Schweinfurt

Kommen die Heimkinder derzeit zu kurz?

Im Rahmen der Lockerungen während der Corona-Krise vermisst ein Kinderheim-Leiter die Beachtung der Einrichtungen. Im Interview erklärt Rainer Brandenstein, warum.
Freut sich, dass die Kids wieder auf den Basketballplatz dürfen: Rainer Brandenstein, der das Haus Marienthal leitet.
Freut sich, dass die Kids wieder auf den Basketballplatz dürfen: Rainer Brandenstein, der das Haus Marienthal leitet. Foto: Dominik Großpietsch

Während sich in Bayern die meisten Menschen über die Ablösung der Ausgangsbeschränkung durch eine Kontaktbeschränkung freuen, ist Rainer Brandenstein nur bedingt zum Lachen zu Mute. Der 60-Jährige leitet seit 2005 das Schweinfurter Kinderheim Haus Marienthal, das 1852 als Waisenhaus gegründet wurde. Derzeit leben 45 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 18 Jahren in fünf Wohngruppen und einer Wohngemeinschaft am Rande der Innenstadt sowie in den früheren Ledward Barracks. Sie würden zu wenig beachtet, findet der Sozialpädagoge. Ein Gespräch über Herausforderungen, Abwägungen und die Sehnsucht nach dem Gewohnten.

Frage: Herr Brandenstein, Sie haben sich zu Wort gemeldet und kritisieren den Umgang der Staatsregierung mit den Heimen. Was passt Ihnen nicht?

Rainer Brandenstein: Die Staatsregierung befasst sich nicht mit den Problemen, die unsere Mitarbeiter und die Kinder, die bei uns untergebracht sind, derzeit haben. Bei der Debatte um Sonderzahlungen wurden das Pflegepersonal und die Leute erwähnt, die in den Einrichtungen der Behindertenhilfe arbeiten. Die, die sich um Kinder mit anderen Problemen kümmern und sich auch einer großen Ansteckungsgefahr aussetzen, fallen unter den Tisch, hätten aber auch eine kleine Aufmerksamkeit verdient.

Mit welchen Problemen haben Sie denn momentan zu kämpfen?

Brandenstein: Die Erzieher müssen all ihre pädagogischen Fähigkeiten aufbringen. Kinder, die ganz unterschiedliche Probleme im Sozialverhalten oder ADHS haben - manche von ihnen sind auch von einer psychischen Behinderung bedroht, durften wochenlang nicht raus, nicht in die Schule, nicht zur Familie. Das zehrt an den Nerven aller Beteiligten.

Normalerweise werden die Erzieher ja durch die Vormünder oder das Jugendamt unterstützt – oft auch mithilfe von Besuchen im Heim. War das während der Ausgangsbeschränkung noch möglich?

Brandenstein: Nein, das ging wegen des Betretungsverbots unserer Einrichtung nicht. Selbst die Elternkontakte waren verboten. Das schlägt manchen Heranwachsenden so sehr aufs Gemüt, dass sie Schlafstörungen bekommen. Das ist heftig, die Situation wurde immer unerträglicher. Deswegen bin ich froh, dass jetzt wieder Kontakte möglich sind, die Wohngruppen mal in den Park oder auf den Basketballplatz dürfen.

"Kinder, die ganz unterschiedliche Probleme haben - manche von ihnen sind auch von einer psychischen Behinderung bedroht, durften wochenlang nicht raus, nicht in die Schule, nicht zur Familie. Das zehrt an den Nerven aller Beteiligten."
Rainer Brandenstein über die Situation in den Heimen
Zudem dürfen manche Kinder ja wieder in die Schule. Wochenlang war auch das nicht denkbar. Viele Eltern wurden durch Homeschooling an ihre Grenzen gebracht. Wie lief’s denn im Heim?

Brandenstein: Wir waren gar nicht darauf vorbereitet, den Schulbetrieb aufzufangen, entsprechend schwierig war es. Unser Personalschlüssel ist nicht darauf ausgelegt, zudem haben die Erzieher zu diesen Zeiten eigentlich frei. Teilweise müssen sie nun immer noch den Lehrer spielen, obwohl sie nicht dafür ausgebildet sind. Während die Kids in ihren Zimmern sind, müssen die Betreuer das Arbeitsmaterial zusammenstellen und aufpassen, dass die Aufgaben erledigt werden.

Und am Nachmittag fiel dann bis vor Kurzem noch die gewohnte Freizeitgestaltung flach.

Brandenstein: Teilweise ist das immer noch so. Einige Jungs spielen Fußball im Verein, ein paar Mädchen machen Yoga, das geht nicht - und das sorgt auch für Spannung. Sie sehnen sich danach, ihre Vereinskameraden und Freunde wiederzusehen.

Nachdem Sie versucht haben, Ministerpräsident Markus Söder per Mail auf Ihre Anliegen aufmerksam zu machen, gab es eine Antwort, die der Redaktion vorliegt. In der ist zu lesen, dass die Situation für die Mitarbeiter in Kinderheimen "entspannter" sei als in der Alten- und Behindertenhilfe, da Kinder weniger gefährdet seien. Trifft es das?

Brandenstein: Ich finde nicht, dass man die Arbeit in verschiedenen Heimen gegeneinander aufwiegen kann – egal, ob man die Bewohner oder das Personal betrachtet. Die Bewohner sehnen sich nach dem, was sie schätzen, werden mit zunehmender Dauer unruhig und das Personal kann wenig Abstand halten. Dass es überhaupt zu einer solchen Einschätzung kommt, liegt wohl auch daran, dass sich die Politik nicht mal die Mühe macht, sich ein Bild von der Lebenssituation dieser jungen Menschen und ihrer Familien zu machen, die keine Lobby haben.

Abstand halten – gutes Stichwort: Glauben Sie, dass die Kinder und Jugendlichen mit den derzeitigen Regeln, auch auf längere Sicht, gut leben können?

Brandenstein: Das kommt auf das Ausmaß ihrer Einschränkungen und auf ihre Einsicht an. Unseren Heimkindern wäre schon sehr geholfen, wenn sie mal mit zwei oder drei Freunden, die nicht bei uns wohnen, wieder mal etwas außerhalb unseres Geländes erleben könnten. Mit konkreten Forderungen möchte ich mich aber zurückhalten – ich weiß, wie schwierig das Ganze ist.

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