiner Menschheitsfamilie auf dieser Erde vorstellt. Pfingsten in Corona-Zeit neu gedeutet, heißt für mich: Er möchte uns mit seinem Hauch infizieren!

Ich bin aber fest überzeugt: Sein Atem, mit dem er uns anstecken möchte, macht uns und unsere Welt nicht krank. Im Gegenteil, er hilft zur Gesundung von einer Kälte des Egoismus und der Ellenbogenmentalität zu einem Herz für andere, von einem Auseinanderklaffen von Starken und Schwachen zu einem Sinn für gelebte Solidarität, von einer um sich greifenden Oberflächlichkeit zu einer größeren Tiefe, von einer festgefahrenen Erstarrung zu mehr Offenheit, von einer Gedankenlosigkeit zu einem großen Verantwortungsgefühl füreinander.

In diesem Sinn möchte ich an diesem Pfingsten 2020 mit einem Liedtext von Eugen Eckert um das "Angehauchtwerden" beten:

Atem des Lebens, wehe uns an,
du, der uns Menschen begeistern kann,
nimm in uns Wohnung, bring Leben und Licht.
Erneuere uns und der Erde Angesicht.

Hoffnung der Armen, steh in uns auf,
nimm nicht Zerstörung, nicht Unrecht in Kauf.
Lehr uns das Teilen, die Chance heißt Verzicht
Erneuere uns und der Erde Angesicht.

Stimme der Stummen, Wort, das uns weckt,
Weise, die niemals nach Aufgeben schmeckt,
Lied, in dem heute das Morgen anbricht.
Erneuere uns und der Erde Angesicht.

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