Sennfeld

"Heiliger Bim-Bam": Wann und warum Kirchenglocken läuten

In Coronazeiten fällt das Glockenläuten mancherorts besonders auf. Doch wann und warum läuten die Kirchenglocken überhaupt? Antworten aus dem Schweinfurter Landkreis.
Dekan Gregor Mühleck stellt die Glocken im Glockenturm der St. Laurentius Kirche in Obereuerheim vor.
Dekan Gregor Mühleck stellt die Glocken im Glockenturm der St. Laurentius Kirche in Obereuerheim vor. Foto: Anand Anders

Manche nehmen es bewusst wahr, anderen fällt es kaum auf: das Läuten der Kirchenglocken. Und so mancher fragt sich, wann und warum läuten die Glocken  eigentlich? Gerade in Zeiten des Coronavirus, wo es mancherorts etwas stiller im Lande ist, fällt das Läuten wieder häufiger auf. Während sich gerade gläubige Menschen über die Klänge freuen, empfinden sie andere als Belästigung. Allein durch die Lautstärke fühlen sich einige Menschen gestört.

Immerhin darf eine Glocke zwischen 70 und 90 Dezibel laut sein – gemessen am nächsten Einwirkungsort, etwa einem Dachfenster. Wie laut die Glocken genau hörbar sein dürfen, bestimmt die Baunutzungsverordnung der jeweiligen Kommune. Auch beim Neubau einer Kirche spielt dieser Grenzwert eine Rolle.

Glockenläuten für die Tagesstruktur

"Den Grund für das Läuten kennt heute aber kaum jemand mehr", sagt Pfarrer Stefan Stauch. Beispielhaft erklärt er, wann und warum die Glocken der Dreieinigkeitskirche in Sennfeld läuten. Zum Tagesbeginn, so Stauch, läuten sie jeden Tag um 6 Uhr zum Morgengebet, dann  jeden Mittag um 12 Uhr zum Essen. Am  Abend läuten sie seit der Corona-Krise jeden Tag um 20 Uhr, gemeinsam mit den Glocken der katholischen Kirche.

Länderübergreifend müssten sie auch im italienischen Meduna di Livenza, der Partnergemeinde Sennfelds, läuten. Das gemeinsame Glockengeläut symbolisiere das Band der Verbundenheit zwischen den Gemeinden, so Stauch. Denn gerade in Zeiten der Krise heißt es, zusammenzuhalten. Zusammen hoffen und beten, dass diese Zeit zu Ende geht, wünscht sich der Pfarrer und empfiehlt Beten für die Erkrankten, für die Ärzte und Ärztinnen, für Schwestern und Pfleger, die um Leben oder Tod ihrer Patienten kämpfen. Beten dafür, dass bald ein Impfstoff gefunden wird, der allen Menschen in der ganzen Welt gegen das Virus helfen soll.

Ganz schön eindrucksvoll: die Glocken im Glockenturm der St. Laurentius Kirche in Obereuerheim.
Ganz schön eindrucksvoll: die Glocken im Glockenturm der St. Laurentius Kirche in Obereuerheim. Foto: Anand Anders

Wann die Glocken noch läuten

Die Glocken der Sennfelder Dreieinigkeitskirche läuten jeden Freitag um 9 Uhr und erinnern an den Tod von Jesus Christus. Jeden Samstag um 14 Uhr soll das Läuten daran erinnern, dass der Alltag nun vorbei ist. Der Sonntag, der Tag des Herrn, stehe dann vor der Tür. Natürlich würden die Glocken der Sennfelder Dreieinigkeitskirche auch zum sonntäglichen Gottesdienst einladen. Eine Stunde zuvor um 8.30 Uhr, dann um 9 Uhr, 9.15 Uhr und zum Beginn des Gottesdienstes um 9.30 Uhr.

Die Glocken geben zudem die Uhrzeit im Viertelstundentakt an. Um viertel nach ein Schlag, um halb zwei, um dreiviertel drei und zur vollen Stunde vier Schläge. Dann kommt der Stundenschlag. Auf den Feldern habe man so keine Uhr gebraucht, erklärt der Pfarrer. Die Gemüsebauern konnten sich immer auf die Zeitansage der Glocken in der Sennfelder Dreieinigkeitskirche verlassen, sagt Pfarrer Stauch.

Zudem riefen Glocken nicht nur zu Gottesdienst und  Gebet auf, sie verbinden Menschen in der ganzen Welt miteinander und natürlich auch die Christen in der Ökumene, so Stauch. Der Aufruf zur Einheit gelte nicht nur in der Krise. Das Glockenläuten sei ein Mahnen zum Frieden, zur gegenseitigen Rücksichtnahme und zur Achtung. Und natürlich würden die Glocken auch bei Gefahr erklingen.

Glocken läuten bei Beerdigungen und Trauerfeiern

Wie Pfarrer Stauch betont, können Glocken in der Krise nicht wie gewohnt zu freudigen Ereignissen wie etwa Taufen oder Trauungen läuten. Bei Beerdigungen und Trauerfeiern läuten sie nach einem alten Sennfelder Brauch um 10 Uhr. Anschließend 45 Minuten, 30, 15 und sieben Minuten vor der Feier auf dem Friedhof.

Im Turm der Sennfelder Dreieinigkeitskirche hängen fünf Glocken unterschiedlicher Größe und unterschiedlichen Alters. Die Geschichte der Sennfelder Glocken ist eng mit dem Schicksal der Sennfelder Dreieinigkeitskirche verknüpft, die im März 1944 zerstört wurde. Zudem wurden die Glocken während des Kriegs beschlagnahmt. Die vermutlich älteste Glocke wurde um 1700 gegossen. Zwei der Glocken wurden nach dem Wiederaufbau der Kirche neu gegossen.

Die St. Laurentius Kirche in Obereuerheim.
Die St. Laurentius Kirche in Obereuerheim. Foto: Anand Anders

Wie Glocken der katholischen Kirchen in Coronazeiten läuten

In Zeiten des Coronavirus wird in vielen katholischen Kirchengemeinden am Abend um 20 oder 21 Uhr geläutet. Wie Dekan Gregor Mühleck mitteilt, ist die Glocke eine Botschafterin, die jeden Menschen erreicht und ihn bittet, in den Tagen von Corona  achtsam mit sich und seinen Mitmenschen umzugehen, damit das Virus eine begrenzte Gefahr bleibt. Der Ruf der Glocke bedeute Achtsamkeit.

Die Glocke bitte um Gedenken, um  Fürbitte, um Hilfe und  Heilung für alle, die an Corona erkrankt sind und Stärke für alle, die für die  Kranken sorgen. Um die Ruhe am Wochenende nicht zu stören, werde am Samstag und Sonntag mancherorts auf das morgendliche Angelus-Läuten verzichtet, erklärte Dekan Mühleck.

Als es noch kein Radio und keine Smartphones gab, habe man sich ohnehin stärker an den Glocken orientiert. Diese waren weithin zu hören: "Zum Beispiel bei der Arbeit auf dem Feld", so Mühleck. Bereits ab dem 12. Jahrhundert warnten die Glocken vor Hochwasser und Feuer.  Außerdem gab es das "Wetterläuten", das damals drohende Unwetter angekündigte. "Vor Gewittern und Unwetter wird heute im Wetterbericht gewarnt", ergänzte Dekan Gregor Mühleck seine Mitteilung.

Nicht alle Glocken sind kirchlich

Bis zur Verbreitung von Taschenuhren läuteten Glocken viele Jahrhunderte auch zur Markt- und Gerichtszeit oder zur Schließung der Stadttore. Mittlerweile ist das nicht mehr möglich – auch nicht für politische Zwecke, etwa, wenn ein bedeutender Politiker stirbt. Spätestens nachdem die Nazis anwiesen, zum Geburtstag Adolf Hitlers zu läuten, sind Kirchenglocken für solche Anlässe tabu. Doch auch hier gebe es eine Ausnahme: In Deutschlands Kirchtürmen hängen gelegentlich städtische oder kommunale Glocken. Diese könnten zu kommunalen oder staatlichen Anlässen läuten – genau wie andere nicht-kirchlichen Glocken, etwa in Rathäusern.

Eine Besonderheit stellen die Kapellen dar. Ein Beispiel ist die Feldkapelle in Grafenrheinfeld. Im dortigen Glockenturm ist ein Glöckchen angebracht, das von jedem Besucher im Gebetsraum mittels Seil geläutet werden kann. Wie die Betreuerin der Kapelle, Anna Dilba, erklärt, kommen immer wieder Wanderer oder Besucher im Ort an der Kapelle vorbei, um in stiller Andacht in der Kapelle zu verweilen.

Auch in der Feldkapelle am Ortseingang von Grafenrheinfeld läuten Glocken.
Auch in der Feldkapelle am Ortseingang von Grafenrheinfeld läuten Glocken. Foto: Anand Anders
Die Glocken in der evangelische Pfarrkirche Sennfeld.
Die Glocken in der evangelische Pfarrkirche Sennfeld. Foto: Stefan Stauch

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