Schweinfurt

Kreis Schweinfurt: Was aus den Corona-Hilfsangeboten geworden ist

Neben Nachbarschaftshilfen haben sich zu Beginn der Pandemie viele Netzwerke gegründet, um Helfer und Hilfesuchende zusammen zu bringen. Doch werden die Plattformen noch genutzt?
Eine Frau hilft ihrer Nachbarin, in dem sie Lebensmittel für sie eingekauft hat. Braucht es dafür noch Vermittler-Plattformen?
Foto: Roland Weihrauch, dpa | Eine Frau hilft ihrer Nachbarin, in dem sie Lebensmittel für sie eingekauft hat. Braucht es dafür noch Vermittler-Plattformen?

Unzählige Corona-Hilfsangebote sind im Raum Schweinfurt mit Beginn der Pandemie wie Pilze aus dem Boden geschossen. Ob Schüler, Vereine, Nachbarn oder Social-Media-Nutzer – sie alle verband ein Ziel: kranken, hilfsbedürftigen oder alten Menschen zu helfen. Egal, ob es sich um den Lebensmitteleinkauf handelte oder um Botengänge. Die Zahl der Helfer war riesig, doch im Vergleich dazu war schon im Frühjahr 2020 die Nachfrage eher gering. Doch wie sieht es fast ein Jahr später aus?

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"Die Hilfsbereitschaft ging nach dem Shutdown regelrecht durch die Decke", berichtete Britta Maier-Brunnhuber, Gründerin der Facebookseite "Corona-Hilfe Schweinfurt", im Mai vergangenen Jahres. Mit fast 3000 Mitgliedern habe man nach wenigen Wochen eine große Bandbreite an Leistungen anbieten können. Dabei ging es vor allem darum, Einkäufe von Menschen zu übernehmen, die es selbst nicht schaffen oder ihre Wohnungen aus Sicherheitsgründen nicht verlassen können.  Damals hätten sich auf eine Anfrage meist 20 Menschen gemeldet, die ihre Hilfe angeboten haben. Nun, im Januar 2021, sagt Maier-Brunnhuber, brauche es ihre Plattform gar nicht mehr, die Bevölkerung habe sich selbst organisiert.

Bevölkerung hat sich neu strukturiert

"Unser Problem ist nicht mehr, wo man die Leberwurst herbekommt", sagt die Schweinfurter Immobilienmaklerin. Damals, zu Beginn der Pandemie, seien die Menschen verunsichert, ein Hilfenetzwerk willkommen gewesen. "Diese totale Panik gibt es heute nicht mehr." Der Schrecken des Anfangs sei verflogen, nun hätten sich Strukturen entwickelt, in denen Kinder für die Eltern sorgen, in denen der Nachbar für die Oma Klopapier einkauft. Eine gesammelte Plattform brauche es dafür nicht mehr.

"Ich bin eigentlich nur noch damit beschäftigt, Werbung und Verschwörungstheorien rauszulöschen."
Britta Maier-Brunnhuber, Gründerin der Facebookseite "Corona-Hilfe Schweinfurt"

Zwar existiere die Facebookseite "Corona-Hilfe Schweinfurt" noch, jedoch passiere dort nahezu nichts mehr. "Ich bin eigentlich nur noch damit beschäftigt, Werbung und Verschwörungstheorien raus zu löschen", so die 42-Jährige. Für Maier-Brunnhuber brauche es derzeit deshalb keine Netzwerke für Privatpersonen mehr. "Hilfsplattformen für Unternehmen wären mittlerweile aber notwendig." Denn vor allem die Wirtschaft sei es, die noch lange unter der Krise leiden wird.

Nachbarschaftshilfen nach wie vor aktiv

Etwas anders ist es bei der Nachbarschaftshilfe in Gochsheim. Sie wurde ebenfalls mit Beginn der Pandemie gegründet, war aber von Anfang an als langfristige Hilfsplattform über die Corona-Zeit hinaus gedacht. Mitte März starteten die Ehrenamtlichen einen Einkaufsservice für Risikogruppen und hilfsbedürftige Personen. Mittlerweile haben sich der Nachbarschaftshilfe über 60 ehrenamtliche Helfer angeschlossen. "Wir sind nach wie vor sehr aktiv", sagt Initiator Tobias Spitzner nun fast ein Jahr später. Zwar betont der 31-jährige Gochsheimer, dass der Hilfebedarf im März 2020 noch deutlich größer war, jedoch bringe man nach wie vor Helfer und Hilfesuchende zusammen.

Auch die Nachbarschaftshilfe Gochsheim wurde aufgrund der Corona-Pandemie gegründet, im Bild das Logo.
Foto: Nachbarschaftshilfe Gochsheim | Auch die Nachbarschaftshilfe Gochsheim wurde aufgrund der Corona-Pandemie gegründet, im Bild das Logo.

Außerdem, so Spitzner, haben sich die angebotenen Hilfsleistungen mit der Zeit einfach verändert. Waren es am Anfang überwiegend Besorgungen für Hilfesuchende, die selbst nicht einkaufen konnten, haben sich die Angebote mittlerweile zu einer "Förderung der Gemeinschaft" entwickelt, so Spitzner. Neben dem Verteilen von Masken würden die Ehrenamtlichen demzufolge auch beim Schneeschippen oder beim Ausräumen von Kellern helfen. Außerdem gebe es immer wieder Aktionen, wie etwa an Weihnachten, als Plätzchen gebacken und verteilt wurden. In Gochsheim funktioniere die Nachbarschaftshilfe, die sich über Facebook, Telefon oder Mail organisiert, also auch unabhängig von Corona.

Und trotzdem vermutet Spitzner, werde die Nachfrage aufgrund der immer schärferen Lockdown-Einschränkungen wieder steigen. "Auch wenn wir an das Niveau von März 2020 sicher nicht mehr herankommen." Der Initiator beobachtet jedoch bereits Parallelen zwischen der wachsenden Anfrage und den wieder steigenden Infektionszahlen. "Alleine, wenn wieder mehr Leute in Quarantäne sind, brauchen auch wieder mehr Menschen Hilfe beim Einkaufen."

Sennfelder Nachbarschaftshilfe: Viel hat sich durch Corona nicht geändert

Den Bedarf an Hilfe sieht auch Helmut Bandorf nach wie vor. Seine Sennfelder Nachbarschaftshilfe "Buntes Netz" gibt es bereits seit 2013. Die "soziale Feuerwehr", wie sie im Ort genannt werde, habe mit Beginn der Coronakrise mehr Hilfsbedarf als zuvor festgestellt. Jedoch hätte man schon damals mit deutlich mehr gerechnet. "Wir helfen beispielsweise bei spontanen Notfällen oder beim Einkaufen", so Bandorf. Rückblickend auf fast ein Jahr Corona-Pandemie stellt Bandorf nun fest, dass sich im Vergleich zu davor nicht wirklich viel geändert habe.

Neben spontanen Fahrten, etwa um ein Rezept bei der Apotheke abzuholen, übernimmt das "Bunte Netz" vor allem auch Vermittler-Aufgaben. "Die Leute fragen uns beispielsweise, wie und wo sie sich testen lassen können", erklärt Bandorf. Dann helfe man gerne weiter und vermittle an Profis. Denn für viele Gemeindebewohner sei man in solchen Fällen der erster Ansprechpartner. Und auch, wenn die Pandemie die Arbeit des Hilfsnetzwerks nicht maßgeblich verändert hat, sorgte Corona zumindest für Zuwachs. Mittlerweile gehören dem "Bunten Netz" 30 Ehrenamtliche an, erzählt Bandorf.

Wo die Hilfsangebote gebündelt sind

Neben langjährigen Nachbarschaftshilfen gibt es im Landkreis Schweinfurt zahlreiche Hilfsplattformen, die sich aufgrund der Corona-Pandemie gegründet haben. Gebündelt koordiniert werden diese von der "Servicestelle Ehrenamt" des Landratsamtes, ehemals Freiwilligenagentur "GemeinSinn"Deren Leiterin, Katrin Schauer, freute sich bereits im vergangenen Jahr über rund 30 solcher Organisationen.

Über die zentrale Koordinierungsstelle wurden beispielsweise auch Einkaufsdienste durch BRK oder Nachbarschaftshilfen vermittelt.
Foto: BRK Schweinfurt | Über die zentrale Koordinierungsstelle wurden beispielsweise auch Einkaufsdienste durch BRK oder Nachbarschaftshilfen vermittelt.

Laut Angaben des zuständigen Landratsamtes haben sich die freiwilligen Corona-Hilfen im Landkreis Schweinfurt im Laufe des Pandemiegeschehens und im Zusammenhang mit den Schutzmaßnahmen jeweils verändert. Die spontanen Hilfsangebote vieler einzelner Personen habe man gesammelt und vermittelt. So organisierte die Freiwilligenagentur beispielsweise zusammen mit Caritas und Diakonie zwei "Runde Tische" der Nachbarschaftshilfen. Dabei sei es vor allem darum gegangen, bestehende Initiativen und Helfende zusammen zu bringen.

Aktuell würden etwa Nachfragen bezüglich der Schutzimpfung auch an die Koordinatoren der Nachbarschaftshilfen herangetragen. Ansonsten werde der Einkaufsdienst von Personen, die sich gerade in Quarantäne befinden, am häufigsten benötigt. Die Situation der Freiwilligen habe sich, so das Landratsamt, nach den Lockerungen des ersten Lockdowns im Frühjahr des vergangenen Jahres verändert. Telefonische Nachfragen ergaben, dass potentielle Helferinnen und Helfer auf Grund von Studium oder dem Ende der Kurzarbeit in den Sommermonaten nicht mehr vor Ort beziehungsweise einsatzbereit waren. Somit hat sich der Stamm der potentiellen Helfer eingependelt und man könne bei Bedarf jederzeit stabil darauf zugreifen. Nun herrsche ein "relativ ausgewogenes Verhältnis zwischen Helfern und Hilfesuchenden".

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