SCHWEINFURT

Junge Wilde und ihr Putsch

Kunsthalle: Im Nordflügel der ständigen Sammlung ist interessantes Neues zu sehen
Heiko Herrmanns Skulptur „Diana“ im Nordflügel der Kunsthalle vor einem Gemälde aus der Schenkung Naujoks.
Heiko Herrmanns Skulptur „Diana“ im Nordflügel der Kunsthalle vor einem Gemälde aus der Schenkung Naujoks. Foto: Jan Soldin

Die Kunsthalle Schweinfurt zeigt im völlig neu gestalteten Nordflügel der ständigen Sammlung die „jungen wilden“ Gruppen, die als künstlerische Opposition die jüngere Kunstgeschichte prägten. Dafür steht während der Emanzipationsbewegungen der späten 1950er Jahre und dem gesellschaftskritischen Aufbegehren gegen die Adenauer-Ära in Süddeutschland etwa die Gruppe SPUR.

Ein Jahr nach ihrer Gründung gab diese 1958 ihr erstes Manifest als Flugblatt heraus, das mit Aussagen wie „Wer Kultur schaffen will, muss Kultur zerstören“ für Zündstoff sorgte. Die Mitglieder, unter anderem Lothar Fischer, HP Zimmer, Helmut Sturm oder Heimrad Prem, wandten sich künstlerisch gegen das Informel, das die Kunsthalle im vorherigen Flügel des Rundgangs durch die ständige Sammlung präsentiert, und die abstrakte Malerei, einem „hundertfach abgelutschten Kaugummi“. Doch nicht nur mit ihren kreativen Wegen, der stark gestischen und farbfreudigen Malerei, sorgte SPUR für Aufsehen, sondern genauso mit vehementen Positionen gegen Staat, Politik, Kirche, Wirtschaft und Militär.

„Die Kunst ist die letzte Domäne der Freiheit und wird sie mit allen Mitteln verteidigen“, heißt es im ersten Manifest weiter. Mit diesem Anspruch schreckte Helmut Sturm auch nicht davor zurück, sich ironisch seinen Gruppenkollegen zu widmen. In seinem ausgestellten „Portrait auf Temperamenter“ lässt etwa das abstrahierte Gesicht links im Zusammenhang mit den dunklen, kalten Farben auf das Temperament des Cholerikers schließen. Gleichzeitig sollen die gemalten Charakterisierungen aber auch ironische Beschreibungen von Sturms Malerkollegen Heimrad Prem und HP Zimmer sein.

SPUR und die weiteren Künstlergruppen waren auch über Ländergrenzen hinweg äußerst gut vernetzt, um ihre künstlerischen, politischen und gesellschaftlichen Ziele zu erreichen. HP Zimmer war beispielsweise Mitglied der Situationistischen Internationale, einer europäischen linken Gruppe von Künstlern und Intellektuellen. Kreative Inspiration fand SPUR bei der länderübergreifenden Bewegung CoBrA (gebildet aus den Stadtkürzeln für Kopenhagen, Brüssel und Amsterdam), deren Lichtgestalt Asger Jorn beispielsweise gleichfalls bei der Situationistischen Internationalen war.

Diese überstaatlichen Verflechtungen repräsentiert in der Kunsthalle etwa der niederländische Dichter und Maler Lucebert, dessen Werk „De verschijning (Das Aussehen)“ die selbst beschriebene „ganze zügellose Bande, die Schar von Meuterern voll abenteuerlicher Exzesse, die mich seit Jahren malträtiert und schindet“ beinhaltet. Gleichzeitig zeichnet das Bild der typisch breite gestische Pinselstrich und die Farbfreude von CoBrA und SPUR aus.

Die Künstlergruppen jener Jahre entfalteten eine starke Eigendynamik. Neben SPUR existierte im Süden noch der Zusammenschluss WIR, gegründet von Helmut Rieger, Florian Köhler und Heino Naujoks. Eine Schenkung von zwei eindrucksvollen Großformaten des Letzteren bereichert erst seit Kurzem die ständige Sammlung der Kunsthalle, die sich weniger als „Dauer“-Ausstellung, denn als lebendige, wandelbare Präsentation dieser hochqualitativen Bestände versteht. WIR bezogen sich deutlicher als SPUR auf lokale Traditionen wie den bayerischen Barock als Ausgangspunkt für ihre fortschreitende künstlerische Entwicklung.

Beide schlossen sich 1965 zusammen und formierten GEFLECHT, vertreten unter anderem durch die eigens in die Sammlung integrierte Schenkung der damals „jungen und wilden“ Künstler der Münchner Galerie van de Loo. Deren gemeinsames Atelier GEFLECHT-Keller in der Münchener Herzogstraße war nicht nur Ausstellungs- und Arbeitsstätte, sondern genauso Ort gesellschaftspolitischer Debatten. Damit setzte sich die Tradition aller genannter Gruppen fort, umfassend politisch zu wirken. Das Erbe des Münchner GEFLECHTs führte ab 1975 das nach dem Atelierstandort benannte Kollektiv Herzogstraße weiter, das etwa durch Heiko Herrmanns großformatige „Göttliche Komödie“ vertreten ist, deren Ankauf die Kulturstiftung Schweinfurt mit ermöglichte. Damit vereint der Nordflügel der ständigen Sammlung der Kunsthalle mehrere Jahrzehnte revolutionär gedachte, kritische und neue Wege beschreitende Kunst nicht nur des süddeutschen Raums.

Wegen der Ausgangsbeschränkungen im Rahmen der Corona-Pandemie ist die Kunsthalle noch geschlossen. Wann wieder geöffnet werden kann, erfahren Sie aus der Tagespresse sowie auf der Internetseite der Kunsthalle unter www.kunsthalle-schweinfurt.de

Die regulären Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, donnerstags ist von 10 bis 21 Uhr geöffnet. Jeden 1. Donnerstag im Monat ist der Eintritt frei. Anfragen per Mail unter info@kunsthalle-schweinfurt.de

Helmut Sturms „Portrait auf Temperamenter“, 1961, Öl auf Leinwand, hängt in der neu gestalteten Ausstellung im Nordflügel der Kunsthalle.
Helmut Sturms „Portrait auf Temperamenter“, 1961, Öl auf Leinwand, hängt in der neu gestalteten Ausstellung im Nordflügel der Kunsthalle. Foto: VG Bild-Kunst/Soldin
Einblick in die Neuhängung im Nordflügel der Kunsthalle.
Einblick in die Neuhängung im Nordflügel der Kunsthalle. Foto: Jan Soldin
Raum zum Verweilen und Betrachten der Kunst gibt es genügend.
Raum zum Verweilen und Betrachten der Kunst gibt es genügend. Foto: Jan SOldin
Der lange Gang zu Beginn der Ausstellung mit neuer Hängung.
Der lange Gang zu Beginn der Ausstellung mit neuer Hängung. Foto: Jan Soldin
De verschijning, 1993, Öl auf Leinwand, von Lucebert.
De verschijning, 1993, Öl auf Leinwand, von Lucebert. Foto: VG Bild-Kunst/Soldin

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