Gerolzhofen

Jugend in einem Unrechtsstaat

Autor Dirk Reinhardt las an der Realschule Gerolzhofen aus seinem Roman „Edelweißpiraten“.
Foto: Norbert Finster | Autor Dirk Reinhardt las an der Realschule Gerolzhofen aus seinem Roman „Edelweißpiraten“.

Man sah es an den Gesichtern der Schüler: Das, was Autor Dirk Reinhardt da vortrug, machte Eindruck. Was Alterskollegen vor 75 Jahren im mutigen und gefährlichen Widerstand gegen ein Unrechtsregime passierte, zeigt Wirkung auch auf heutige junge Menschen. Über eine Stunde lang verfolgten die drei 9. Klassen an der Ludwig-Derleth-Realschule höchst konzentriert die Lesung nebst Erläuterungen Reinhardts zu seinem Roman „Edelweißpiraten“.

In dem Roman geht es um etwas, was für heutige Jugendliche schon weit zurückliegt, was in den zurückliegenden Jahrzehnten nicht wiederholbar schien, jetzt aber schon: um Widerstand gegen ein politisches System, das sich das menschliche Individuum vollkommen zu eigen machen will.

Die „Weiße Rose“ als studentische Widerstandsorganisation gegen die Nationalsozialisten ist ja noch relativ bekannt, kaum aber die gar nicht so kleine Gruppe der Edelweißpiraten. Das waren tausende Jugendliche in westdeutschen Städten mit dem Zentrum Köln, die sich im Kampf gegen die NS-Diktatur zusammentaten. Sie waren zwischen 14 und 18 Jahre alt.

Am Anfang war die Bewegung noch unpolitisch, erzählte Dirk Reinhardt. Die Jugendlichen wollten in Zeiten des Krieges einen letzten Rest persönlicher Freiheit verteidigen. Bei den Edelweißpiraten handelte es sich überwiegend um Arbeiterkinder. Diese mussten automatisch auf die Volksschule; für intelligente Kinder aus dieser Schicht gab es keine Möglichkeit, auf eine höhere Schule zu gehen. An Abenden und Sonntagen mussten die Jugendlichen noch Dienst in den Organisationen der NSDAP verrichten. Die Jungen wurden dabei auf den Krieg vorbereitet, die Mädchen auf Produktion, in Westdeutschland häufig in der Textilindustrie. Freizeit blieb so gut wie keine.

Lange Haare, bunte Kleidung

Als Reaktion gingen die Edelweißpiraten zunächst einmal nicht zur Hitlerjugend. Schon das war gefährlich. Es gab Ärger, die Jugendlichen wurden auf üble Art und Weise gemobbt. Erst bildeten sich kleine Jugendbanden, die in erbitterter Feindschaft zur HJ standen, bis hin zum Straßenkampf. Die Edelweißpiraten provozierten durch ihr Äußeres, trugen lange Haare und bunte Kleidung.

Erst als sie Polizei, dann SS und Gestapo gegenüberstanden, merkten die Jugendlichen so richtig, in was für einem Staat sie lebten. Sie entwickelten nun politisches Bewusstsein und wurden militant. Im Ruhrgebiet brachten sie Nachschubzüge für die Front zum Entgleisen. Der harte Kern der Edelweißpiraten bewaffnete sich und verübte Anschläge.

Der Staat reagierte. Einige Edelweißpiraten landeten im Jugend-KZ, andere wurden öffentlich hingerichtet. Dabei mussten die Mütter zuschauen.

Aus dem Schattendasein holen

Zweierlei will Dirk Reinhardt mit seinem Roman erreichen: Erstens die Widerstandsorganisation der Edelweißpiraten aus ihrem Schattendasein zu holen und sie besser bekannt zu machen, zweitens heutigen Jugendlichen zu zeigen, wie es sich in einem Unrechtsstaat lebt.

Dazu wählte Reinhardt eine Passage aus seinem Roman aus, in der ein Edelweißpirat von zwei Gestapo-Leuten, einem „dünnen“ und einem „hässlichen“, vernommen und dabei blutig geschlagen wird.

In einem anderen Teil des Tagebuchromans, aus dem Reinhardt las, geht es um Flugblätter, die die Engländer bei Bombenangriffen in Westdeutschland mit abwarfen und darin zum Widerstand gegen das Regime aufriefen. Die Edelweißpiraten sammelten sie ein und verteilten sie in Briefkästen.

Seinen Vortrag hinterlegte der Autor mit Bildern, die Parolen der Edelweißpiraten, HJ-Aufmärsche und die Gestapo-Zentrale in Köln zeigen.

Auf Tatsachen beruhend

Der spannende Roman beruht auf Tatsachen, fiktiv sind lediglich die Figuren und ihre Namen. Edelweißpiraten sprachen sich nie mit ihren wirklichen Namen an, sondern mit Tarnnamen.

Eingangs erinnerte Rektorin Elisabeth Grimanelis daran, dass die Nationalsozialisten bei freien Wahlen in der Endphase der Weimarer Republik nie eine Mehrheit erreicht hatten. Trotzdem sei es ihnen geklungen, ein menschenverachtendes System in Deutschland zu etablieren.

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