Gerolzhofen

Grabungsergebnisse zwischen Buchdeckeln

Mehrere Jahre lang gruben Wissenschaftler im Auftrag der Uni Bamberg bei Gerolzhofen. Eike Henning Michl stellte nun seine Doktorarbeit über die Forschungen in gedruckter Form vor.
Erbrachte neue Erkenntnisse, die jetzt in Buchform vorliegen: die Grabungen der Bamberger Uni-Archäologen auf dem Kapellberg bei Gerolzhofen.
Foto: ArchivNorbert Vollmann | Erbrachte neue Erkenntnisse, die jetzt in Buchform vorliegen: die Grabungen der Bamberger Uni-Archäologen auf dem Kapellberg bei Gerolzhofen.

Im Jahr 2007 hat der Kapellberg bei Gerolzhofen den Archäologen Eike Henning Michl gepackt und ihn seither nicht mehr so richtig losgelassen. Sieben Jahre lang hat er dort im Auftrag der Otto-Friedrich-Universität Bamberg in Sichtweite der Gertraudiskapelle gegraben, mit seinem Team Gebäudereste und Siedlungsspuren ans Tageslicht befördert, die Grabungsergebnisse gesichtet, dokumentiert und bewertet, schriftliche Quellen gewälzt, das große Puzzle Stück für Stück zusammengesetzt und letztlich seine Doktorarbeit zum Thema „Castellum, Curia, Palatium – die mittelalterliche Besiedlungsgeschichte eines mainfränkischen Zentralortes auf dem Kapellberg bei Gerolzhofen“ eingereicht.

Diese, mit „summa cum laude“ bewertet, ist nun auch in Buchform erschienen. 662 Seiten stark ist das Werk, teils farbig illustriert und mit einer DVD versehen. Mit diesen zwischen zwei Buchdeckeln gepackten Ergebnissen seiner langjährigen Arbeit ist Michl nun nach Gerolzhofen zurückgekehrt, um das Buch auf Einladung der Stadt und des Historischen Vereins in der Stadtbibliothek vorzustellen.

Professor Ingolf Ericsson, der Inhaber des Lehrstuhls für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Bamberger Hochschule, übernahm die Würdigung des Werkes. „Ein echtes Glückgefühl“ sei es für ihn, „wenn die Finanzierung eines spannenden Forschungsprojektes steht“ und einem jungen Akademiker somit Raum zur Profilierung gegeben werden könne. Ausgangspunkt des Projektes war eine Textstelle aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, die von einem „Palatium“ nahe Lindelach bei Gerolzhofen kündet. Eike Michl wurde mit der Aufgabe betraut, dieser Spur auf den Grund zu gehen.

Die Prospektion und erste Grabungen „übertrafen bei weitem unsere Erwartungen“, blickt Ericsson zurück. Und nach und nach gab der Kapellberg sein Geheimnis preis. Die Überraschung: Die Bischofspfalz, die man dort vermutete, ließ sich Ericsson zufolge zwar nachweisen: „Aber nicht für die Anfangs-, sondern für die Schlussphase der Besiedelung.“

Schon im siebten Jahrhundert muss sich nach den Erkenntnissen der Archäologen eine imposante Anlage dort oben auf der Anhöhe befunden haben. Die Hauptfunde stammen aus dem zehnten Jahrhundert: Ein 40 Meter langes Steingebäude aus der ottonischen Zeit, teils sakral, teils profan genutzt. Anhand der spärlichen schriftlichen Quellen ließen sich Verbindungen zum Schweinfurter Grafengeschlecht und der Zerstörung des Komplexes in der so genannten Schweinfurter Fehde nachweisen.

König Heinrich II. verteilte als Sieger den Besitz neu. Der Kapellberg diente dem Bistum Würzburg als Ministerialensitz, das Gebäude wurde auf rund 60 Meter erweitert. Ende des 14. Jahrhunderts gab man die Anlage endgültig auf. Um die 700 Jahre lang war der Kapellberg somit ein Zentralort der mainfränkischen Region. Umso verwunderlicher ist es für Ericsson, dass auch aus der Zeit als spätmittelalterliche Residenz des Episkopats Würzburg kaum schriftliche Belege vorhanden sind.

Und umso mehr beweise Michls Arbeit, wie wichtig „die gleichgewichtige Nutzung archäologischer und schriftlicher Quellen“ sei. Im Fall des Kapellberges bei Gerolzhofen „hat die Archäologie die mittelalterliche Geschichte entschlüsselt“, und Michls Buch „verspricht ein Standardwerk zur archäologisch-geschichtlichen Siedlungsforschung zu werden.“

Auch Michael Hoppe, Referatsleiter des Bayerischen Landesamtes für Denkmalschutz, bezeichnete die Grabungen auf dem Kapellberg als „eines der bedeutendsten Projekte zur Erforschung der mainfränkischen Geschichte.“ Er erinnerte auch daran, dass es der Heimatforscher Hans Koppelt war, der einst die Initialzündung für weitere Untersuchungen auf dem Kapellberg gab. Auch wenn dessen spontane Grabungen Anfang der 90er Jahre weder mit dem Denkmalrecht vereinbar waren noch gängigen Grabungsstandards entsprachen. Wenn weitere Forschungen, so sei die Devise seines Hauses damals gewesen, dann nur mit einem wissenschaftlichen Gesamtkonzept und modernster Grabungstechnik. Schließlich sei es gelungen, die Universität Bamberg mit ins Boot zu holen.

Von dort war auch der renommierte Mittelalterarchäologe Hans Losert nach Gerolzhofen gekommen, um die rund 40 Zuhörer mitzunehmen zu „Frühen Zeugnissen alten und neuen Glaubens in Nordbayern“. Er zeigte anhand von Grabungen an Nekropolen und Gräberfeldern auf, wie sich das Christentum langsam im Raum nördlich der Donau durchsetzte, wie katholische Germanen und Ahnenkulten anhängende Slaven über Jahrhunderte hinweg nebeneinander existierten. Diese Zeitreise endete mit der Gründung des Bistums Bamberg 1007, nur wenige Jahre nach der Schweinfurter Fehde, die eine Zäsur auf dem Kapellberg mit sich brachte.

Und wie geht es nun weiter mit dem Kapellberg und seinem bedeutenden „Bodenschatz“? Hoppe regte an, die Fläche zum Schutz vor Erosion aus der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung herauszunehmen und brachte einen Kulturpfad über Judenfriedhof und Palatium hin zur Wüstung Lindelach ins Gespräch.

Denn auch dort wurde seinerzeit gegraben, und die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat laut Ericsson nun Mittel bewilligt, um auch diese Untersuchungen zu Ende führen zu können. Gerolzhofen, der Kapellberg und Lindelach – sie werden Eike Michl auch in den nächsten Jahren wohl kaum loslassen.

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