SCHWEINFURT

In Liebe, Hass und Trauer verbunden

Als noch Liebe war: Nikola Norgauer als Gerlinde und Hubert Schedlbauer als Georg.
Foto: Juliane Zitzsperger | Als noch Liebe war: Nikola Norgauer als Gerlinde und Hubert Schedlbauer als Georg.

Mit „Eisenstein“ ist dem aus Eggenfelden stammenden Dramatiker Christoph Nußbaumeder („Mit dem Gurkenflieger in die Südsee“) eine Saga gelungen, die das Schicksal zweier Familien mit der Geschichte der Bundesrepublik eindrucksvoll verbindet. Das allein schon ist äußert bemerkenswert. Auf eine noch höhere Ebene jedoch wird das Stück des 35-Jährigen durch die schnörkellose Inszenierung Jochen Schölchs gehoben. Es handelt sich dabei um eine Gemeinschaftsproduktion des Metropol Theaters München mit dem Theater Regensburg, die in dieser Woche in Schweinfurt gezeigt wurde. Er hat dem Drama, das durchaus in der Tradition einer Marieluise Fleißer oder eines Martin Sperr steht, den Naturalismus genommen und dem gesprochenen Wort umso größere Wirkkraft gegeben.

Das Drama setzt 1945 ein. Der Krieg geht zu Ende, die Ordnung ist völlig aus den Fugen geraten, als sich Angehörige zweiter Familien begegnen, die bis in unsere Tage in Liebe, Hass und Trauer verbunden sind.

Hannes Neumaier hat eine kühle, dustere Bühne gebaut. Gespielt wird auf nach vorne abfallenden Holzböden, fast ohne Requisiten. Im Hintergrund können die Schauspieler auf neun Stühlen Platz nehmen, von dort aus liefern sie die Geräuschkulisse – Regen, Wind, die Arbeit des Sägewerkes, italienisches Flair. Zu den einzelnen Szenen treten Schauspieler perfekt choreografiert nach vorn, für knappe kurze Szenen, die „eingefroren“ enden.

„Eisenstein“ handelt von der Lüge. Von Lebenslügen, die zwei Familien tief ins Unglück reißen. Im kleinen Ort an der tschechischen Grenze beginnt die Liebe zwischen dem armen Flüchtlingskind Georg Schatzschneider und Gerlinde aus der arrivierten Familie Hufnagel, die daran scheitern muss, dass beide möglicherweise den selben Vater haben.

Es ist das Ungewisse, das Schweigen, die Unfähigkeit ehrlich zu sein, was die Menschen immer tiefer fallen lässt. Was nutzt der aufkommende Wohlstand, was nutzt das Wirtschaftswunder, das immer größer werdende Unternehmen, wenn dabei die Menschen auf der Strecke bleiben? Aus Freunden Gegner werden?

In „Eisenstein“ wird viel gelitten. Wird gestritten, es gibt aber auch zärtliche Situation, vor allem aber wird gestorben. In den Friedhofsszenen gelingen der Inszenierung die ergreifendsten Szenen. Man hat sich unter Regenschirmen am Grab versammelt. Schweigt. An der Rampe stehen die Schuhe, die die Toten nicht mit ins Grab genommen haben. Am Schluss sind es sehr viele.

Schölchs Inszenierung ist bei den Bayerischen Theatertagen 2012 für die beste Ensembleleistung ausgezeichnet worden. Eine gute Wahl. Die Schauspieler wechseln in mehrere Rollen. Eine Mütze macht aus dem Vater den Sohn, aufgestecktes Haar aus der Tochter die Mutter. Gespielt wird äußerst präzise, der Ton stets exakt getroffen.

Eine überzeugende Gemeinschaftsleistung und doch seien Nikola Norgauer als Gerlinde, die tapfer gegen ihre Erkältung ankämpft, und Hubert Schedlbauer als Georg hervorgehoben. Das Publikum dankte ausdauernd. Karl-Heinz Körblein

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