Schnackenwerth

Grüner Wohnen im Haus aus lebendigen Bäumen

Die Landschaftsarchitektin Lena Bonengel erhält für ihre visionäre Baubotanik-Masterarbeit den Nachwuchspreis ihrer Zunft.
An ihrer Testpflanzung in Omas Garten in Schnackenwerth erklärt die ausgezeichnete Landschaftsarchitektin Lena Bonengel das Prinzip der Baubotanik: Einzelne Bäumen werden schräg gesetzt, an der Kreuzung verbunden und verwachsen zu einem stabilen Traggerüst.
Foto: Silvia Eidel | An ihrer Testpflanzung in Omas Garten in Schnackenwerth erklärt die ausgezeichnete Landschaftsarchitektin Lena Bonengel das Prinzip der Baubotanik: Einzelne Bäumen werden schräg gesetzt, an der Kreuzung verbunden und ...

Verschiedene Bäume miteinander verknüpft so wachsen zu lassen, dass man in Zukunft bis in die Wipfel darin wohnen kann: Das ist die visionäre Idee, die Lena Bonengel in ihrer Masterarbeit in Landschaftsarchitektur abbildete. Für die konsequente Durcharbeitung dieser Vision zeichnete der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten (BDLA) jetzt die junge Frau aus Schnackenwerth mit seinem Nachwuchspreis aus.

Im Garten ihrer Oma hat Lena Bonengel im vergangenem Jahr Bäume gepflanzt: Ein kleines Viereck, 1,50 auf 1,50 Meter groß mit vier Platanen und ein Rechteck aus 36 Wildäpfeln, 6 auf 3,50 Meter groß. "Eine Testpflanzung, die mal ein Baumhaus tragen soll", erklärt die 27-Jährige. Es ist eine Veranschaulichung zu ihrer Masterarbeit, die ein "Baubotanisches Baumhaus in Einfamilienhausgröße – ein Lebensprojekt" beschreibt.

Das Vorhaben ist spekulativ, hypothetisch. Lena Bonengel geht davon aus, dass in 100 bis 200 Jahren die entsprechenden und nötigen Technologien vorhanden sind, um Häuser in Bäumen bauen zu können: Vom 3D-Druck für die Hülle, die sich jeder Baumform anpasst, bis zu den Drohnen, die den Baumschnitt übernehmen werden. Gerade diese "unerschrockene konzeptionelle und ästhetische Durcharbeitung der Idee" hat die Jury schwer beeindruckt.

Das Szenario zum baubotanischen Baumhaus im Laufe von 100 Jahren zeigt Lena Bonengel (links) 26-jährig zu Beginn, also der Baumpflanzung, und als alte Frau nach 75 Jahren.
Foto: Bonengel | Das Szenario zum baubotanischen Baumhaus im Laufe von 100 Jahren zeigt Lena Bonengel (links) 26-jährig zu Beginn, also der Baumpflanzung, und als alte Frau nach 75 Jahren.

Landschaftsarchitektur müsse sowohl die Zukunft unseres Planeten als auch die Rolle dieses Berufs dabei bedenken, begründet der BDLA seine Wahl für Lenas Masterarbeit, die neben drei anderen in Bayern prämiert wurde. Die Preisverleihung musste online stattfinden. Genau der Zustand vieler Bäume und deren Ausfälle im Dürrejahr 2019 in Unterfranken waren für die junge Masterstudentin, die bereits einen Bachelor in Architektur hat, der Anlass, sich intensiv mit Baubotanik zu beschäftigen. "Ich wollte den Innenraum mit dem Außenraum verbinden."

Seit 2017 gibt es an ihrer Technischen Universität München in Freising-Weihenstephan einen Lehrstuhl für "Green Technologies in Landscape Architecture", zu deutsch: Grüne Technologien in der Landschaftsarchitektur, den Professor Ferdinand Ludwig innehat. Er gilt als Wegbereiter der Baubotanik. Das bedeutet, viele Einzelbäume miteinander verwachsen zu lassen und lebende und nicht-lebende Bauelemente, wie Bäume und Stahl, zu kombinieren. Durch das Verwachsen wird eine höhere Tragfähigkeit erreicht.

Die Idee von Lenas Masterarbeit war, heute Bäume zu pflanzen, zu verbinden und über ihre eigenes Lebensalter hinaus je nach deren Wachstum zum Wohnen zu nutzen, bis hin zur Größe eines Einfamilienhauses.

Eiche, Haselnuss, Platane, Wildbirne und Wildapfel wählte die Masterstudentin 2019 zu Beginn ihrer halbjährigen Arbeit als Bäume aus, "weil sie das Verwachsen gut vertragen". Das funktioniert beispielsweise, indem die Pflanzen nebeneinander, aber schräg in die Erde gesetzt werden, wie Lena Bonengel an ihrer Testpflanzung in Omas Garten zeigt.

Am Kreuzungspunkt der kleinen Bäumchen werden diese zusammengebunden, um dort zu verwachsen. Beim Weiterwachsen und Wiederverbinden entsteht ein stabiles Traggerüst, bei dem die einzelnen Pflanzen zu einem neuen, größeren Gesamtorganismus verschmelzen. Die technischen Elemente, die für ein Haus nötig sind, wachsen in die pflanzliche Struktur ein.

Stahl und Holz können als nichtlebende Bauelemente mit dem lebenden Baum verbunden werden und verschmelzen zu einer Einheit. 
Foto: Lena Bonengel | Stahl und Holz können als nichtlebende Bauelemente mit dem lebenden Baum verbunden werden und verschmelzen zu einer Einheit. 

Ein kleines mobiles Wohnmodul am Boden innerhalb der Baumpflanzung bildet den Anfang von Lenas Szenario, das über 200 Jahre projiziert wird. "Es gibt viele Möglichkeiten, da kann alles passieren, auch dass die Bäume nicht wachsen oder absterben".

Angenommen wird, dass nach zehn Jahren das Einhängen einer Terrasse in den Wipfeln möglich ist, getragen vom Holz der Bäume. Nach 25 Jahren stirbt eine Baumart ab, es wird nachgepflanzt. Nach 50 Jahren ist 3D-Druck alltäglich geworden, die Konstruktion eines Baumhauses in hohen Höhen möglich. Nach 75 Jahren ist Robotik im Alltag gang und gäbe, Drohnen übernehmen den Rückschnitt der Bäume. Nach 90 Jahren ist Lena Bonengel längst tot, aber ein Wald ist gewachsen mit Baumhäusern darin. Weitere 100 Jahre später ist ein perfektes Zusammenspiel von Natur und Technik entstanden, mit flexiblen Möglichkeiten.

Wie Baubotanik aussieht, zeigt der Weidenturm bei Münsterschwarzach, bei dem nichtlebende Bauelemente mit lebenden verbunden werden. 
Foto: Lena Bonengel | Wie Baubotanik aussieht, zeigt der Weidenturm bei Münsterschwarzach, bei dem nichtlebende Bauelemente mit lebenden verbunden werden. 

Dass solche Bauwerke keine Utopie sind, zeigt in der Region der Weidenturm bei Münsterschwarzach, bei dem eine Weide mit einer Stahlkonstruktion verbunden wurde und eine begehbare Plattform entstand. Ähnliches ist auch im neuen Bürgerpark in Röthlein geplant, wo lebende Architektur für die Öffentlichkeit gebaut werden soll. Planer ist das Landschaftsarchitektur- und Stadtplanungsbüro iF ideenFinden aus Wunsiedel. Dort hat Lena Bonengel im September eine Anstellung erhalten.

"Klar löst die Baubotanik nicht alle Weltprobleme, aber es ist ein flexibles System, man kann es verschieden nutzen, auch in den Städten, und wenn Bäume gepflanzt werden, ist das immer positiv."

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