Gaibach

Kampf um die Köpfe und die Straße

Beschäftigung mit Rechtsextremismus: Schüler der neunten und zehnten Klassen am Frankenlandschulheim Schloss Gaibach verfolgten die Ausstellungseröffnung zu diesem Thema. Mit im Bild stellvertretender Landrat Robert Finster (links), Referentin Birgit Mair (Mitte), Bürgermeister Horst Herbert und Schulleiter Wolfgang Kremer (rechts).
Foto: Norbert Finster | Beschäftigung mit Rechtsextremismus: Schüler der neunten und zehnten Klassen am Frankenlandschulheim Schloss Gaibach verfolgten die Ausstellungseröffnung zu diesem Thema.

Die Schüler der Mittleren Jahrgänge am Franken-Landschulheim Schloss Gaibach (FLSH) gehören nicht mehr zu jenen Generationen, die das Thema Nationalsozialismus mit dem Satz „Lasst uns damit endlich in Ruhe“ einfach und schnell vom Tisch wischen.

Mit voller Konzentration verfolgten die Neunt- und Zehntklässler am Donnerstag den Vortrag „Neonazismus und Rassismus in Nordbayern und Handlungsstrategien dagegen“, den Birgit Mair für die Friedrich-Ebert Stiftung hielt. Anlass war die Eröffnung der Ausstellung „Rechtsradikalismus in Bayern“ in den Räumen der Schule, die die Musiklehrer Gerd Semle und Gerhard Cäsar mit Klezmer-Musik eindrucksvoll begleiteten.

„Es ist fast ein wenig traurig, dass erst ein Ereignis wie in Stammheim kommen muss, um eine solche Ausstellung in unsere Schule zu bringen“, übte Schulleiter Wolfgang Kremer eingangs leichte Selbstkritik. Mit dem Stammheimer Ereignis meinte er die Ansiedlung der neonazistischen Partei „Die Rechte“, die im Winzerort an Pfingsten ihre Landesparteizentrale eröffnete.

Der stellvertretende Kitzinger Landrat Robert Finster fand es gut, dass sich die Gaibacher Schüler mit dem Thema Rechtsextremismus auseinandersetzen. Wer sich für die Demokratie engagieren wolle, könne das auch bei einer der demokratischen Parteien tun, lautete Finsters Einladung. „Die sind gar nicht so schlecht wie ihr Ruf.“

Horst Herbert sah eine Möglichkeit des Engagements auch im Runden Tisch in Stammheim, der offen nicht nur für Stammheimer ist und jeden Mittwoch um 19.30 Uhr zusammentrifft.

Birgit Mair, die in Nürnberg das Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung mitbegründet hat, sieht es zunächst einmal als eminent wichtig an, die jetzige „sehr aufmerksame, offene und interessierte Generation“ mit noch lebenden Zeitzeugen des Holocaust zu konfrontieren, so lange es noch geht.

Die Rechtsextremismus-Expertin und Buchautorin befürchtet, dass jetzt bald auch die Partei „Alternative für Deutschland (AfD) zu ihrem Repertoire gehören wird. 20 bis 40 Prozent aller Deutschen haben eine rassistische Einstellung. Rassismus gehöre zum Rechtsextremismus, aber nicht alle mit dieser Einstellung seien bereits Neonazis. In Gestalt der Flüchtlingsdebatte biete der Rassismus aber eine gute Einstiegsmöglichkeit für Neonazis in die Mitte der Gesellschaft.

Wohl in der Voraussicht eines kommenden NPD-Verbots haben sich drei rechte Kleinparteien gebildet: Die Rechte, der III. Weg und Die Freiheit.

Methoden, um an Jugendliche heranzukommen, sind nach Mair Schulhof-CDs und Aufkleber. Das gehe allerdings im Moment etwas zurück, wohl aus finanziellen Gründen. Wenig bekannt ist, dass Rechte auch an Lehrer heranzukommen versuchen mit Material für einen alternativen Geschichtsunterricht. Und sie versuchen, sich modern zu geben mit Kochshows zum Beispiel zum Thema „Männer kochen vegan“.

Was sind wirkungsvolle Methoden gegen Rechts? Ein starkes Mittel ist in den Augen Mairs die Demonstration, wie auch in Stammheim geschehen. „In Stammheim wurde alles richtig gemacht“, meint Mair.

Die Fragen der Schüler gingen ins Detail. Wie kann sich ein junger Mensch für rechte Ideen begeistern, lautete eine. Oft stecke das Elternhaus dahinter, sagt Mair. Oft auch eine Vernachlässigung durch das Elternhaus. In einer rechten Gruppe sehen Jugendliche plötzlich Aufgaben und Machtpotenzial. Wenn einer nur eine Ordnerbinde für einen Aufmarsch bekommt, ist das schon was.

Welche Rolle spielt Adolf Hitler für junge Rechte, wollte ein anderer Schüler wissen. „Nach wie vor eine große. Die meisten würden am liebsten mit einem Hitler-T-Shirt rumlaufen, wenn das erlaubt wäre“, meint die Referentin.

Die Ausstellung, konzipiert ebenfalls von der Friedrich-Ebert-Stiftung, zeigt auf Schautafeln, worum es denn Rechten geht: Kampf um die Köpfe, die Straße, die Parlamente, schließlich Kampf für einen organisierten Willen. Die Idee, diese Ausstellung nach Gaibach zu bringen, hatte Bernhard Seissinger, ein Stammheimer, der Lehrer in Gaibach ist. Umgesetzt haben die Idee die Kollegen der Fachschaft Geschichte.

Die Ausstellung ist täglich von 9 bis 17 Uhr für dien Öffentlichkeit zugänglich. Die Schule bittet jedoch um kurze Meldung unter Tel. (09381) 8 06 20, denn man möchte schon wissen, wer sich gerade im Haus befindet. Auf Wunsch führen Geschichtslehrer durch die Ausstellung. Auch die Neunt- und Zehntklässler der Gaibacher Zweigstelle in Gerolzhofen werden die Ausstellung besuchen.

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