SCHWEINFURT

NS-Zeit in Schweinfurt: Initiative gegen das Vergessen

Eine Schülerin des Bayernkollegs am Gedenkort für die ermordete polnische Zwangsarbeiterin Zofia Malczyk
Eine Schülerin des Bayernkollegs am Gedenkort für die ermordete polnische Zwangsarbeiterin Zofia Malczyk Foto: Hannes Helferich

Seit vier Jahrzehnten arbeitet die Schweinfurter Initiative gegen das Vergessen die Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus auf. Die 1981 aus dem Arbeitskreis Faschismus der DGB-Jugend hervorgegangene Arbeitsgemeinschaft wählt dabei vielfältige Formen der Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit, die gerade heute in Zeiten der wieder um sich greifenden Geschichtsklitterung, von Hass, Ausgrenzung und Rassismus wichtiger denn je ist.

Mit der Auseinandersetzung um die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter und der Gründung der Stiftung „Erinnerung, Entschädigung, Zukunft“ verlegte die Gruppe den Schwerpunkt Ende der 1990er Jahre auf dieses Thema. Zwei Gedenkorte erinnern heute an das Schicksal der Verschleppten, die vor allem in der Großindustrie, aber auch bei der Stadt, in Handwerksbetrieben und in der Landwirtschaft zur Arbeit gezwungen wurden.

Seit 2014 widmet sich die Initiative verstärkt dem Ziel, bei jungen Menschen Interesse für die Geschichte im allgemeinen, speziell aber der Stadt und der Region Schweinfurt zu wecken, und durch Aufklärung rechtsextremen Entwicklungen entgegenzutreten. „Denn junge Leute müssen wissen, was passiert ist, nur daraus können sie Schlüsse ziehen“, sagt Initiativensprecher Klaus Hofmann, unermüdlicher Motor seit der ersten Stunde.

Regelmäßige Führungen

Er hat auch die bis heute regelmäßig angebotenen Führungen konzipiert und leitet die meisten noch immer selbst. Die älteste ist die Stadtrundfahrt „Das andere Schweinfurt“. Sie führt zu den Stätten des Nationalsozialismus in Schweinfurt und hatte ihre Premiere am 9. Juli 1983. Das noch vom DGB-Arbeitskreis Faschismus herausgegebene Buch „Nach dem Krieg war keiner Nazi gewesen“ war die Grundlage. Die Idee war, über die Stätten der Nazis nicht nur zu lesen, sondern sie auch zu zeigen, weil das besser in den Kopf geht.

Die Führung „Pogrom 1938 und das jüdische Schweinfurt“ gibt es seit 1994. Obwohl die Nazis in der Stadt am Main am 10. November 1938 wüteten, findet diese längst etablierte und immer gut angenommene Führung jährlich am eigentlichen Datum des Pogroms am 9. November statt. Der Initiative ist es maßgeblich auch zu verdanken, dass der an die jüdische Gemeinde erinnernde Gedenkort am Platz der einstigen Synagoge in der Schweinfurter Innenstadt heute ein würdiges Aussehen hat und über die damaligen Geschehnisse aufklärt.

Die Zwangsarbeit ist aber Schwerpunkt. Tausende Menschen sind ab 1940 vor allem aus dem Osten nach Deutschland verschleppt worden. Sie mussten unter katastrophalen Bedingungen oft zwölf Stunden und mehr arbeiten. Mit zahlreichen der Schweinfurter Zwangsarbeitern konnte die Initiative noch sprechen – bei Besuchen in Schweinfurt oder durch Aktive der Initiative bei Reisen in die Ukraine, nach Belgien, Frankreich und Italien.

Alle Schilderungen über die Entbehrungen in den Lagern und vor allem über den fürchterlichen Hunger glichen sich. Viele Schicksalsberichte hat die Initiative dokumentiert. Besonders wichtig: Dank der intensiven Nachforschungen der derzeit sieben Akteure, die sich alle ehrenamtlich engagieren, haben rund 9000 der mutmaßlich 12 000 Zwangsarbeiter heute einen Namen. Klar ist nun, dass die Nazis gnadenlos auch junge Menschen verschleppten, viele erst zwölf, 13 oder 14 Jahre jung, und sie zur Arbeit in einem fremden Land zwangen, weit weg von Vater und Mutter.

2007 hat die Initiative nahe dem Leopoldina-Krankenhaus einen ersten Erinnerungsort an die Zwangsarbeiter geschaffen. Dort wurde im März 1945, also nur wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die damals 18 Jahre alte polnische Zwangsarbeiterin Zofia Malczyk von zwei Nazi-Polizisten erschossen.

Pflege von Erinnerungsorten

2011 wurde am Standort der einstigen großen Barackenlager der Industrie am Main ein zweiter Erinnerungsort eröffnet, zu dem ein zirka 2,5 Kilometer langer Lagerweg mit sieben erklärenden Stationen führt. Den Gedenkstein schuf der renommierte Künstler herman de vries. Er trägt die Aufschrift: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Initiative gab auch Broschüren und ein Buch zum Thema Zwangsarbeit heraus.

Das Bayernkolleg Schweinfurt kümmert sich von Anfang an um den Malczyk-Erinnerungsort, veranstaltet dort immer im März eine Gedenkfeier und beschäftigt sich in der Schule mit der Thematik. Die öffentliche Feierstunde fiel – Corona-bedingt – heuer aus, eine bereits konzipierte Ausstellung zum diesjährigen 75. Todestag von Zofia Malzcyk im Bayernkolleg findet jetzt wohl im Herbst statt. In deren Rahmen werden dann auch wieder Schüler ihre Gedanken zum Leben und Sterben der Ermordeten ausdrücken.

Die Patenschaft für den Zwangsarbeiter-Gedenkort am Main, die einige Jahre die evangelische Jugend innehatte, will das Olympia-Morata-Gymnasium Schweinfurt übernehmen. Das für Mai geplante erste Gedenken unter der Regie der Schule musste ebenso ausfallen und auf unbestimmte Zeit verlegt werden. Die Pandemie macht seit Februar auch Führungen unmöglich, wenngleich insbesondere die sieben Tafeln am Lagerweg zum Zwangsarbeiter-Gedenkort „Drei Linden“ jeden Interessierten für sich alleine ausreichend informieren.

Erfreulich wie auffällig ist, dass in normalen Zeiten viele junge Menschen bei den Führungen mitgehen, zuhören, oft erschüttert reagieren, nachfragen. Die Initiative wird regelmäßig von Schulen zu Vorträgen und Diskussionsrunden eingeladen. 2014 hat das Initiative-Mitglied Johanna Bonengel, einst Schulleiterin des Bayernkollegs, einen wichtigen neuen Baustein ins Leben gerufen: einen Geschichtswettbewerb für Schulen aller Kategorien. Die Resonanz auf die seitdem drei Wettbewerbe war enorm, hunderte junge Menschen vom Gymnasiasten bis zum Grundschüler beteiligten sich. Das Ziel, bei jungen Menschen das Interesse für die Geschichte, die vor der eigenen Haustüre stattgefunden hat, zu wecken, ist gelungen.

Die Initiative ist gut vernetzt. Sie arbeitet mit Gewerkschaften, Schulen, mit städtischen Institutionen und der Oskar-Soldmann-Stiftung Schweinfurt zusammen. Das Engagement des Sprechers der Initiative wurde bereits durch mehrere Preise honoriert. Die Initiative finanziert sich ausschließlich über Spenden. Die Oskar-Soldmann-Stiftung stellt die Preisgelder des Geschichtswettbewerbs zur Verfügung.

www.initiative-gegen-das-vergessen.de E-Mail zwangsarbeit@web.de

Der Verfasser ist Mitglied der Initiative

Am Zwangsarbeiter-Gedenkort in Schweinfurt: Klaus Hofmann, der Motor der Initiative gegen das Vergessen (links), zusammen mit dem einstigen Zwangsarbeiter  Volodymyr Zamorskyi.
Am Zwangsarbeiter-Gedenkort in Schweinfurt: Klaus Hofmann, der Motor der Initiative gegen das Vergessen (links), zusammen mit dem einstigen Zwangsarbeiter Volodymyr Zamorskyi. Foto: Hannes Helferich

Rückblick

  1. Wie die Tafel in Schweinfurt Corona trotzte
  2. NS-Zeit in Schweinfurt: Initiative gegen das Vergessen
  3. Einfach mal über den Tellerrand schauen
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